+
„Dunkle Flecken“ auf der Weste Dresdens nennt Hans Vorländer die Pegida-Demonstrationen.

Interview mit Hans Vorländer

„Dresden ist ein anderes seit Pegida“

  • schließen

Der Politikwissenschaftler und Dresdner Hans Vorländer spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Pegida, Hass und altes Denken.

Herr Professor Vorländer, Sie leben seit 22 Jahren in Dresden. Es ist auch Ihre Stadt geworden. Seit Oktober 2014 gibt es Pegida. Was ist seitdem anders?
Dresden ist zutiefst gespalten, ein Riss geht durch die Stadt, einer, der vielleicht immer schon da war, doch nun sichtbar geworden ist. Ich habe Dresden in den Jahren seit 1993 immer als sehr politisierte Stadt erlebt. Auch in Gesprächen mit ostdeutschen Freunden, Kollegen und Bekannten. Es ging immer um Ost und West und um die unterschiedliche Sozialisation, spannende Gespräche. Pegida, das ist auch eine kleine Reminiszenz an solche Ost-West-Verwerfungen. Es gibt Unterschiede zwischen dem alten Dresdner Bürgertum und dem neuen, zugewanderten, das nun auch schon über 20 Jahre da ist. Es gibt unterschiedliche Auffassungen über die Welt, über Vielfalt, über die Offenheit von Gesellschaften und Kulturen.

Was erleben wir eigentlich gerade in Dresden? Mit 25 Jahren Jahren Verspätung eine Debatte über Demokratie und wie wir in Deutschland leben wollen?

Ja, es hat damit zu tun. Wir haben offensichtlich sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Demokratie funktionieren soll und was wir von ihr erwarten können. Das Verständnis der Leute, die bei Pegida mitmachen, ist sehr simpel: Die Politik, wer immer das ist, hat der Stimme des Volkes zu folgen und dessen Wünsche unmittelbar umzusetzen. Alles, was Demokratie so schwierig wie auch attraktiv macht, die unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen, das Aushandeln von Interessen, das mühsame Herstellen von Mehrheiten, das Akzeptieren von Niederlagen – all das fehlt im Verständnis derer, die jetzt rufen: Wir sind das Volk. Sie scheinen Politik als unmittelbar umzusetzende Dienstleistung zu verstehen.

Politik wie ein Pizza-Service? Man bestellt, man bekommt?
Genau. Das ist DDR, altes Denken: Ich will haben! Du, Staat, hast zu liefern! Wir erleben gerade eine Wiederauflage des alten DDR-Eingabewesens, wo Briefe geschrieben und dann vom Staatsrat oder vom Politbüro die Umsetzung erwartet wurde. In der DDR gab es indes keine andere Möglichkeiten, es sei denn, man riskierte Leben und Freiheit. Das ist heute anders. Wenn man unter Pegida-Anhängern die Meinung hört, man sei heute wieder da, wo man schon 1989 einmal war, ist das ein profundes Missverständnis. Es lässt einfach alles aus, was Demokratie an Möglichkeiten des eigenen Engagements bietet.

Warum heute? Warum Dresden?
Dresden hat über viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte eine Kultur der Selbstbezüglichkeit und der Selbstverliebtheit gepflegt. Und das trifft zusammen mit einem Verständnis, Opfer unverschuldeter Umstände zu sein – ich erinnere nur an die Bombardierung vom 13./14. Februar 1945. Zu DDR-Zeiten war das eine nützliche Abgrenzung zum SED-Staat: Der Dresdner fand seinen Stolz in der Kultur, in der Schönheit der alten Stadt, in Wissenschaft, im Barock, letztlich in der glanzvollen Geschichte Sachsens. Man lebte in einer selbst geschaffenen Nische, die von der Eigenerzählung ausgeschmückt wurde. Die Folge ist aber bis heute spürbar: Es ist eine Kultur der Rückwärtsgewandtheit. Viele Dresdner definieren sich eher über die Vergangenheit, nicht über die Zukunft. Es fehlt in dieser Stadt so oft an Zukunftsoffenheit, an der Neugier auf Neues, Unbekanntes. Ein Beispiel: Architektur. Wann immer in Dresden etwas Modernes gebaut oder die historischen Brüche architektonisch sichtbar gemacht werden sollen, bilden sich sofort Initiativen, die auf der geschichtlich getreuen Rekonstruktion des Alten bestehen.

