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Extinction Rebellion Demo in Berlin.

Blockade

Eher Tanz als Aufstand

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Den ganzen Tag blockieren Aktivisten Verkehrsknotenpunkte in Berlin. Weniger Menschen als erwartet machen mit. Die Polizei reagiert entspannt.

Es ist 4.12 Uhr. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Die Straßen der Hauptstadt sind wie leergefegt. „Wir schwärmen aus“, lautet die Nachricht über den Messenger der Aktionsgruppe. Der Protest von Extinction Rebellion (XR) beginnt. Etwa 600 Aktivisten marschieren in Richtung Siegessäule, die Kapuzen weit ins Gesicht gezogen. Einige hüllen sich in goldene Rettungsfolien. Die Kälte zieht durch die Kleidung. Ziel der Aktivisten ist es, den Berliner Berufsverkehr lahmzulegen.

4.37 Uhr. Kein Auto passiert mehr den Platz. Aktivisten sitzen auf dem Boden, tanzen oder singen. Kleine Gruppen haben sich an den Zufahrtsstraßen in Position gebracht und präsentieren aufgebrachten Auto- und Lastwagenfahrern ihre Transparente. „Ihr haltet mich vom Weg zur Arbeit ab“, brüllt ein Fahrer aus dem Fenster. Ein Kleintransporter hält auf die Gruppe zu, bleibt wenige Meter vor ihr stehen und hupt. Kein Durchkommen. Nur Rettungskräfte lassen die Aktivisten durch.

„Dass es für den Einzelnen störend ist, sehen wir ein“, sagt Julian Hainer, „doch wir sehen uns genötigt, das zu tun.“ Er ist einer der rund 40 Aktivisten, die sich an der Altonaer Straße aufgestellt haben. Auf der anderen Seite der Kreuzung steht ein Gruppenfahrzeug der Polizei. Darin sitzen die Beamten völlig entspannt und verspeisen ihr Frühstücksbrot. Auf Nachfrage sagt ein Polizist: „Hier passiert erstmal nichts.“ Der Große Stern bleibt bis zum Abend besetzt.

