USA

Dutzende Videos zeigen brutale Übergriffe

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
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Zusammenstöße bei Protesten gegen Rassismus in New York: Die US-Polizei setzt weiter auf Konfrontation.

Martin Guigno ist augenscheinlich ein harmloser älterer Herr. Er ist hager und braucht einen Gehstock und niemand, der dem 75-Jährigen auf der Straße begegnet, würde sich von ihm bedroht fühlen. Zumal Guigno bekennender Pazifist ist und sich in seiner politischen Arbeit bei einer Friedensgruppe in seiner Heimatstadt Buffalo für Gewaltlosigkeit einsetzt.

Die Gruppe von Polizisten in Kampfmontur, die Guigno Ende vergangener Woche auf einem Bürgersteig in Buffalo begegnete, sah in Guigno wohl trotzdem eine Bedrohung. Auf einem Smartphone Video ist zu sehen, wie sie Guigno, der offenbar versuchte, mit ihnen zu reden, brutal zu Boden stoßen. Der 75-Jährige landet auf dem Hinterkopf und beginnt sofort aus dem Ohr zu bluten.

Das Video des Zwischenfalls ist nur eines von täglich Dutzenden, wenn nicht Hunderten solcher Filme, die in den sozialen Medien kursieren, seit in der vergangenen Woche in 650 Städten der USA die Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus begonnen haben. So wurde am ersten Wochenende der Kundgebungen in New York ein Polizeiwagen gefilmt, der in eine Traube von Demonstranten fährt. Aus Atlanta kam ein Clip, in dem zwei schwarze Studenten, die sich einer Verkehrskontrolle nicht widersetzten, aus ihrem Fahrzeug gezerrt und verprügelt wurden. Der Fahrer wurde mit einem Taser in die Bewusstlosigkeit geschockt.

In Minneapolis wurde eine Fotojournalistin, welche die Proteste begleitete, mit Gummigeschossen attackiert. Sie verlor bei dem Vorfall ein Auge. In derselben Stadt beschossen Polizisten ebenfalls mit Gummigeschossen eine Familie, die auf der Veranda ihres Hauses stand. Und aus der Bronx kam ein Video, das zeigte, wie Polizisten Menschen, die nach der Ausgangssperre um 20 Uhr noch auf der Straße waren, brutal zusammenknüppelten.

Alle diese Vorfälle zeichnen ein Bild einer Polizei, die auch nach dem Tod von George Floyd nicht bereit oder willens ist, etwas an ihrer Kultur der Gewalt und Konfrontation zu ändern. „Die Polizei hat noch immer kein Verständnis für den Zorn und die Ohnmacht der Leute“, sagt John Burris, ein Anwalt, der die Familie eines unbewaffneten Mannes vertritt, der in der vergangenen Woche in San Francisco von der Polizei erschossen wurde.

Ed Obayashi, ein Experte für Polizeigewalt, glaubt gar trotz dieser Bilder, dass die Polizei während der Unruhen der vergangenen Woche vergleichsweise zurückhaltend agiert habe. Dabei verweist er auf die Rassenunruhen von Los Angeles im Jahr 1992, als 50 Leute getötet und mehr als 1000 verletzt wurden. Dabei war der Aufstand damals im Gegensatz zu den jetzigen Protesten lokal begrenzt.

Doch das Verständnis der US-Polizei von ihrer Aufgabe, das in den vergangenen Jahren zum Tod so vieler Menschen geführt hat, ist auch jetzt während der Proteste noch immer deutlich spürbar. „Sie sind nicht da, um zu dienen und zu schützen, sondern um aufzuspüren und zu zerstören“, sagt Dan Efram, ein New Yorker Aktivist, der an der Organisation der Demonstration beteiligt ist. Die Probleme in New York sind jedoch nur symbolisch für die Probleme im ganzen Land. Der jetzige Bürgermeister Bill DeBlasio war vor acht Jahren mit angetreten, die Polizeibrutalität einzuschränken. Doch er scheint unwillens oder unfähig, bei der mächtigen New Yorker Polizei wirklichen Wandel herbei zu führen.

Die New Yorker Polizei hat ein Budget von 5,6 Milliarden Dollar und eine Truppenstärke von 36 000 Männern und Frauen. Sich mit ihnen anzulegen, hat DeBlasio bislang trotz seiner Lippenbekenntnisse gescheut.

Doch im Zuge der Proteste der vergangenen Woche wächst der Druck im ganzen Land auf Politiker wie De Blasio. Nicht nur in New York fordern die Demonstranten, die Budgets der Polizei drastisch zu kürzen und andere Prioritäten zu setzen. Es wäre ein erster handfester Erfolg der jetzigen Bewegung, wenn das in den großen Städten des Landes gelingt. Die Mentalität der Polizei zu ändern, bleibt indes ein schwieriges Unterfangen. Nachdem zwei der Beamten in Buffalo suspendiert wurden, trat ihre komplette Einheit aus Solidarität vom Dienst zurück. Eine Entschuldigung gegenüber Martin Guigno, der im Krankenhaus liegt, und seiner Familie gab es nicht.

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