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„Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Schuster, bleib bei deinen Leisten.‘“ Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. 

Markus Söder

Der dunklen Seite der Macht geht ein Licht auf

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Konsens statt Krawall, Zurückhaltung statt Schnellschuss: CSU-Chef Markus Söder erfindet sich gerade neu und kommt damit gut an. Warum aber will er nicht Kanzlerkandidat der Union werden?

Ganz hoch hinaus. Das will er immer. Eigentlich immer zumindest. Das neue Jahr war noch keine 24 Stunden alt, da war es schon wieder so weit. Markus Söder kommt ganz oben an, auf der Skischanze, hoch über Garmisch-Partenkirchen, am Rande des Neujahrsspringens. Der bayerische Regierungschef liebt solche Auftritte. Wegen des Ausblicks, aber vor allem wegen der Bilder. Um die geht es bei Söder immer.

CSU-Generalsekretär war der 1,94-Meter-Mann, Bayerischer Umwelt-, Gesundheits-, Finanz- und Heimatminister, inzwischen ist er Regierungschef, seit einem Jahr Parteichef. Die Frage ist, ob dieser Markus Thomas Theodor Söder damit bereits den Gipfel erreicht hat oder ob da noch etwas kommt.

Fest steht, dass er am heutigen Montag in den Chiemgau fährt, zur Klausur der CSU-Bundestagsabgeordneten in Kloster Seeon, die dem Profilschärfen zu Jahresbeginn dient. The same procedure as every year.

Früher eilte Söder der Ruf des Polit-Rambos voraus. Er war der Sprunghafte und oft der Schrillste bei den Christsozialen. Nun erweckt er den Eindruck, von alledem geläutert und angekommen zu sein. Er gibt den Gereiften, den Moderaten, manchmal auch Nachdenklichen. Es ist eine erstaunliche Wandlung.

Kurz vor Heiligabend sitzt Söder im dritten Stock der Vertretung des Freistaats in Berlin-Mitte. Ein schlichtes Büro ist es, verglichen mit der Wucht der Münchener Staatskanzlei. An der Wand hängt ein Kruzifix, auf dem Schreibtisch steht ein bayerischer Löwe aus Porzellan, es gibt Weihnachtsgebäck mit weiß-blauem Zuckerguss. Der Ministerpräsident trinkt Cola light. Und zieht Bilanz.

„Eine CSU, die personell geschlossen ist, kann eine Menge bewegen“, sagt Söder zufrieden. „In den letzten fünf Jahren hat es in der Partei eine zu starke Binnenfixierung gegeben. Es ging immer nur um die Frage: Wer wird wann was?“ Das stimmt natürlich, vor allem aber war die Frage: Was wird aus Söder?

Im März 2018 wähnte er sich endlich am Ziel: Söder wird Ministerpräsident. Sein langjähriger Kontrahent Horst Seehofer macht Platz in München, wird Innenminister in Berlin. Plötzlich ist der Mann, der ihm einst die charakterliche Eignung für höhere Ämter abgesprochen hatte, weit weg in der Hauptstadt.

Doch Söders Freude darüber währt nur kurz. Wenige Monate später, nach dem Asylstreit in der Union, folgt der ganz große Schreckmoment der CSU: Im bayerischen Landtagswahlkampf kippt die Stimmung.

Plötzlich sind die Grünen auf dem Vormarsch, und die Christsozialen fürchten „ihren“ Super-GAU, den Machtverlust. „Ich habe 2018 schon mal überlegt, dass ich der Ministerpräsident mit der kürzesten Amtszeit in der bayerischen Geschichte sein könnte“, räumt Söder, der sich damals in eine Koalitionsregierung mit den Freien Wähler rettete, heute ein.

Mittlerweile liegt die CSU wieder oberhalb der 40-Prozent-Marke. Raus aus der Gefahrenzone. Aus Erfahrung wird man klug, heißt es oft. „Es gab eine falsche strategische Einschätzung, wie man mit der AfD umgeht. Nur durch die klare Abgrenzung von der AfD haben wir in Bayern eine stabile bürgerliche Mehrheit erhalten“, analysiert Söder. Was er nicht sagt: Es gab auch eine falsche strategische Einschätzung der CSU, was den Umgang mit „grünen“ Themen angeht, mit Klimaschutz und Artenvielfalt.

