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Der Whistleblower Rui Pinto (rechts) im März 2019 vor Gericht in Budapest.

Whistleblower Rui Pintos

Der Edward Snowden Portugals?

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Seine Rolle bei den Football-Leaks brachte den Hacker Rui Pintos ins Gefängnis. Die Luanda-Enthüllungen könnten ihn jetzt entlasten

Ana Gomes hält zu Rui Pinto. Er habe dem Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen in Portugal „einen außergewöhnlichen Dienst erwiesen“, sagte die ehemalige sozialistische Europaabgeordnete am Dienstag zur portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa. Die Justiz ihres Landes messe offenbar „mit zweierlei Maß“. Zum einen steckt sie den jungen Mann ins Gefängnis. Zum anderen nutzt sie seine Informationen zur Strafverfolgung.

Der 31-jährige Pinto aus der Gegend von Porto ist in seiner Heimat so berühmt wie Edward Snowden. Vor einem Jahr machte er in der halben Welt Schlagzeilen: Die portugiesische Polizei hatte herausgefunden, dass der Hacker-Autodidakt hinter den Football-Leaks steckte, den Enthüllungen über die heimlichen Machenschaften des Profifußballs.

Nachdem die portugiesische Staatsanwaltschaft einen europäischen Haftbefehl beantragt hatte, erspähten Ermittler Pinto in Budapest und beantragten seine Auslieferung. Seit März sitzt er in Portugal im Gefängnis – meist in einer Einzelzelle. Demnächst soll ein Strafprozess gegen ihn beginnen: wegen der Veröffentlichung vertraulicher Daten und wegen eines vermeintlichen Erpressungsversuchs, den er bestreitet. Er selbst hält sich für „eine Art politischen Häftling“.

Seine Haft hat nicht verhindert, dass er jetzt wieder Schlagzeilen macht, diesmal als Quelle der Luanda-Leaks: den Enthüllungen über die Geschäfte der Angolanerin Isabel dos Santos, der vermutlich reichsten Frau Afrikas. Seine Anwälte sagen, dass er die Daten Ende 2018, also vor seiner Festnahme, herausgegeben habe, und die Empfänger bestätigen das. Die Football-Leaks brachten Pinto ins Gefängnis. Die Luanda-Leaks, so hofft er, sollen ihn entlasten. „Sie werden sicher nicht von Schaden sein“, sagte sein portugiesischer Anwalt Francisco Teixeira da Mota zur Tageszeitung „Jornal de Notícias“.

Pintos Fall zeigt, wie zwiespältig nicht nur die portugiesischen Behörden auf Whistleblower reagieren. Geheimhaltung gehört zum Geschäft, die Offenlegung von Geheimnissen ist grundsätzlich Verrat – es sei denn, einflussreiche Menschen haben an den Enthüllungen nichts auszusetzen. So scheint es im Fall der Luanda-Leaks zu sein. Am Donnerstag empfing Portugals Generalstaatsanwältin Lucília Gago ihren angolanischen Kollegen Hélder Pitta Grós in Lissabon, um Informationen zum Ermittlungsverfahren gegen Isabel dos Santos auszutauschen. Dass in diesem Ermittlungsverfahren von Rui Pinto durchgestochene Informationen genutzt werden, störte Portugals oberste Strafverfolgerin nicht.

Als sich die beiden Staatsanwälte trafen, war gerade die Leiche des portugiesischen Bankiers Nuno Ribeiro da Cunha in der Garage seines Hauses in Lissabon gefunden worden. Wahrscheinlich hatte er sich selbst das Leben genommen. Ribeiro da Cunha war Direktor der kleinen Privatbank EuroBic, deren Hauptaktionärin dos Santos ist, und er machte für die Tochter des langjährigen angolanischen Präsidenten José Eduardo dos Santos die Geschäfte, die sie machen wollte. Die alte Kolonialmacht Portugal war eine der Lieblingsdestinationen für ihre Geldanlagen. Sie soll an 22 portugiesischen Unternehmen und Gesellschaften beteiligt sein, die gerade alle sehr nervös sind.

Dass der Whistleblower Pinto die Welt und sein Land über dos Santos’ Geschäfte informierte, sei „seine Bürgerpflicht“ gewesen, erklären dessen Anwälte. Es wird sich zeigen, ob die Richter, denen er demnächst gegenübersitzt, nun auch einen gnädigen Blick auf sein Handeln in Sachen Football-Leaks werfen werden.

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