Druck zu mehr Ernsthaftigkeit

Erziehungsziele und Bildungsgüter sind neu zu definieren

Von Heinz Wagner

Wir haben es gespürt, wir sind sicher, diese Worte der Sprachlosigkeit angesichts der Tragödie in den USA, deren apokalyptische Ausmaße wir miterleben mussten - Bilder vom Entsetzen in den Flugzeugen und in den Trümmern wurden uns Gott sei Dank erspart -, sind Zeichen unserer Hilflosigkeit. Aber sie sind wahr.

Sie gelten auch für unsere Schule mit über 1000 Schülerinnen und Schülern im Alter von zehn bis zwanzig Jahren. Viele unter ihnen kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, aus islamischen Ländern, weil ihre Väter oder Großväter bei uns Arbeit suchten, aber auch als Christen, die in Deutschland Asyl fanden. Einige haben Eltern, insbesondere Mütter, die kein Deutsch sprechen und fest in ihrer traditionellen Kultur verharren. Das brachte Probleme bei einigen Schulveranstaltungen, aber ethnische Auseinandersetzungen gab es an unserer Schule bislang nicht.

Was wird sich in Bildung und Erziehung ändern? Kann man überhaupt eine Antwort wagen, wenn wir nicht einmal wissen, ob wir in den kommenden Tagen ein ähnliches oder schrecklicheres Ereignis erleben müssen? Gewöhnen wir uns gar an das Schreckliche?

Lehrer müssen Optimisten sein. Wir müssen daran glauben, dass das, was wir hoffen können, auch Wirklichkeit wird. Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden bleiben die Bildungsziele. Wir werden sie ernsthafter verfolgen müssen. Schnelle Antworten, Rezepte gibt es nicht. Unsere Schüler werden die Anforderungen der Gesellschaft stärker spüren. Schule ist nicht nur Stätte zur Vorbereitung der individuellen Karriere, Ort der Begegnung und der Unterhaltung.

Unsere jetzt erfahrene Wirklichkeit wird die Frage nach dem Menschen, nach dem Sinn des Lebens, auch nach dem Bösen entschiedener stellen. Dabei werden gegenseitige Hilfe und Solidarität größere Bedeutung gewinnen.

Freiheit und Würde des Menschen sind keine gesicherten historischen Errungenschaften. Sie sind immer gefährdet, und Bildung und Erziehung müssen die Sehnsucht nach ihnen wach halten und die Verantwortung des Einzelnen fordern. Das gilt auch für den Frieden, der nicht durch Betroffenheit und das Tun anderer gesichert wird.

Wenn Schüler angesichts der Lebensgefahr der Soldaten oder beim Tod von fast 400 Helfern in New York sagen: "Das ist eben ihr Job", dann sprechen auch Elternhäuser, gesellschaftliche Meinungen, die die Schule allein nicht verändern kann. Aber die Schule erfüllt eine wichtige Aufgabe, wenn sie die Werte einer zukunftsfähigen Gesellschaft und die dafür notwendigen Rechte und Pflichten deutlich macht und sie auch lebt und dafür gesellschaftliche Unterstützung erfährt.

Wir werden nur Erfolg haben, wenn die Gesellschaft, insbesondere jedoch die Lehrerkollegien, die Frage nach den für uns wichtigen Erziehungszielen und Bildungsgütern diskutiert und entscheidet. Dann wird Schule wertvoller werden.

Heinz Wagner leitet die Friedrich-von-Spee-Gesamtschule in Paderborn.

FR vom 20.09.01

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