Früher war das einzig Grüne an Söder die Schminke im Gesicht, wenn er beim Fasching als „Shrek“ auftrat. Inzwischen bittet er seine Minister zu Kabinettssitzungen in den Park der Münchener Residenz, er lässt sich fotografieren, wenn er Bäume umarmt, kämpft für den Schutz der Bienen oder fordert, den Klimaschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. „So ist er, der Markus. Immer noch einen draufsetzen“, stöhnen sie dann in der CSU. Es sind selten gewordene Momente von Widerspruch aus der eigenen Partei.

Söder hat einen Lieblingsgag, und Teil des Witzes ist, dass nicht ganz klar ist, ob er es nicht vielleicht doch ernst meint. Söder kommt auf die Bühne, es wird geklatscht oder auch nicht, aber das ist gar nicht so wichtig. Söder bedankt sich für „die freundliche Begrüßung“. „Sie war“, sagt er und macht eine Kunstpause. „Aaaangemessen“, fährt er dann fort. Der Unterton ist ironisch, die Pose narzisstisch.

Der Trick funktioniert. Er funktioniert in Bierzelten, er funktioniert an einem Samstagmorgen beim Jahrestreffen der Jungen Union, die den Abend zuvor länger gefeiert hat. Das Publikum lacht. Für einen Redner ist das ein guter Start.

Neulich, auf dem CDU-Parteitag in Leipzig, hat Söder diesen Trick mal weggelassen, andere seiner Redeversatzstück-Konserven hatte er dabei. Die Delegierten waren trotzdem begeistert. Einen CSU-Chef, der bei der Schwesterpartei gefeiert wird und die amtierende CDU-Chefin auch noch in den Schatten stellt – das hat es lange nicht mehr gegeben. „Wir müssen wieder mehr gute Laune und Zuversicht haben“, rief Söder am Rednerpult in Leipzig.

Die Delegierten jubelten auch hier. Und wenn sie gleich hätten abstimmen können, hätten sie ihn vielleicht sogar zum Kanzlerkandidaten gewählt.

Klar, dass er sich über den Zuspruch freut. Klar, dass die K-Frage immer wieder gestellt wird. Und klar, dass Söder an ihr nicht vorbeikommt. Bisher hatte er immer versucht, sie zu umschiffen und mit Floskeln zu beantworten, die am Ende doch alles offenlassen.

Kurz vor Weihnachten hat er seine Wortwahl dann aber geändert. „Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Schuster, bleib bei deinen Leisten.‘ Und das ist für mich Bayern. Hier ist mein Traumjob“, sagt er und wird plötzlich grundsätzlich: Es habe schon einen Grund, dass noch nie jemand aus der CSU Bundeskanzler geworden sei. Welchen bitte?

„Ich glaube, dass die Deutschen die Bayern schon ganz gern mögen. Aber immer wenn sie den Eindruck haben, ein Bayer will Kanzler werden, entsteht die Sorge, künftig aus dem Hofbräuhaus regiert zu werden“, sagt Söder und lacht. „Es gibt auch einen Mentalitätsunterschied zwischen München, Husum, Herne oder Hannover.“ Söder, der knallharte Machtpolitiker, der sich immer alles zutraute, traut sich den nächsten Schritt plötzlich nicht mehr zu. Oder gibt er es nur vor? Alles Understatement?

Wo er war, waren bisher oft Streit und Lust an der Rempelei. Jedenfalls solange es Konkurrenz auf dem Weg nach oben gab. Er habe „die dunkle Seite der Macht“ verkörpert, heißt es in der CSU spöttisch über ihn. Es war eines der Probleme von Söder: Er war gefürchtet, aber nicht beliebt.

Und es gab jemanden, der ihn fast wirklich überholt hätte: Karl-Theodor zu Guttenberg galt nach seinem schnellem Aufstieg vom Abgeordneten zum Minister schon als kanzlertauglich. Ein Mann mit Charme und Glamour, der sich vor den verbissen kämpfenden Söder schob, bevor ihn seine Doktorarbeit ins Aus manövrierte.

