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Andrea Nahles und Kevin Kühnert.

SPD-Mitgliedervotum

Das Duell Andrea Nahles gegen Kevin Kühnert

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Sie war, was er ist ? der Juso-Vorsitz hat beide geprägt: Andrea Nahles und Kevin Kühnert sind die wichtigsten Köpfe im Streit über die Teilnahme der SPD an der Regierung.

Die SPD-Fraktionschefin kann kämpfen. Sie hebt die linke Hand und ballt sie zur Faust. Sie sei nicht hergekommen, um Nettigkeiten auszutauschen, ruft die 47-Jährige auf dem Juso-Bundeskongress in Saarbrücken aus. „Dass sich die Jusos jetzt einfach da rausnehmen, wenn wir alle vor den schwierigsten Entscheidungen stehen, das geht aus meiner Sicht auch nicht“, setzt sie hinzu. 

Als Nahles das sagt, ist es Ende November und die Gespräche über eine Jamaika-Koalition sind gescheitert. Die SPD-Spitze hat sich – nach einem chaotischen Hin und Her – dazu durchgerungen, mit der Union zu sprechen. Die Jusos, die gerade Kevin Kühnert zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt haben, sind strikt gegen die große Koalition. Schau an, die Jusos wüssten also schon genau, was richtig ist, sagt Nahles. „Wow“, fügt sie ironisch hinzu. „Ich kenne sonst niemanden, der das von sich sagen kann“, sagt sie. Nahles blickt dabei nicht auf das Rednerpult, sondern in die Reihen der Jungsozialisten. 

Öffentlicher Schlagabtausch

Wie reagiert Kevin Kühnert? Selbstbewusst tritt der 28-Jährige ans Mikrofon. Er dankt Nahles für die gute Zusammenarbeit mit den Jusos in der Frage einer Mindestvergütung für Auszubildende, die es ins SPD-Wahlprogramm geschafft hat. Und er sagt dann, es gehe jetzt darum, „den vor Pathos triefenden Rufen nach staatspolitischer Verantwortung auch erst mal einen Augenblick zu widerstehen“. Verantwortung zu übernehmen, könne auch bedeuten, nicht in eine Koalition zu gehen. „Und zwar auch im Interesse von Menschen in dieser Gesellschaft.“ Großer Applaus.

Das war der erste große öffentliche Schlagabtausch des gerade gewählten Juso-Chefs Kühnert mit der SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles. Damals, vor drei Monaten, ahnte noch niemand, dass Nahles in naher Zukunft vom SPD-Vorstand als neue Parteivorsitzende nominiert werden sollte. Nach mehr als 150 Jahren, in denen nur Männer diesen Job innehatten. Erst recht wusste keiner, dass Kühnert als Kopf der „No Groko“-Bewegung innerhalb kürzester Zeit zu einer Art Popstar werden sollte. Einer, für den ein normaler Abend bald so aussehen würde: Nach einem Auftritt vor vollem Haus stehen Zuschauer Schlange, um ein Selfie mit ihm zu ergattern. In Jeans und Turnschuhen zieht er mit den Händen in der Hosentasche hinter der Bühne schnell noch ein Foto-Shooting durch. Danach gibt er den wartenden Reportern vom japanischen Fernsehen ein Interview.

Das Mitgliedervotum der SPD über die große Koalition, dessen Ergebnis am Sonntag verkündet wird, ist nicht zuletzt ein Duell Kühnert gegen Nahles. Ein junger Student misst sich im Kampf der Argumente mit einer der mächtigsten Personen in der Republik. Und mehr noch: Der aktuelle Juso-Chef streitet sich mit der Frau, die einst an der Spitze der rebellischen Parteijugend stand, als Gerhard Schröder Kanzler wurde.

Wie viel Juso-Chefin steckt noch in Andrea Nahles? Wie viel SPD-Chef findet sich schon in Kevin Kühnert? Was haben sie gemeinsam, was unterscheidet sie?

