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dpa

Interview zum Fall Mixa

"Ein Ärgernis für die Gläubigen"

Hans Joachim Meyer spricht im FR-Interview über den Fall Mixa, die Intransparenz kirchlicher Entscheidungen und die Notwendigkeit, Laien stärker zu beteiligen.

Herr Meyer, was sagen Sie zur Performance der Bischöfe im Fall Mixa?

Ich finde das - wie jeder Katholik, dem an seiner Kirche liegt - alles ganz schrecklich. Es ist aber die Folge der allgemeinen Intransparenz kirchlicher Entscheidungen. Der einzelne, überaus bedrückende Fall muss Mahnung und Anstoß sein, die grundsätzlichen Mängel abzustellen.

Nämlich?

Bei der Besetzung leitender Ämter herrschen Undurchschaubarkeit und Willkür - ob in den Bistümern oder in Rom. Die Geschehnisse in Augsburg zeigen überdeutlich, dass Reformen überfällig sind - und zwar Reformen, die sich aus dem Selbstbild, das die Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil von sich gezeichnet hat, zwingend ergeben. Und das immer schon falsche Argument, es komme in der Kirche allein auf den Glauben an, Strukturfragen seien höchst nebensächlich, hat sich jetzt endgültig erledigt.

Welche Reformen konkret?

Die Laien müssen an der Auswahl der Bischöfe beteiligt werden. Die Kirche lebt als Gemeinschaft vor Ort und weltweit. Diese doppelte Dimension muss sich in der Art widerspiegeln, wie ein Bischof in sein Amt gelangt.

Mehr Demokratie in der Kirche?

Ich rede mit Bedacht nicht von Demokratie. Das könnte so gedeutet werden, als sollte der Kirche etwas Fremdes übergestülpt werden. Die Kirche heute braucht nur aus ihrer eigenen Geschichte zu lernen, in der synodale Strukturen gute Tradition haben. Wenn sie zugleich aus den Erfahrungen der Gegenwart lernt, in der man lebt - umso besser!

Was also lernt die Kirche für die Auswahl von Bischöfen?

Ein Bischof braucht das Vertrauen des Kirchenvolkes vor Ort in gleicher Weise wie das Vertrauen Roms und des Bischofskollegiums. Ich kann mir selbstverständlich keinen katholischen Bischof vorstellen, der gegen den Willen des Papstes berufen wird. Aber den Rückhalt der Gläubigen halte ich für ebenso wesentlich.

Mehrheiten sichern aber nicht die Auswahl der Besten. Auch das lehrt die Demokratie.

Diesen Einwand können Sie gegen jedes Verfahren vorbringen. Garantien gibt es ohnehin keine. Aber ob Menschen sich beteiligt fühlen und Entscheidungen mittragen, das ist schon wesentlich.

Wie soll die Beteiligung genau funktionieren?

Dazu werde ich jetzt nichts sagen, weil solch ein konkreter Vorschlag dann sofort zerredet wird, statt den Grundsatz anzuerkennen: die Beteiligung der Ortskirchen. Aus der Kirchengeschichte ist aber auch völlig klar: Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Und wer nach Augsburg schaut, dem springt doch ins Auge: Mit Beteiligung des Volkes wäre dieser Bischof ebenso wenig jemals in sein Amt gekommen, wie er jetzt um sein Amt gekommen ist.

Wieso das?

Ja, nun. Da verschwindet ein Bischof aus seinem Amt, und die Diözese muss einfach zusehen! Das ist ein einziges Ärgernis für die Gläubigen. Sie sind es in einer freien Gesellschaft gewohnt, ernst genommen und in entscheidenden Fragen nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Hier dagegen wird ihnen das Kommen und Gehen eines Bischofs gleichsam als ein schicksalhaftes Ereignis zugemutet.

Frau Käßmann hat auch niemanden gefragt, ob sie ihr Bischofsamt aufgibt oder nicht.

Ich bitte Sie! Natürlich kann jeder Amtsträger aus persönlichen Gründen zurücktreten. Der Fall Mixa aber geht weit über diese Ebene hinaus.

War es richtig, dass die deutschen Bischöfe Mixa zu einer "Auszeit" gedrängt und damit den Konflikt öffentlich gemacht haben?

Ich denke, die beteiligten Bischöfe haben verantwortungsvoll gehandelt. Ohne ihr offenes Handeln wäre alles noch viel schlimmer. Der Intransparenz mit neuer Undurchsichtigkeit zu begegnen - wohin hätte das führen sollen? Und machen wir uns nichts vor: Öffentlich wären die Dinge sowieso geworden. Das haben die vergangenen Tage doch gezeigt mit den erschütternden Berichten über Mixas Lebenswandel.

Welche weiteren Reformen fordern Sie?

Die Zölibatsverpflichtung für alle Geistlichen muss fallen. Es ist doch unübersehbar, dass die Kirche an diesem Kirchengesetz zugrunde zu gehen droht, weil sie ihren pastoralen Aufgaben gar nicht mehr nachkommen kann. Offenkundig zielt der Pflichtzölibat auf Menschen, die eine bestimmte Einstellung zur Sexualität haben. Ich will nicht missverstanden werden: Es gibt das große Ideal von der "Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen". Aber schon Jesus hat dazu gesagt: "Wer es fassen kann, der fasse es." Daraus lässt sich keine allgemeinverbindliche Norm machen. Wir müssen also darüber nachdenken, in welchen anderen Lebensformen priesterliche Existenz heute möglich ist. Aber da wird bislang ja jeder gedeckelt, der den Mund aufmacht. Und ein weiteres ganz großes Thema steht an?

? die Frauenfrage?

Ja. Die jetzige Stellung der Frauen mit dem Ausschluss von den geistlichen Ämtern ist weder überzeugend noch befriedigend. Mit Gesprächsverboten geht die Kirchenleitung genau den falschen Weg. Das Problem lässt sich nicht verbuddeln. Es kommt immer wieder an die Oberfläche.

Mit Frauen in leitenden Ämtern kein Missbrauchsskandal?

Das ist mir zu holzschnittartig. Aber dass die Lebensklugheit von Frauen ein Schatz ist, den die Kirche bisher nur sehr begrenzt hebt, das ist offenkundig. Wer sich einen solchen Schatz entgehen lässt, zahlt immer einen Preis.

Interview: Joachim Frank

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