Söder hat immer versucht, seinen Ehrgeiz mit Ironie zu brechen. Er trat im Karneval als Prinzregent auf und als Edmund Stoiber. Er kümmerte sich um Präsenz und Unterhaltung.

Und als er dann 2018 in der Staatskanzlei ein Kruzifix an die Wand hängte, erinnerte das Ganze an einen Horrorfilm der Stummfilmzeit. Söders diabolisches Image war zurück. Wenig später im Flüchtlingsstreit mit der Schwesterpartei CDU zählte er zu den Scharfmachern.

„Er ist bis heute ein Politiker, der den Konflikt sucht und Gegner braucht“, heißt es in der im April 2018 erschienenen Söder-Biografie der Journalisten Roman Deininger und Uwe Ritzer. Doch nun, Anfang 2020, macht es nicht gerade den Eindruck, als suche da jemand den Konflikt. Im Gegenteil. Mal lobt Söder seinen jahrelangen Widersacher Seehofer. Er spricht positiv über Alexander Dobrindt, den Chef der CSU-Parlamentarier im Bundestag, mit dem er sich in der Vergangenheit manche Fehde lieferte. Und wenn es sein muss, dann muntert er in interner Runde auch mal SPD-Mann Olaf Scholz auf und rühmt dessen Leistungen als Bundesfinanzminister. Krawall und Knalleffekte – das war einmal.

Doch gibt es in der CSU einige, die sich fragen, wie lange er das durchhält. Und was aus seinem Ehrgeiz geworden ist. „Ich nehme mir heute viel mehr Zeit als früher, um wichtige Projekte und Entscheidungen vorzubereiten“, sagt Söder. „Es braucht einfach mehr Reflexion, um komplexe Sachverhalte klug planen zu können.“ Kluge Planung verlangt nicht nur die Regierungspolitik in Bayern mit Hightech-Strategie und Kita-Ausbau, sondern auch die Entscheidungsfindung in der K-Frage der Union. Das ist nun wirklich ein komplexer Sachverhalt.

Söder ist überzeugt, „dass viele Angela Merkel noch nachtrauern werden, wenn sie 2021 aufhört“. Die Kanzlerin und ihn eint, dass sie sich in ihren politischen Karrieren immer dann aus der Deckung getraut haben, wenn es um die Macht ging.

Merkel beherrscht allerdings auch die Kunst des taktisch motivierten Rückziehers. Es war der 11. Januar 2002, als sie sich auf den Weg nach Oberbayern machte, um den damaligen CSU-Chef Edmund Stoiber zu besuchen. Beim Frühstück in dessen Haus in Wolfratshausen trug sie ihm die Kanzlerkandidatur an, die sie bis dahin noch selbst beansprucht hatte. Der Ausgang ist bekannt: Stoiber verlor die Wahl. 2005 war es dann Merkel, die ins Kanzleramt einzog.

Das Verhältnis von Kramp-Karrenbauer und Söder wirkt anders als das von Merkel mit dessen Vorgängern Horst Seehofer oder Edmund Stoiber – vertrauensvoller und weniger konkurrenzorientiert als an Zusammenarbeit. Mehr als nur einmal sprach Söder Kramp-Karrenbauer in den vergangenen Wochen Mut zu, sein Verhältnis zu Merz gilt nicht als eng.

Die Kanzlerkandidatur der Union, sagt Söder, müsse an die Persönlichkeit gegeben werden, die die größten Chancen habe. Zeitgeist, Programm und Person müssten zueinander passen. „Wir werden dabei nachhaltig mitwirken“, kündigt der CSU-Chef an.

Wie das aussehen könnte, demonstrierte der Bayer am Wochenende: Da forderte er – quasi als innenpolitischen Auftakt des Jahres – eine Kabinettsumbildung in Berlin, in den kommenden Monaten. „Neue Leute bringen neuen Schwung“, konstatierte er. Ein bisschen Knalleffekt und Unruhestiftung kann er doch noch. Und plötzlich ist wieder offen, an wessen Seite Söder steht – an Kramp-Karrenbauers, an Merz’ – oder vor allem an seiner eigenen.

Kommentar Seite 11

Beim Thema AfD habe man die falsche Strategie gewählt

Jetzt fordert er eine Umbildung des Kabinetts

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