Und warum bricht es erst jetzt nach 25 Jahren heraus?

Die Stadt hat einen fantastischen Ruf, sie ist Leuchtturm in Ostdeutschland. Und nun diese dunklen Flecken.Wir erleben gerade, wie die offene, globale Gesellschaft auf lokale Gemeinschaften, Dörfer, Kleinstädte einstürzt. Gewohntes wird infrage gestellt, überall ist Veränderung. Das Thema Asyl ist ein starker Katalysator gewesen. Plötzlich kommen Flüchtlinge ins Land. Das hat Ängste so beflügelt, dass Leute nun meinen, sie öffentlich artikulieren zu müssen.

Leben Sie noch gerne in Dresden? Was haben Wut, Geschrei und Hass mit dem Bürger Vorländer gemacht?
Wenn ich ehrlich bin: Ich bin erschüttert. Ich bin Wissenschaftler und wir Wissenschaftler haben lange Jahre, mit vielen anderen Bürgern, daran mitgearbeitet, Dresden der Welt zu öffnen. Die Stadt hat einen fantastischen Ruf, sie ist Leuchtturm in Ostdeutschland. Und nun diese dunklen Flecken. Offensichtlich, und das ist deprimierend, waren unsere Bemühungen nicht sehr nachhaltig. Was mich immer an Dresden irritiert hat, ist diese Selbstverliebtheit: Dresdens Musik ist das Größte, Dresdens Kultur ist die Schönste, Dresdens Barock ist der Schönste, auch das sächsische Obst ist das Prächtigste, von der Eierschecke ganz zu schweigen. Man kann ja wirklich in den Bann Dresdens und seiner Umgebung gezogen werden. Aber es ist doch auch immer ein Versuch, sich von der Umwelt, der Gegenwartsgesellschaft abzuschotten und sich selbst genug zu sein.

Dresden ist ein anderes seit Pegida?
Ja, natürlich. Jetzt ist die Stadtgesellschaft gespalten: die einen für Vielfalt, für Offenheit, für Toleranz. Die anderen, ängstlich oder ablehnend, gegen Ausländer, sogar gegen Nicht-Sachsen. Ich erlebe es selbst: Da wird gefragt, wieso muss denn dieser Direktorenposten von einem Nicht-Sachsen besetzt werden? Wir haben doch eigene gute Leute. Es gibt vielfach eine unzureichende Bereitschaft in Dresden, im Fremden und in der Zuwanderung eine Chance für die Zukunft zu sehen, eine Bereicherung für alle.

Und nun Pegida. Soll man eigentlich mit ihnen reden?
Das Ironische ist: Durch ihre Totalabschottung und Totalkonfrontation hat Pegida in Deutschland, Europa, auf der ganzen Welt viel Aufmerksamkeit erfahren und ist dadurch erst Teil der öffentlichen Wahrnehmung, des öffentlichen Diskurses, geworden. Was aber aus all dem wird, ob der Protest in Parteien mündet, bei der AfD oder andernorts, ob sich etwas einbinden lässt, man muss es abwarten. Es organisieren sich hier ja montags nicht nur Rechtsextremisten und Ausländerfeinde, es sind ja auch eine Menge Menschen dabei, die mit der etablierten Politik allgemein unzufrieden sind. Mit denen muss man reden. Man darf diese Menschen nicht abschreiben. Indes ist mein Eindruck eher der, dass auf Seiten der Politik noch gar nicht gewusst wird, wo anzusetzen ist, um diese Menschen wieder zurück zu holen. Zugleich könnte die AfD geneigt sein, Pegida auf ihre Seite zu ziehen.

