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Dschihad fürs Kaiserreich: Ein Auszug aus „Muslimaniac“ von Ozan Zakariya Keskinkiliç

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Die europäische Orientfantasie dient vor allem der Bewunderung eigener Zivilisation.
Die europäische Orientfantasie dient vor allem der Bewunderung eigener Zivilisation. © AFP / Bearbeitung Kerstin Schilling

Erst zur Schau gestellt, dann (vergeblich) radikalisiert: Deutschlands paradoxer Umgang mit Musliminnen und Muslimen hat eine lange Geschichte. Ein gekürzter Auszug aus „Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes“.

Biegt man in Istanbuls Viertel Kadiköy in die Seitengasse Günesli Bahçe ein, liegt versteckt in einem verstaubten Papierkarton die Kistenmacherstraße 12. Ein frischer Ostseewind muss Hoyers Mecklenburger Margarinefabrik, erbaut 1892, aus der Rostocker Heimat an den Bosporus gefegt haben. Eine derart märchenhafte Begebenheit lassen jedenfalls die Sammelkärtchen vermuten, die das deutsche Unternehmen Anfang des 20. Jahrhunderts als schicke Werbemaßnahme produzierte und den Margarineverpackungen beilegte – und die nun, über hundert Jahre später, in einem Antiquariat in der Türkei von einem deutschen Touristen wiederentdeckt werden. Sechs Türkenbilder „Made in Rostock“ hat Hoyers Margarinefabrik damals herstellen lassen – neben anderen Sammelbildern aus der Welt der Natur, Technik, Malerei und ethnografischen Weltreise.

Auf einigen sind „orientalische“ Männer mit Fez und Turban abgebildet, mal stolzieren sie durch die Wüste, mal schlürfen sie, umgeben von exotischen Pflanzen und Tieren, Schwarztee in staubigen Gassen, rauchen Shisha und faulenzen. Ein weitreichender Traum über zeitlose und von der „höheren Zivilisation“ scheinbar unberührte Peripherien, mit Menschen ohne Namen und Geschichte. Tanzende Musikanten auf dem Dorfplatz. Magische Schlangenbeschwörer. Und Frauen. Verschleierte und nackte, viele nackte Frauen im Hamam. Es gehört zu meinem beruflichen Portfolio, europäische Orientfantasien von ihrem Zweck zu entfremden,

Überall halte ich Ausschau nach Fundstücken, einiges kaufe ich. Ich schenke ihnen ein neues Zuhause in meinen Schubladen und Regalen, an den Wänden und in den Kommoden meiner Wohnung. Das ethnografische Archiv wächst jährlich um neue Schätze. Orientalika – so nenne ich Gegenstände, Symbole, Erinnerungsfragmente und Sprachspuren, in denen sich die hartnäckigen Klischees von „Orient“ und „Okzident“ spiegeln. Sie kommerzialisieren den Orient, vermarkten Fantasien und setzen so das imaginierte Leben der Fremden für ein „westliches“ Publikum in Szene.

Ich stelle mir vor, wie diese Dinge entstanden sind, auf welchem Tisch sie entworfen und in welcher Fabrik sie hergestellt wurden, und ich frage mich, was wohl die Hersteller gedacht hätten, hätten sie gewusst, dass ihre Produkte über hundert Jahre später in den Fingern eines Orientalenkindes dritter Generation in der deutschen Hauptstadt landen würden.

„Orientfantasien“: Das Fremde bestaunen und die eigene Zivilisation bewundern

Es gibt mir eine gewisse Genugtuung, so wie zum Bespiel das vergoldete Kamel, das ich auf meinem Schreibtisch als Briefbeschwerer für die Hassnachrichten verwende, die mich auffordern, das Land zu verlassen. Ich will Autorität über Objekte erlangen, die gemacht wurden, um die koloniale Lust des europäischen Publikums zu befriedigen, und sie nun selbst kontrollieren. Für Menschen mit Rassismuserfahrung kann auch das Widerstand bedeuten: Regisseur der eigenen Geschichte, Schöpferin des Universums zu sein, in all den mehrdeutigen und rätselhaften Facetten, die das Leben einem zur Verfügung stellt.