„Extinction Rebellion“: Aufstand gegen das Artensterben

Sie proben den „Aufstand gegen das Aussterben“: Die Bewegung „Extinction Rebellion“ startet am 7. Oktober 2019 in mehreren Großstädten weltweit mit Aktionen für eine wirkungsvolle Klimapolitik. In Deutschland liegt der Fokus auf Berlin.
Sie proben den „Aufstand gegen das Aussterben“: Die Bewegung „Extinction Rebellion“ startet am 7. Oktober 2019 in mehreren Großstädten weltweit mit Aktionen für eine wirkungsvolle Klimapolitik. In Deutschland liegt der Fokus auf Berlin. © epd
Bereits ab dem frühen Morgen haben Aktivisten den Verkehrsknotenpunkt rund um die Siegessäule blockiert.
Bereits ab dem frühen Morgen haben Aktivisten den Verkehrsknotenpunkt rund um die Siegessäule blockiert. © Carsten Koall/dpa
Die Aktivisten in Deutschland rufen die Bundesregierung dazu auf, „die existenzielle Bedrohung der ökologischen Krise“ offenzulegen und den Klimanotstand auszurufen.
Sie rufen die Bundesregierung dazu auf, „die existenzielle Bedrohung der ökologischen Krise“ offenzulegen und den Klimanotstand auszurufen. © Paul Zinken/dpa
Medien und andere gesellschaftliche Institutionen sollen kommunizieren, wie dringend ein Umsteuern in der Klimapolitik sei.
Medien und andere gesellschaftliche Institutionen sollen kommunizieren, wie dringend ein Umsteuern in der Klimapolitik sei. © Christophe Gateau/dpa
In den kommenden Tagen sind in Berlin weitere Blockaden geplant.
Am Potsdamer Platz demonstrieren zwischenzeitlich 2500 Anhänger von Extinction Rebellion, wie die Polizei mitteilte. © Wolfgang Kumm/dpa
Dabei bekommen sie Unterstützung von Carola Rackete. Die frühere Sea-Watch-Kapitänin fordert von der Bundesregierung, mehr für den Klimaschutz zu tun. Dazu gehöre auch, den Klimanotstand auszurufen.
Unterstützung bekommt die Bewegung von Carola Rackete. Die frühere Sea-Watch-Kapitänin fordert in einer Rede an der Siegessäule von der Bundesregierung, mehr für den Klimaschutz zu tun. © rtr
Bereits seit dem Wochenende haben hunderte Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Deutschland neben dem Bundeskanzleramt ein Klimacamp aufgeschlagen.
Bereits seit dem Wochenende haben hunderte Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Deutschland neben dem Bundeskanzleramt ein Klimacamp aufgeschlagen. © Annette Riedl/dpa
In den kommenden Tagen sind in Berlin weitere Blockaden geplant.
In den kommenden Tagen sind in Berlin weitere Blockaden geplant. © afp
Mittlerweile ist XR in zahlreichen Ländern weltweit aktiv. In Deutschland gibt es rund 100 Ortsgruppen, viele davon erst im Aufbau und noch nicht aktiv.
Mittlerweile ist XR in zahlreichen Ländern weltweit aktiv. In Deutschland gibt es rund 100 Ortsgruppen, viele davon erst im Aufbau und noch nicht aktiv. © Christophe Gateau/dpa
Extinction Rebellion - Berlin
Während es in Berlin nach Polizeiangaben zunächst friedlich zuging, gibt es weltweit bei Aktionen des Bündnisses mehrere Festnahmen. © Paul Zinken/dpa
„Extinction Rebellion“ (XR) machte erstmals 2018 in Großbritannien auf sich aufmerksam. Aktivisten der Bewegung brachten bereits in der Vergangenheit mit Blockaden den Verkehr in London stellenweise zum Erliegen. Im April 2019 kam es in London zu tagelangen Straßen- und Brückenblockaden in der Innenstadt.
„Extinction Rebellion“ (XR) machte erstmals 2018 in Großbritannien auf sich aufmerksam. Aktivisten der Bewegung brachten bereits in der Vergangenheit mit Blockaden den Verkehr in London stellenweise zum Erliegen. Im April 2019 kam es in London zu tagelangen Straßen- und Brückenblockaden in der Innenstadt. © rtr
Auch am 7. Oktober gehen in London zahlreiche Menschen für die Bewegung auf die Straße. Die Aktivisten gehen davon aus, dass die Proteste dieses Mal in London noch deutlich größer sein werden als im Frühjahr.
Auch am 7. Oktober gehen in London zahlreiche Menschen für die Bewegung auf die Straße. Die Aktivisten gehen davon aus, dass die Proteste dieses Mal  noch deutlich größer sein werden als im Frühjahr. © rtr
Vor allem die Straßen im Regierungsviertel und vor dem Parlament sind betroffen. Aktivistinnen machen Yoga auf der Straße oder protestierten mit Schildern, auf denen etwa geschrieben stand: „Der Planet ändert sich - warum nicht wir?“
Vor allem die Straßen im Regierungsviertel und vor dem Parlament in London sind betroffen. Aktivistinnen machen Yoga auf der Straße oder protestierten mit Schildern, auf denen etwa geschrieben steht: „Der Planet ändert sich - warum nicht wir?“ © rtr
In London nimmt die Polizei zahlreiche Demonstranten fest ...
Auch Großeltern, die in Sorge um ihre Enkel sind, beteiligen sich in London an den Formen zivilen Ungehorsams.  © rtr
Am ersten Tag des Klimaprotests werden bis zum Nachmittag  in London mindestens 135 Menschen festgenommen.
Am ersten Tag des Klimaprotests werden bis zum Nachmittag  in London mindestens 135 Menschen festgenommen. © rtr
Auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt sich diese Demonstrantin vor dem Parlamentsgebäude in London.
Auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt sich diese Demonstrantin vor dem Parlamentsgebäude in London. © afp
Auch die britische Schauspielerin Juliet Stevenson beteiligt sich an der Blockade auf der Westminster Bridge in London.
An der Blockade auf der Westminster Bridge in London beteiligt sich auch die britische Schauspielerin Juliet Stevenson. © afp
Umweltprotest in London
Vor dem britischen Finanzministerium rücken Mitglieder der Bewegung in einem ausgemusterten Feuerwehrauto an und versprühen 1800 Liter künstliches Blut. © Aaron Chown/PA Wire/dpa
Das Gebäude der brasilianischen Botschaft ist ein Ziel des Protests: Aufgesprühten Slogans prangern die Abholzung der Regenwälder an.
Das Gebäude der brasilianischen Botschaft in London  ist ebenfalls ein Ziel des Protests: Aufgesprühte Slogans prangern die Abholzung der Regenwälder an. © rtr
Im australischen Sydney löst die Polizei eine Sitzblockade hunderter Aktivisten auf.
Im australischen Sydney löst die Polizei eine Sitzblockade hunderter Aktivisten auf. © afp
Auch in Kapstadt gehen Menschen für Klimaschutz auf die Straße.
Auch in Kapstadt gehen Menschen für Klimaschutz auf die Straße. © afp
Rollender Protest im südaustralischen Adelaide.
Rollender Protest im südaustralischen Adelaide. © Kelly Barnes/dpa
Aktionen gibt es auch in New York, Paris, Buenos Aires und Madrid (Bild).
Aktionen gibt es auch in New York, Paris, Buenos Aires und Madrid (Bild). © Europa Press/Europa Press/dpa
Auch in Wien beteiligen sich Demonstranten am ersten Protesttag.
Auch in Wien wird fürs Klima demonstriert. © Helmut Fohringer/APA/dpa
Extinction Rebellion - Wien
In der österreichischen Hauptstadt gibt es Festnahmen. © Helmut Fohringer/dpa
„Die Hoffnung stirbt. Die Aktion beginnt„ steht auf diesem Transparent, aufgehängt in einem Baum in Paris.
„Die Hoffnung stirbt. Die Aktion beginnt„ steht auf diesem Transparent, aufgehängt in einem Baum in Paris. © afp