Andrea Nahles, geboren im Jahr 1970, ist als Kind eines Maurermeisters und seiner Frau in einem Dorf in der Vulkaneifel aufgewachsen. Die katholische Nahles wurde mit neun Messdienerin, mit 14 ging sie in die ökumenische Jugendgruppe. Gerade als Katholikin interessierte sie sich für das Thema Gerechtigkeit und fand zur SPD, so beschreibt es die Fraktionschefin heute. Nahles hat Germanistik sowie Politikwissenschaften studiert, aber bereits in der Abiturzeitung den Berufswunsch „Hausfrau oder Bundeskanzlerin“ angegeben.

Partei-Karriere an der Berliner Basis

Das war im Jahr 1989, dem Jahr, in dem Kevin Kühnert in West-Berlin geboren wurde, wenige Monate vor dem Mauerfall. Aufgewachsen ist er in Lichtenrade im Berliner Süden, einem historisch ländlich geprägten Stadtteil. Der Vater ist Finanzbeamter, die Mutter arbeitet im Jobcenter. Mit 15 machte Kühnert ein Praktikum bei der SPD und trat in die Partei ein. Heute studiert er Politikwissenschaften und Soziologie an der Fernuniversität Hagen und arbeitet für eine Parlamentarierin im Berliner Abgeordnetenhaus. Kühnert war mehrere Jahre lang Landesvorsitzender bei den Berliner Jusos, engagiert sich aber auch kommunalpolitisch in der Bezirksverordnetenversammlung in Berlin-Schöneberg.

Kühnert ist heute, wie früher Andrea Nahles, eine wichtige Stimme der Linken in der SPD. Nahles kommt zwar aus der Parteilinken, ist aber längst in die Mitte gerückt. Im Amt der Bundesarbeitsministerin erwies sie sich als durchsetzungsfähige Pragmatikerin, die dafür sorgte, dass der Mindestlohn Realität wurde. Sie ist auch angekommen in den Mühen der Ebene, wo Zentimeter für Zentimeter um die Umsetzung politischer Inhalte gekämpft wird. Eine Aufgabe, die Nahles gut bewältigt.

Wie viel Juso-Vorsitzende steckt dabei noch in ihr? Nahles gehört jedenfalls zu den Politikern, bei denen man noch erkennen kann, wo sie herkommen. „Von ihrem Auftreten her ist die Andrea Nahles von damals der von heute noch in vielerlei Hinsicht ähnlich“, sagt der Politikberater und Coach Ulrich Sollmann. „Ihre Emotionalität, wenn sie am Rednerpult steht, ist ihr erhalten geblieben – auch wenn sie in solchen Situationen heute nicht mehr so durchgehend brüllt wie damals“, fügt er hinzu. Ein Problem von Nahles dabei sei, damals wie heute: „Ihre Stimme scheppert.“

Ein solch kraftvoller Auftritt hat Vor- und Nachteile. „Andrea Nahles konnte sich schon als Juso-Chefin wie kaum jemand anders über Ungerechtigkeit aufregen. Das hat sie sich erhalten. Und das finde ich gut“, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Niels Annen, Weggefährte und einer der Nachfolger von Andrea Nahles im Juso-Vorsitz. Nahles kann einen Parteitag herumreißen, hat aber in der Bevölkerung schlechte Umfragewerte. Mit ihrer Art sei die Politikerin für viele außerhalb der SPD nicht anschlussfähig, meint Sollmann. Er ergänzt: „Es mag unfair sein, dass viele Menschen Andrea Nahles das Aggressive im Auftritt negativer auslegen, als sie das bei einem Mann täten. Es ist aber einfach eine Realität, mit der sie umgehen muss.“

Nahles ist eine lebenslustige, humorvolle Person, die im kleinen Kreis als sehr herzlich wahrgenommen wird. Auch unter den Unions-Ministern hat sie deshalb Fans. Die kringelten sich geradezu vor Lachen, als Nahles sich als neue SPD-Fraktionschefin scherzhaft mit den folgenden Worten aus dem Kabinett verabschiedete: Sie sei „ein bisschen wehmütig – und ab morgen kriegen sie in die Fresse“. Doch in der Öffentlichkeit war die Empörung groß, als Nahles den Spruch vor Mikrofonen wiederholte. Sie gelobte, sie wolle dazuzulernen. 

Ruhiger Ton, kämpferischer Inhalt

Kevin Kühnert – der Juso-Vorsitzende, zu dessen Jobbeschreibung eigentlich etwas leicht rüpelhaftes gehört – hat einen sehr gepflegten, sachlichen Ton. Selbst in der CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Schöneberg, wo Kühnert für die Sozialdemokraten Kommunalpolitik macht, loben sie das. „Kühnert diskutiert konstruktiv und versucht eine Lösung“, sagt CDU-Fraktionsgeschäftsführer Christian Zander, der mit Kühnert im Schulausschuss sitzt. Und in der SPD-Fraktion versichern sie, Kühnert komme seinen Verpflichtungen im Kommunalparlament trotz seiner vielen Juso-Termine voll nach. Es habe sich nichts geändert – außer dass jetzt gelegentlich Kollegen aus anderen Fraktionen mit Kühnert Selfies machen wollten.

Der große Zuspruch für Kühnerts „No Groko“-Kampagne in der gesamten Partei und in der Öffentlichkeit beruht auch darauf, dass er nie den Fehler gemacht hat, sich mit überzogenen Auftritten selbst in die Ecke zu stellen. Als Kühnert in den Tagen vor dem Mitgliedervotum auf Einladung der brandenburgischen SPD in Ludwigsfelde mit SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil diskutiert, klingt er manchmal fast mehr wie ein Dozent der Politikwissenschaften als ein Juso-Vorsitzender. 

Kühnert spricht dann darüber, dass die SPD in den Verhandlungen mit der Union ja tatsächlich auch Erfolge erzielt habe, mit denen das Leben von Menschen besser werden könne. Das sei der SPD aber bereits in der letzten großen Koalition gelungen. In einer Parteienlandschaft mit sechs Fraktionen im Bundestag, wo die Menschen sich auf die Suche nach Alternativen machten, seien diese Erfolge aber offenbar zu klein. Zu klein, als dass die SPD dafür wahrgenommen und gewählt werde.

Wenn es mal turbulenter wird seitens der Gegner der großen Koalition, macht Kühnert sich das nicht zu eigen, greift aber auch nicht unbedingt ein. Als in Ludwigfelde ein SPD-Mitglied der Parteiführung mit brüllender Stimme Verrat vorwirft, schaut Kühnert vom Podium aus einfach in eine andere Richtung. Am Ende steht SPD-Generalsekretär Klingbeil auf und sagt: „Ich bin dafür, dass wir klar über Sachen reden, aber in einer Tonalität die angemessen ist.“ Kevin und er hätten ja auch ordentlich miteinander diskutiert.

„Juso-Chef zu sein ist eine harte, aber sehr gute Schule – nicht nur, weil man viele Kämpfe überleben muss“, sagt der frühere Juso-Chef Annen. „Es ist nicht leicht, die Jusos einerseits im Parteivorstand zu vertreten, andererseits dann aber wieder nach innen zu vermitteln, dass sich nicht alles durchsetzen lässt.“ 

Nur eine Frage der Haltung?

Davon, ob Kühnert dieses Handwerk beherrscht oder schnell erlernt, wird für die SPD viel abhängen, falls die Mitglieder dem Vorstand mehrheitlich mit einem Ja für die große Koalition folgen. Denn auch die Kritiker der großen Koalition sollen in der SPD bleiben. Der Juso-Chef weiß das und sagt auf seinen Veranstaltungen Sätze wie: „Aus der SPD tritt man nicht aus, aus der SPD stirbt man raus.“ 

Doch der wirklich harte Teil des Jobs kommt im Fall einer großen Koalition dann, wenn die Regierung erst einmal arbeitet – dann, wenn bei vielen an der Basis schnell Enttäuschung und Ernüchterung einsetzen könnten.

Auf dem Jusos-Bundeskongress im November hat Andrea Nahles gesagt, sie gehöre mittlerweile zu „den Asos, den alten Sozialdemokraten“. Kühnert erwiderte: „Jungsozialist, Jungsozialistin zu sein, das ist keine Frage des Alters, das ist eine Frage der Haltung.“ Die Delegierten feierten ihn für diesen Satz. Auf dem nächsten Juso-Bundeskongress muss Kühnert womöglich zeigen, ob er – wie Andrea Nahles es zuletzt oft musste – auch Stille aushalten kann. Stille und bestenfalls spärlichen Applaus.

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