Denn eines steht fest, diese Güter, auf die ich in verschiedensten Varianten, Farben und Sprachen stoße und mit denen ich eigenmächtig spiele, sie erzählen kaum etwas über das „Morgenland“. Aber dafür berichten sie von manchmal neid-, manchmal hasserfüllten Projektionen, von der Begierde des „Abendlands“, das Fremde zu begaffen und die eigene erhabene Zivilisation im Spiegelbild der unterlegenen Anderen zu bewundern.

Für das deutsche Publikum wurde dafür sogar eigens Kairo nach Berlin importiert, jedenfalls als Kulisse. Im Jahr 1896 eröffnete im Treptower Park im Rahmen der Gewerbeausstellung, zu der auch die „Kolonialausstellung“ zu den deutschen Kolonien zählte, eine Sonderausstellung unter dem Namen „Kairo in Berlin“. Auf 36 577 Quadratmetern, das sind umgerechnet fünf Fußballfelder, sollte den Gästen der ägyptische Alltag zu Füßen gelegt werden: altägyptische Tempel, Palmenhaine am Ufer und die potemkinschen Versionen der Qaytbay-Moschee, der Al-Mu’ayyad- Moschee, der großen Pforte der Al-Azhar-Moschee und des Dorfes Al-Kafr. Hinzu kamen Aufführungen, wie religiöse Feste und Hochzeitszüge. Selbstredend mussten dafür Statist:innen gefunden werden, um dem Märchen, das hier mitten in Berlin inszeniert wurde, „authentischen“ Charakter zu verleihen.

Ozan Zakariya Keskinkiliç ist freier Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler.
Ozan Zakariya Keskinkiliç ist freier Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler. Bild: Meltem Kaya © Meltem Kaya

„Mehrere Hunderte von ägyptischen Eingeborenen und eine Beduinentruppe bevölkern ‚Kairo‘ in Berlin. Es ist auch weitgehende Sorge dafür getragen, dass die Leute vollauf Gelegenheit finden, ihre rituellen und sonstigen Eigenthümlichkeiten nachzuleben: sie haben ihre Moschee, Schlafräume und Küche für sich und die Gebetsrufer lassen, ganz wie daheim, von den Minarett herab zur bestimmten Zeit ihre Sprüche laut erschallen“, warb der Journalist Carl Krug im „Offiziellen Führer durch die Special-Abteilung der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896“.

So gut kann es den Arbeitsmigrantinnen und -migranten aber nicht gegangen sein: Ihr Alltag und ihre Bewegungsfreiheit wurden stark eingeschränkt. Einige wurden trotz gesundheitlicher Probleme zur Arbeit gezwungen und nicht entlohnt, z. B. der 1878 geborene Hassan Ali. Auf ihn wurde 1893 der Tierhändler Heinrich Möller in der ägyptischen Oase Siwa aufmerksam. Er nahm den 2,40 Meter großen Mann mit nach Deutschland, um ihn als Riese auftreten zu lassen. Hassan Ali beschwerte sich über die schlechten Arbeitsbedingungen vor dem Berliner Gewerbegericht, nachdem er als angeblich arbeitsunwillig entlassen wurde und seinen Lohn nicht ausbezahlt bekam.

Ein Arzt bestätigte in einem Attest: „Er ist nieren- und halsleidend, hat eine starke Luftröhrenentzündung, sowie stark geschwollene Fußgelenke und klagt über Kopf- und Magenschmerzen, so daß er das Bett hüten muß. Es ist festgestellt worden, daß der Riese gezwungen worden ist, das Bett zu verlassen, um sich aufrecht dem Publikum in einem Raume ohne genügende Ventilation zu zeigen!“ Doch die Klage wurde abgewiesen. Was mit Hassan Ali geschah, ist bis heute unbekannt.

Währenddessen ging die Orient-Show bedenkenlos weiter. Großer Beliebtheit erfreute sich insbesondere der „ägyptische Harem“: Das Publikum begaffte arabische Frauen hinter einem Gitter. Das Gelände der Ausstellung durften auch sie nicht verlassen. Es sollte um jeden Preis verhindert werden, dass sie Kontakt zur restlichen Bevölkerung aufnahmen, denn die Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei mussten doch gewahrt werden.

Zum Autor

Ozan Zakariya Keskinkiliç ist freier Autor, Lyriker und Politikwissenschaftler. In seinem Buch „Muslimaniac“ beschreibt er, dass „besorgte Bürger:innen“ in ihm so etwas wie den „Pressesprecher der islamischen Welt“ sehen. Seit Anfang 2021 ist er Mitglied der Expertenkommission gegen antimuslimischen Rassismus im Land Berlin. Sein Gedichtband „Prinzenbad“ erscheint im August.

Im Berliner Zoologischen Garten gab es insgesamt 25 solcher „Völkerschauen“, für die als exotisch empfundene Menschen aus allen Ecken der Welt angeworben und wie Tiere zur Schau gestellt wurden. „Völkerschauen“ dieser Art waren beliebt und hatten europaweit eine lange Tradition. Sie dienten dazu, die eigene überlegene Identität abzustecken, Fremde in der Heimat auszustellen oder anthropologische Forschungen an ihnen zu betreiben.

Solche Forschung gab es auch in deutschen Kriegsgefangenenlagern im Ersten Weltkrieg. Eines davon war das sogenannte „Halbmondlager“, erbaut 1915, am Rande Berlins in Zossen. Der Name des Lagers ist kein Zufall, wurden hier doch vorwiegend muslimische Gefangene aus den gegnerischen Armeen der Franzosen, Briten und Russen untergebracht. Unter den Inhaftierten sollen ungefähr 2500 Algerier, 500 Tunesier und 200 Marokkaner gewesen sein.

In erster Linie diente das Lager einem militärischen Zweck: Es sollte die gefangenen Soldaten dazu bewegen, sich den Kriegszielen der Deutschen anzuschließen. Denn das Deutsche Reich verfolgte im Ersten Weltkrieg nicht weniger als das Ziel eines „deutschen Dschihad“. Richtig gehört. Die Deutschen hatten sich vor über hundert Jahren islamistisch radikalisiert, wenn man so will. Schließlich lautete die Kriegsstrategie, muslimische Länder und Bevölkerungen gegen andere europäische Mächte aufzustacheln und deren koloniale Territorien zu destabilisieren. Eine zynische Instrumentalisierung, bei der Muslime als Kanonenfutter an die Front geschickt werden sollten.

Rassismus ist oft widersprüchlich. Die Musliminnen und Muslime wurden einerseits exotisiert, aber andererseits weiterhin als fremde Barbaren auf Distanz gehalten. Es war keine Allianz auf Augenhöhe, sondern ein Erziehungsprogramm, besser gesagt Radikalisierungsprojekt, um muslimische Menschen, die weiterhin als unterlegen und fremd galten, an der Front für das eigene politische Ziel bluten zu lassen.

Ozan Zakariya Keskinkiliç

Den Plan hatte der deutsche Diplomat Max von Oppenheim (1860 – 1946) entwickelt. Im Auftrag des Deutschen Reiches verfasste dann Salih Al-Sharif Al-Tunisi (1869 – 1920), ein in Tunesien geborener Religionsgelehrter, die Schrift „Haqiqat al Djihad“, auf Deutsch „Die Wahrheit über den Glaubenskrieg“. Darin erklärte er, dass zwar das spirituelle Ringen mit der Seele ein großer Dschihad im Islam ist, aber der kleine Dschihad an der Seite der Deutschen ebenso göttliches Gebot sei. Diese Botschaft verbreitete er in Reden und Flugblättern. Und er reiste sogar nach Berlin, um hier die propagandistischen Strukturen für die deutsche Dschihad-Strategie zu unterstützen. Im stolzen Deutschen Reich grassierte damals das „Türkenfieber“.

So bezeichnete der Orientalist und Islamwissenschaftler Carl Heinrich Becker (1876 – 1933) die begeisterte Stimmung in der deutschen Bevölkerung, als das Osmanische Reich am 31. Oktober 1914 an der Seite der Deutschen in den Ersten Weltkrieg zog. In der Zeitung „Welt am Montag“ träumte man zu dieser Zeit sogar davon, Türken zu germanisieren: „Der ‚kranke‘ Mann wird gesund gemacht, so gründlich kuriert, daß er, wenn er aus dem Genesungsschlaf aufwacht, nicht mehr zum Wiedererkennen ist. Man möchte meinen, er sehe ordentlich blond, blauäugig, germanisch aus.“

Das Einmaleins des Rassismus: „Guter Muslim“ gegen den „bösen Muslim“

Die wenigsten Muslime ließen sich davon beeindrucken. Oppenheims Plan krankte auch daran, dass er das Osmanische Reich als die große islamische Instanz darstellte, die gewährleisten würde, dass die Musliminnen und Muslime weltweit das militärische Projekt unterstützen. Das war natürlich wahnwitzig, weil es den Status des Osmanischen Reiches unter den muslimischen Menschen weltweit überschätzte und das Streben anderer Völker im Machtbereich der Türken nach politischer Unabhängigkeit unterschätzte. Der deutsche Dschihad war mehr Traum als Realität. Er spielte trotz des immensen Aufwandes für den Kriegsverlauf keine große Rolle. Den Ersten Weltkrieg haben die Bündnispartner verloren.

Aber das deutsche Dschihad-Theater zeigt: Rassismus ist oft widersprüchlich. Die Musliminnen und Muslime wurden einerseits exotisiert, aber andererseits weiterhin als fremde Barbaren auf Distanz gehalten. Es war keine Allianz auf Augenhöhe, sondern ein Erziehungsprogramm, besser gesagt Radikalisierungsprojekt, um muslimische Menschen, die weiterhin als unterlegen und fremd galten, an der Front für das eigene politische Ziel bluten zu lassen. Schon damals wurde erklärt, der Islam sei eine politische Ideologie, die sich als Religion verkleide und den Untergang der „Ungläubigen“ anstrebe.

Der Orientalist Carl Heinrich Becker träumte von einer „Aufwertung“ und Entwicklung des Islams nach europäischem Vorbild, um Musliminnen und Muslime in die Moderne „emporzuheben“, sie zu zivilisieren und für die deutsche Kolonialpolitik zu missbrauchen. Das Gegensatzpaar „guter Muslim“ – „böser Muslim“, oder auch „nützlicher und „nutzloser Muslim“, gehört so gesehen zum Einmaleins des Rassismus. Es wird ein Idealbild konstruiert, um gute Andere gegen böse Andere auszuspielen.

Ozan Zakariya Keskinkiliç: Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes.
Ozan Zakariya Keskinkiliç: Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes. © Edition Körber

Im Grunde liegt die Definitionshoheit, wer wann als gut und wann als böse gilt, in kolonialer Hand. So hat zum Beispiel Beckers Kollege Martin Hartmann, Arabischprofessor und Islamwissenschaftler, den Islam als „Religion des Hasses und Krieges“ definiert und dafür geworben, diese vermeintlich schädliche Tradition zu bekämpfen – und gehört damit zu jenen, die einer Haltung wissenschaftliche Dignität verliehen haben, die zumindest undifferenziert und rassistisch, schlimmstenfalls aber tödlich ist.

Becker und Hartmann ergänzten sich somit im Fremdbild Islam, in dem Platz für beides, Exotismus und Dämonisierung ist. Das Bindeglied, das die oft widersprüchlichen Etikettierungen zusammenhält, ist die Erzählung einer quasi natürlichen Andersheit, die jene von „uns Deutschen“ unterscheidet, und das Interesse, die Fremden zum Spielball politischer Kämpfe um Macht und Autorität zu machen.

Will man die heutigen Islamdebatten in Deutschland verstehen, kommt man also wieder einmal nicht umhin, in die Vergangenheit zurückzublicken. Das Erbe der deutschen Kolonialherrschaft findet heute in der kollektiven Erinnerungspraxis wenig Beachtung, dabei ist das Thema hochaktuell. Diese Islamdebatten sind nicht neu, genauso wenig wie die Präsenz von Araberinnen und Arabern, Musliminnen und Muslimen hierzulande. Sie waren nicht nur Spukgespenster in politischen Diskussionen und exotische Objekte auf Sammelbildern oder in „Völkerschauen“. Im Gegenteil, ihre Spuren lassen sich weit zurückverfolgen.

Auch Araberinnen und Araber, Musliminnen und Muslime und andere Menschen mit Migrationsbiografien sind Teil deutscher und europäischer Vergangenheit, Gegenwart und Gesellschaft. Sie haben Namen, sie sind vielfältig und sie können, sie müssen für sich sprechen, in den Medien, der Politik, in allen gesellschaftlichen Teilsystemen. Dann werden, inschallah, die Orientalika nur noch kuriose Erinnerungsfragmente an überwundene Stereotype sein.(Ozan Zakariya Keskinkiliç)

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