Rund um Siegessäule ist die Stimmung ausgelassen. Freiwillige verteilen belegte Brötchen. Bunte Fahnen zieren die Laternen. „Wahnsinn“, sagt einer der Aktivisten. „Das ist ja wie ein großes Straßenfest.“ Und genau das ist es: ein Tanz anstelle einer Rebellion. Für Kanzleramtsminister Helge Braun handelt es sich bei der friedlichen Blockade um einen gefährlichen Angriff in den Straßenverkehr, sagt er zur gleichen Zeit im ZDF-Morgenmagazin.

Braun verteidigt die Klimapolitik der Regierung und auch die langsame Steigerung der CO2-Bepreisung. Den Organisatoren geht das nicht schnell genug. Radikalere Maßnahmen müssten her, „um einen umfassenden und tiefgreifenden Wandel herbeizuführen, der das Klima rettet“, sagt Eva Escosa-Jung, eine Sprecherin von Extinction Rebellion. Es soll eine Rebellion gegen das Aussterben werden, heißt es in einer Mitteilung der Gruppe.

12 Uhr. Alle warten auf den Auftritt der ehemaligen „Sea-Watch-3“-Kapitänin Carola Rackete, die symbolisch um fünf nach zwölf sprechen soll. Es wird dann etwas später. Vor etwa 1000 Menschen fordert Rackete von der Bundesregierung, über die Wahrheit bezüglich der Klimakrise aufzuklären und den ökologischen Notstand auszurufen – die Hauptziele von Extinction Rebellion.