In den vergangenen 25 Jahren sind in Sachsen Straßen, Kläranlagen, Telefonnetze, Kraftwerke, Fabriken gebaut worden. Schulen, Krankenhäuser, Universitäten alles wurde und wird modernisiert. Jede Kleinstadt hat einen Aldi, Lidl und mehrere Autohändler. Nur die demokratische Entwicklung, die blieb auf der Strecke?
Demokratische Umwandlungsprozesse dauern einfach lange. Das war auch in der alten Bundesrepublik der Fall. Die Zivilgesellschaft dort kam auch erst nach 1968 in Schwung. Die feste Verwurzelung der Demokratie im Volk braucht 20, 30, 40 Jahre. Was den Osten deutlich vom Westen unterscheidet, ist der Verlust an sozialen Institutionen der Vermittlung: Die Parteien sind schwach, die Gewerkschaften, die Innungen, Arbeitgeberverbände, alle schwach. Es gibt wenig Vereinsleben und die Kirchen sind in Wahrheit eine kleine Minderheit. Im Westen bröckelt es zwar auch in diesen Institutionen, aber im Osten gibt es ein komplettes Vakuum, auch eine Folge der DDR. Für eine Demokratie ist eine Zivilgesellschaft, die sich über derlei Institutionen entwickelt und auch artikuliert, aber extrem wichtig. Hier in Sachsen fehlt das, hier fehlt die Kommunikation, die sonst über Gewerkschaften, Kirchen oder in Parteien geführt werden kann. Hier fehlen die Gesprächsmöglichkeiten, die Stammtische, die vielen kleinen Ventile für den täglichen Unmut. Deshalb auch diese explosionsartigen Ausbrüche wie bei Pegida.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Viele Menschen sind erschrocken über den tiefen Hass, der sich gerade auch über Pegida Luft macht. Haben Sie eine Erklärung?
Nein. Ich kann es mir nicht erklären. Es ist mir ein Rätsel, woher Hass und Wut kommen. Im Moment werden die Gespräche mit Pegida-Anhängern jawohl auch als therapeutische Maßnahme eingesetzt: Dampf ablassen, erst mal schimpfen lassen. Alles in der Hoffnung, damit doch etwas zu lockern und dann zu verändern. Ich habe da aber meine Zweifel, ob das gelingen kann. Politik ist nicht nur Verständnis und Zuhören, sondern auch Willensbildung und Entscheidungsfindung. Den Dialog zu fordern, ihn dann aber verweigern, ist eine unpolitische Haltung, die den erforderlichen Problemlösungen nicht gerecht wird. Politik ist ein schwieriges Geschäft, wo es einfache Lösungen nicht gibt. Gesprächsangebote sind zu machen, aber man muss auch auf den Spielregeln von Demokratie bestehen, auf Toleranz und Respekt vor dem Anderen. Es gibt bürgerliche Tugenden, die Bereitschaft zur Kooperation, die Achtung der Grundrechte, der Respekt vor Ausländern und Asylanten gehört dazu. Politiker, auch die Öffentlichkeit, müssen Bürger auf die Grenzen ihres Protestes aufmerksam machen.

Wenn jetzt Landtagswahl in Sachsen wäre...
Gut, dass gerade keine Wahl ist. Wahrscheinlich käme die AfD in dieser aufgeheizten Lage auf 20 Prozent oder mehr, und womöglich säße die NPD wieder im Landtag. Ich bin froh, dass es in Deutschland keine charismatischen Führerfiguren wie Jörg Haider, Marine Le Pen oder Geert Wilders gibt.

Herbert Grönemeyer und andere Bands waren da. Angeblich 22.000 beim großen Konzertabend für ein buntes Dresden. Mit Popstars kann jeder Massen auf die Straße holen, lästert Pegida.
Darum geht es nicht. Man muss die Vormacht brechen, die Pegida in der Aufmerksamkeit der Medien genießt. Für Dresden ist das ein existenzielles Problem geworden. Dresden muss starke Zeichen für Weltoffenheit, Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit wie mit diesem Bürgerfest setzen, man muss es in die Welt transportieren. Wenn das nicht gelingt, kann die Stadt irgendwann einpacken. Sie muss sich dringend in einem anderen Licht darstellen. Die Zukunft der Stadt, die Entwicklung des Landes, die Chancen der Bürger, alles hängt davon ab, ob und wie sich Sachsen der Welt öffnet. Die internationale Öffentlichkeit gewichtet Pegida im Moment leider stärker als die andere Seite, die es ja auch in Dresden gibt.

Frank Richter, der in Dresden viele Gesprächsversuche moderiert, selbst Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, meinte kürzlich, man müsse ganz neu über politische Bildung nachdenken. Die Menschen, die man erreichen müsste, erreiche man schon lange nicht mehr.
Das ist leider so, dem kann ich nur zustimmen. Es wird immer schwieriger, für politikferne Schichten ein Angebot zu machen. Es gibt viel Ablehnung, manche sind schlicht nicht mehr erreichbar. Diese Erosionsprozesse sind insgesamt schon weit fortgeschritten, das gilt nicht nur für Ostdeutschland. Es ist ganz schwierig geworden. Und ehrlich: Wir sind ziemlich ratlos.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion