Ein Segen für Dresden: Bürgerfest auf dem Neumarkt.
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Ein Segen für Dresden: Bürgerfest auf dem Neumarkt.

Pegida-Gegner

Dresden reicht's

  • Bernhard Honnigfort
    vonBernhard Honnigfort
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Beim Bürgerfest in Dresden setzen Tausende ein Zeichen gegen den Hass der Pegida, der die Stadt so in Verruf gebracht hat.

Dresden kann auch anders. Dresden, so nennt es der Kantor des Kreuzchores Roderich Kreile auf der Bühne zwischen Frauenkirche und Luther-Denkmal, könne nicht nur Dunkeldeutschland, sondern auch „golden leuchten“. Kreile übt mit dem Publikum Lieder ein. Die Nationalhymne, das Donna nobis pacem. Kreile stimmt an, die Menge brummt vergnügt hinterher.

Es ist Montagabend, seit Oktober 2014 eigentlich die Pegida-Stunde, Zeit für ausländerfeindliches uns islamhasserisches Gebrüll. Für „Merkel muss weg“, „Lügenpresse“, Wessi-Verachtung und Putin-Verehrung. Aber an diesem 17. Oktober 2016 singt und summt die Menge auf dem Neumarkt, einstimmig, mehrstimmig, friedlich. Überall entspannte Gesichter, die sagen: Erstmals siegt hell über dunkel, erstmals setzen Bürger der sächsischen Landeshauptstadt ein deutliches Zeichen. Ohne dass ein Herbert Grönemeyer oder ein Roland Kaiser kommen brauchte.

Tausende sind zu friedlichen Demonstrationen in die Altstadt aufgebrochen, um endlich einen dicken Punkt gegen den Hass zu setzen, den die Pegida-Bewegung seit zwei Jahren nahezu ungehindert in der Stadt predigt. Aufgeschreckt durch die hässlichen Bilder vom Tag der Einheit, an dem einige Hundert Pegidisten vor Frauenkirche und Semperoper Politiker und Gäste widerlichst beschimpften, hatte Oberbürgermeister Dirk Hilbert sich aufgerafft, stellte sich an die Spitze der Empörten und rief zu einem Bürgerfest auf, Motto: „Dresden zeig Dich“. Gekommen sind so viele wie noch nie.

„Gegner unserer Demokratie“

Das war auch bitter nötig. Der verdorbene Einheitsfeiertag hatte allen die Augen geöffnet. Der Oberbürgermeister von der FDP sagt in einer ebenso deutlichen wie eindringlichen Rede, Dresden dürfe sich nicht länger in Geiselhaft nehmen lassen. „Wollen wir weiterhin unsere Stadt von Pöblern, Kleinkriminellen und Hetzern kaputt machen lassen? Ich glaube, dass wieder die Mehrheit der Dresdnerinnen und Dresdner offen und glaubwürdig zeigen muss, wofür wir stehen.“

Die schrecklichen Bilder vom Tag der deutschen Einheit hätten ihm keine Ruhe mehr gelassen, sagt Hilbert, deshalb müsse die Stadt nun etwas tun. „Wir müssen gemeinsam einen Weg finden, der mehr ist, als Demonstrationen und Gegendemonstrationen Woche für Woche auf der Straße. Gleichzeitig dürfen wir aber die Straße auch nicht denen überlassen, die sie für Hetze und Rassismus missbrauchen.“ Wie das alles geschehen soll, weiß an diesem Abend wohl auch Hilbert nicht. Man sei weder am Anfang noch am Ende, eben irgendwo auf dem Weg zu sich selbst, zu einer Haltung. Mit Pegida selbst hält Hilbert Gespräche für falsch. „Diese selbsternannten Patrioten haben sich als das entpuppt, was sie in der Spitze sind: Gegner unserer Demokratie.“

Ein anderer Redner rät dem Pegida-Anführer Lutz Bachmann, in Dresden künftig den Mund zu halten. Frank Richter, Chef der Landeszentrale für politische Bildung: „Ich fordere Sie auf, in dieser schönen Stadt nicht mehr herumzuschreien!“ Richter hat sich nun Jahre abgemüht, Gespräche zwischen den angeblich besorgten Bürgern aus der Pegida-Anhängerschaft und dem Rest der Gesellschaft in Gang zu bringen. „Ein Großteil der Dresdner“, so Richter, „kann die Hetze nicht mehr ertragen “

Grundgesetze und Glückskekse

Ein Bürgerfest gegen Hass und Hetze. Dazu Musik, ein Friedensgebet, Gespräche mit Politikern, Bier und Würstchen, Grundgesetze und Glückskekse werden verteilt. Vom Neustädter Bahnhof und von der Uni nähern sich der Innenstadt Demo-Züge, zu denen andere Bündnisse wie „Herz statt Hetze“ aufgerufen haben, die sich seit Jahren für demokratische Kultur und ein zivilisiertes Miteinander in Dresden engagieren. Mehr als 3000 Menschen spazieren allein dort friedlich mit.

Auffällig viel Polizei sichert das ganze, es sind Beamte aus mehreren Bundesländern im Einsatz. Vor allem aber mischen sich überall Polizisten mitten in die Kundgebung. Auch ein Ergebnis des Einheitsdesasters: Sie stehen überall, um Angriffe oder Pöbeleien von Pegida-Anhängern, zu denen Lutz Bachmann aufgerufen hat, im Keim zu ersticken. „Raucherpausen“ nennt das der mehrfach vorbestrafte Drogenhändler und Einbrecher mit Wohnsitz Teneriffa. Ein Trick, um das Versammlungsverbot für Pegida an diesem Montag zu unterlaufen.

Aber es kommt nicht dazu. Am Sonntag hatte Pegida sich und seinen zweiten Geburtstag in der Innenstadt mit rund 8000 Anhängern gefeiert. Einen Tag zu früh. Doch diesmal waren andere Gruppen bei der Reservierung des Theaterplatzes Pegida zuvorgekommen, so dass die Wutbürger ihren Jubeltag vorverlegten.

„Die Grenze des Erträglichen ist erreicht“, sagte Christian Behr am Montagabend. Behr ist Pfarrer der Kreuzkirche, er gehört zu den Dresdnern, die sich besonders gegen Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt engagiert haben. „Es ist abgründig, es ist nicht hinnehmbar“, verurteilt er das Treiben der selbsternannten Patriotischen Europäer einerseits. Und fordert andererseits den anständigen Teil der 545 000 Dresdner zu mehr Courage und Haltung auf. „Wir brauchen Widerstandsnester gegen die Verrohung der Welt“, ruft er. Und endet mit einem besonderes nötigen Wunsch: „Ruhe bewahren, auch wenn es schwer fällt.“

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