Kommentar: Extinction Rebellion - so nötig wie radikal

Kann diese Form des Protests etwas verändern? „Wenn wir die letzten 30 Jahre mit Petitionen und Demonstrationen und Fridays for Future vor drei Wochen anschauen, dann hat sich leider erschreckend wenig bewegt“, sagte Rackete dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Es gebe keine andere Möglichkeit mehr, die Regierung zum Einlenken zu bringen. „Obwohl wir eine repräsentative Demokratie haben, wird häufig nicht für zukünftige Generationen, sondern für kleine Machteliten entschieden“, sagte sie dem RND. Man müsse die Entscheidungen wieder den Menschen in die Hand geben, die davon betroffen seien.

Trotz der überschaubaren Anzahl an Demonstranten scheint Rackete zuversichtlich, dass die Bewegung Erfolg hat. Auch in London seien am Anfang nur eine Handvoll Leute dabei gewesen und mittlerweile sei Extinction Rebellion als weltweite Bewegung in zahlreichen Ländern aktiv. „Ich glaube schon, dass das eine gute Bewegung ist, weil sie viel von vorangegangenen Bewegungen gelernt hat, vor allem eine Zukunft zu definieren, die man selbst haben möchte.“

Doch nicht nur der Große Stern steht an diesem Tag im Mittelpunkt. Neben der angemeldeten Kundgebung am Potsdamer Platz blockierten Aktivisten im gesamten Stadtgebiet Straßen, Kreuzungen und Kreisel.

Am Potsdamer Platz sitzen und stehen derweil rund 500 Menschen auf der Fahrbahn und blockieren einen weiteren Knotenpunkt. Eine Handvoll Polizisten schaut zu und ist sehr entspannt. „Ich habe noch nie so wenig Stau in der Stadt gesehen wie heute Morgen“, sagt einer. „Entweder es liegt an den Herbstferien oder die Berliner haben sich auf die Aktionen vorbereitet.“

Schon am Samstag wurde die Wiese vor dem Kanzleramt zur Zeltburg umfunktioniert. Dort, wo vor zwei Wochen noch die Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung siedelten, machte sich nun Extinction Rebellion mit einem Protestcamp breit. Nach Angaben der Organisatoren hatten sich am Sonntagabend bereits 2000 Aktivisten dort eingefunden.

„Es ist voll, aber die Infrastruktur ist noch nicht überlastet“, sagt Judith Pape vom XR-Organisationsteam. Die Nächte seien zwar fürchterlich kalt, doch die Stimmung gut. Vor den Toren des Kanzleramts wurde gesungen. Leila Swartling und Henrik Green (beide 26) sind aus Schweden angereist. Wie viele der anderen internationalen Aktivisten werden sie die Woche im Berliner Protestcamp verbringen. „Deutschland hat im Vergleich zu Schweden einen größeren Einfluss auf die EU“, sagt die junge Schwedin. Ein Grund, weshalb sie den Protest hier unterstützen wollen. Im eigenen Land, der Heimat der Initiatorin der Klimabewegung, Greta Thunberg, sei die Bewegung noch nicht so groß. „Aber Greta ist nur ein Teil der Klimabewegung. Extinction Rebellion ist der andere.“

Und mit ihr der zivile Ungehorsam, den die Bewegung in der kommenden Woche in Berlin streuen möchte. Doch wie radikal darf der Protest für das Klima werden? Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Beuth-Hochschule Berlin und Mitbegründer von Scientists for Future, ist der Einladung der Initiatoren ins Camp gefolgt. Er hat eine simple Antwort: „Die Radikalität muss dem Problem angemessen sein.“ Er sei zwar Beamter, weshalb er sich nicht auf die Straße legen darf. „Aber ich darf durchaus Sympathien mit solchen Leuten haben – solange es friedlich vonstatten geht.“

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