Bulgarische Roma demonstrieren gegen Diskriminierung.
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Bulgarische Roma demonstrieren gegen Diskriminierung.

Minderheiten

Ein dunkler Fleck

Minderheiten genießen in der Europäischen Union besonderen Schutz. Doch die größte Minderheit leidet weiterhin unter Diskriminierung und ist von einer Gleichbehandlung noch weit entfernt: die Roma.

Von PETER STEINKE

Sie gehören seit fast tausend Jahren zu Europa dazu. Sie leben in Spanien und in Großbritannien, in Deutschland, Griechenland und in großer Zahl auch auf dem Gebiet der EU-Neulinge Rumänien und Bulgarien: das in ganz Europa acht Millionen zählende Volk der Roma.

Beispiel Ungarn: Mindestens 600 000 Roma leben im Karpartenbecken. Als Musiker haben sie, wie keine andere nationale Minderheit, die Außenwirkung des Landes geprägt. Zigeunerkapelle, Zigeunerbaron und Teufelsgeiger sind Geschichte und Klischee zugleich. Der aktuelle "Human Rights Report" des US-Außenministeriums attestiert den Roma in Ungarn dagegen eine "weit verbreitete Diskriminierung". Die Bildungschancen sind miserabel, 70 Prozent der Roma sind arbeitslos, und sie haben eine deutlich niedrigere Lebenserwartung als das Mehrheitsvolk.

Die genauen Mechanismen der Diskriminierung hat Viktoria Mohacsi untersucht. Mohacsi ist Roma und sitzt für die ungarischen Liberalen im Europaparlament. Trotz höchstrichterlich festgestellter Verfassungswidrigkeit werden in einem Drittel der ungarischen Grundschulen für Roma-Kinder noch immer eigene Klassen mit niedrigerem Lehrniveau eingerichtet. Oder die Kinder als "geistig zurückgeblieben" eingestuft und in Sonderschulen abgeschoben.

Doch in Bezug auf die jeweilige Roma-Minderheit kann so gut wie jedes EU-Land getrost vor der eigenen Haustür kehren. Auch Deutschland. Außer den seit dem Mittelalter hier ansässigen Sinti leben rund 50 000 Roma-Flüchtlinge in der Bundesrepublik. 20 000 davon sind Kinder. Zwei Drittel der Familien sind in Deutschland lediglich geduldet. Der unsichere Status ist es, der den Weg zu Integration versperrt: Geduldete dürfen nicht arbeiten, es gibt keine Schulpflicht, geförderte Sprachkurse blieben ihnen verschlossen, analysiert die Studie des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung "Zur Lage von Kindern aus Roma-Familien in Deutschland". Ein "geregeltes Leben", von der Mehrheitsbevölkerung gern als Anpassungsleistung der Roma eingefordert, ist so nicht zu führen.

Es gibt auch handfeste ökonomische Gründe, die die Integration der Roma dringend notwendig machen. Die Roma sind vor allem in Osteuropa eine zahlenmäßig wachsende Minderheit, während der Mehrheitsbevölkerung die Überalterung droht. Ein Fortbestehen ihrer Marginalisierung schadet vor diesem Hintergrund dem ganzen Land: Die Roma werden gebraucht - nicht als ungelernte Hilfskräfte, sondern als Ingenieure und Unternehmer. Das könnte die Zukunft bringen, zum Beispiel den Schülerinnen und Schülern der Gandhi-Schule im südungarischen Pecs, dem ersten Gymnasiums für Roma-Kinder. Allerdings: Auch die Mehrheitsbevölkerung muss das wollen. Wir alle.

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