+
Naziverbrecher Adolf Eichmann (2.v.l) am ersten Prozesstag vor dem Bezirksgericht in Jerusalem (Archivfoto vom 11.04.1961): Der BND kannte seinen Aufenthaltsort schon in den 50ern.

NS-Vergangenheit

Eichmann-Akte im Giftschrank?

Informierte der westdeutsche Geheimdienst bereits 1953 über den Aufenthaltsort des Nazi-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann? Eine Akte im Bundeskanzleramt lässt das vermuten. Doch niemand darf das Dokument sehen.

Von Andreas Förster

Informierte der westdeutsche Geheimdienst bereits 1953 über den Aufenthaltsort des Nazi-Kriegsverbrechers Adolf Eichmann? Eine Akte im Bundeskanzleramt lässt das vermuten. Doch niemand darf das Dokument sehen.

Die Organisation Gehlen, der Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, hat offenbar schon deutlich früher als bislang bekannt Informationen über das Versteck von Adolf Eichmann preisgegeben. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung an den Bundestagsabgeordneten Jan Korte (Linke) hervor, der nach gesperrten Unterlagen über die NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann und Klaus Barbie gefragt hatte. Demnach soll sich in einer gesperrten Akte ein Hinweis darauf finden, dass die Organisation Gehlen bereits 1953/54 den Nazijäger Simon Wiesenthal über den Aufenthalt Eichmanns in Südamerika in Kenntnis gesetzt hatte.

Vergangenes Jahr war eine 1952 von der Organisation Gehlen (Org) angelegte Karteikarte bekannt geworden, nach der sich Eichmann „unter dem Decknamen CLEMENS in Argentinien“ aufhalte. Ein dort lebender deutscher Chefredakteur kenne dessen Anschrift, steht in dem Dokument. Für Empörung hatte gesorgt, dass der deutsche Geheimdienst diese Information angeblich erst 1958 an einen US-Agenten weitergegeben haben soll.

In der Anlage zur Antwort auf die Korte-Anfrage findet sich aber nun die knapp zusammengefasste Inhaltsangabe einer gesperrten BND-Akte mit der Signatur BND 31881, Teil 2. Danach enthält diese etwa 69?Seiten umfassende Akte zum Fall Eichmann unter anderem einen Vermerk über „die Unterrichtung Simon Wiesenthals (1953 oder 1954) über den Aufenthalt Eichmanns in Argentinien durch die Organisation Gehlen“.

Wer beauftragte den Baron?

Nach Recherchen der Historikerin Bettina Stangneth hatte Wiesenthal im Juni 1953 tatsächlich von dem deutschen Baron Heinrich Mast erfahren, dass sich Eichmann in der Nähe von Buenos Aires versteckt halte. Mast hatte ihm einen Brief aus Argentinien gezeigt, in dem es hieß, dass Eichmann auf der Baustelle eines Kraftwerks arbeiten würde. Jener Baron war ein früherer Nazi-Geheimdienstler und nach Kriegsende zuerst in die Dienste der Amerikaner und dann Gehlens getreten. 1951 baute er die österreichische Org-Außenstelle auf.

Der Verweis auf die BND-Akte lässt den Schluss zu, dass Baron Mast auf Weisung aus der Org-Zentrale die Information über Eichmann an Wiesenthal weitergab. Nachprüfen ließe sich das aber nur, wenn die Akte endlich für die wissenschaftliche Forschung freigegeben würde. Wenn dies weiterhin nicht geschieht, bleibt die Frage, warum die Bundesregierung diesen Vorgang geheim halten will.

Vielleicht scheut man die Frage, warum der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer es unterließ, Israel auf offiziellem Weg den Hinweis auf das Versteck des gesuchten Judenmörders zu geben. Denn so blieb Wiesenthals Hinweis, den er an den israelischen Konsul in Wien und an den Jüdischen Weltkongress weitergab, in Israel unbeachtet. Erst 1960 kam der Mossad Eichmann in Argentinien auf die Spur.

Die Antwort auf Kortes Anfrage zeigt darüber hinaus, wie überraschend groß der Umfang der von der Bundesregierung angeblich wegen des Schutzes außenpolitischer und nachrichtendienstlicher Belange gesperrten Akten über Eichmann ist. Die Übersicht listet acht Ordner des BND auf, die auf mehr als 4?200 Seiten fast ausschließlich aus den Jahren 1957 bis 1965 stammende Vermerke und Berichte enthalten. Den überwiegenden Teil davon machen Dokumente aus der BND-Operation „Gleisdreieck“ aus, die zwischen 1960 und 1963 lief. Dabei handelte es sich offenbar um die Beobachtung des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, die der BND im Auftrag Adenauers übernommen hatte, sowie um Absprachen zwischen der westdeutschen und der israelischen Regierung.

Briefe wegen Barbie

Adenauer war damals in Sorge, dass im Laufe des Prozesses westdeutsche Politiker wie sein Kanzleramtschef Hans Globke – der einer der Mitverfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassegesetzen war – und deutsche Beamte wegen ihrer Mitwirkung am Holocaust belastet werden könnten. Der BND-Agent Rolf Vogel war deshalb, getarnt als deutscher Journalist, als Prozessbeobachter vor Ort. Unter anderem brach er – das belegen Akten aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes – in das Hotelzimmer des DDR-Rechtsanwalts Friedrich Karl Kaul in Jerusalem ein und stahl dessen Koffer. Der BND hatte befürchtet, dass Kaul, der als Beobachter am Eichmann-Prozess teilnahm, belastende Dokumente über Globke aus der DDR an die israelische Justiz übergeben wolle.

Neben den Eichmann-Akten sind auch Dokumente zum Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, weiter unter Verschluss. Dabei handelt es sich großteils um Unterlagen aus jüngerer Zeit, etwa Ausarbeitungen für das Parlamentarische Kontrollgremium und für Bundestagsanfragen. Unter den gesperrten Akten befinden sich allerdings auch 30 Seiten eines Briefwechsels zwischen Kanzleramt und BND aus den Jahren 1982 bis 1987. In diesen Jahren fand in Paris der Prozess gegen Barbie statt. Unklar ist, ob es in dem geheim gehaltenen Briefwechsel auch um Barbies Agententätigkeit für den BND ging: 1966/67 hatte er unter dem Decknamen „Adler“ Berichte aus seinem Exil in Bolivien verfasst und dafür vom BND Geld erhalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion