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Islamisten im Internet haben auch Ratschläge für Kopftuchträgerinnen.
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Islamisten im Internet haben auch Ratschläge für Kopftuchträgerinnen.

Dschihad & Lebenshilfe online

Propaganda, aber auch neue Vielfalt: Zu den Kommunikationsstrategien von Islamisten im Internet

Von CAROLA RICHTER

Sieben Sätze im Internet sollen erklären, warum am 7. Juli in London mehr als 50 Menschen sterben mussten und Tausende in Angst und Schrecken versetzt wurden: "Wir hatten die britische Regierung und das britische Volk immer und immer wieder gewarnt", hieß es lapidar auf der inzwischen abgeschalteten Seite www.alqal3h.net. "Und nun haben wir unser Versprechen wahr gemacht und die gesegneten militanten Angriffe in Großbritannien vollzogen. Es hat die Kämpfer mühevolle Anstrengungen über einen langen Zeitraum gekostet, die aber die Garantie für den Erfolg der Angriffe brachten."

Zwei Klicks weiter will die verzweifelte Hiba aus Ägypten auch etwas erklärt bekommen: Die 15-Jährige hat via Chat einen Mann kennen gelernt, sich zweimal mit ihm getroffen, sogar über Sex geredet, und heftig verliebt ist sie sowieso. Doch wie soll es jetzt weitergehen? Ist diese Art des Kennenlernens akzeptabel? Was ist von den Absichten des Mannes zu halten? Und wie kann sie die voreheliche Beziehung am geschicktesten in die Ehe münden lassen? Auf der Website www.islamonline.net korrespondiert Hiba mit Online-Counselors, dem islamischen Pendant zu Bravos Dr.-Sommer-Team.

Seiten des Islamismus

Beide Internetseiten gehören zu islamistischen Gruppen, und beide verdeutlichen Kommunikationsstrategien, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich doch in Teilen ergänzen. Mit dem Begriff Islamismus beleget man Bewegungen, die aus der islamischen Rechtslehre und aus dem islamischen Erbe eine umfassende gesellschaftspolitische Philosophie ableiten - mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Komponenten. Dabei geht es nicht um ein Zurück zum mittelalterlichen Lebensstil, sondern um die Anwendung islamischer Prinzipien auf den modernen Staat mit seinen gesellschaftlichen Problemen. Grob gesagt splitten sich die Islamisten in eher gemäßigte und eher militante Gruppierungen auf: Erstere streben eine sozial-konservative Wende in den Köpfen und im politischen System an, letztere bekämpfen entweder den Staat oder gleich die gesamte Gesellschaft als Ungläubige - auch mit Gewalt.

Für die Gemäßigten, wie beispielsweise die Muslimbruderschaft in Ägypten - die indirekt auch hinter dem Islamonline-Portal steckt - ist die Lebensberatung nur eine konsequente Fortführung der traditionellen islamischen Kommunikation mit modernen Medien. Typischerweise stellt der Imam der Moschee in seinen Predigten Bezüge zwischen der Religion und aktuellen Ereignissen her. Er ist auch Ansprechpartner für alle Probleme seiner Gemeinde, da der Islam sämtliche Facetten des menschlichen Lebens durchdringen soll.

Früher blieb solche Art der Kommunikation lokal begrenzt, und die Meinungsbildung war geprägt durch wenige Autoritäten in der nächsten Umgebung. Das Internet bietet nun die Möglichkeit, anonyme Anfragen zu stellen und Meinungen verschiedener Gelehrter nachzurecherchieren. Das Privateste wird öffentlich. Deshalb hat das Internet durchaus eine positive Wirkung in der islamischen Welt: Dogmen werden gekippt, jede Meinung kann hinterfragt werden, Autorität eher aufgeweicht als zementiert. Wem die Meinung des einen nicht gefällt, der kann per E-Mail den nächsten Gelehrten um fundierten Rat bitten. Dieser Wettbewerb führt zu einer Popularisierung der religiösen Botschaften der Islamisten und damit einhergehend auch zu einer Mäßigung - zumindest was die religiöse Strenge angeht.

Rat für Kopftuchträgerinnen

In der globalen Strategie der Islamisten stellen diese Beratungsangebote aber auch einen Türöffner zur politischen Agitation der haltsuchenden Muslime in Europa oder Amerika dar. Die Muslime sollen in die Gemeinden eingebunden werden und helfen, mit zivilgesellschaftlichem Aktionismus ein islamischeres Umfeld auch im Westen zu schaffen. Bei www.islamonline.net findet sich die Hidschab-Kampagne, zu der ein Medientraining für Pro-Kopftuch-Demonstrationen gehört und psychologische Hilfe für Kopftuchträgerinnen in "feindlicher" Umgebung gegeben wird. Gerade in westlichen Gefilden verkommen die islamischen Online-Plattformen eher zu Kampagnen-Foren. Das deutsche Portal www.muslim-markt.de ruft zum Boykott von Produkten auf, die nach Meinung der Betreiber implizit anti-islamische Symbole sind (wie McDonald's) oder explizit islam-feindlich (wie die taz). Geklärt werden zudem Fragen wie: Wo ist der nächste muslimische Fleischer? Darf ich den Arbeitsplatz zum Beten kurz verlassen? Hier wird eine gemeinsame Identität in Abgrenzung zu dem "anderen" eben erst durch die Repräsentation im Internet geschaffen.

Schaufenster militanter Gruppen

Dieses Phänomen gilt auch für die militanten Islamisten. Für sie ist das Internet zunächst ein propagandistisch und oft martialisch aufbereitetes Schaufenster ihrer Aktivitäten zur Außenwelt. Der palästinensische Dschihad listet etwa auf seiner Seite www.qudsway.com statistisch genau die Opferzahlen seiner mit unterschiedlichen Methoden durchgeführten Anschläge auf. Bilder von Kämpfern, vermummten Gestalten und leidenden Palästinensern dürfen nicht fehlen. Interaktive Angebote sind dagegen nicht ihre Sache. Vielmehr eignet sich das Internet dazu, eine vermeintliche Stärke und Macht zu demonstrieren, die die reale zahlenmäßige Schwäche und geringe Verankerung der Gruppen in der islamischen Gemeinschaft verschleiern hilft.

Das fordert immer wieder Hacker und Dschihad-Watchdogs wie www.internet-haganah.us heraus. Reale und vermeintliche Al-Qaeda-Seiten tauchen in regelmäßigen Abständen auf verschiedenen Servern auf und werden genauso schnell wieder von den Anti-Dschihadisten zum Abschalten gebracht. Von den Cracks werden sie akribisch verfolgt, für die öffentliche Meinungsbildung sind sie bis zum nächsten Anschlag und damit einhergehendem Bekennerschreiben irrelevant.

Deutlich mehr Beachtung sollte man den gemäßigten islamistischen Web-Angeboten schenken, die einerseits in der islamischen Welt nicht unwesentlich zum Aufbrechen religiöser Verkrustungen beitragen, andererseits aber auch etlichen frustrierten Muslimen im Westen zunehmend das Fenster in eine andere Welt öffnen.

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