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Auf Geheiß der Ermittlungsrichter in Karlsruhe sitzen zwölf Mitglieder und Unterstützer der Gruppe in U-Haft.

„Gruppe S.“

Der dreizehnte Mann und der Zufall

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Ein Informant in der mutmaßlich rechtsterroristischen „Gruppe S.“ könnte die Anklage der Bundesanwaltschaft gefährden.

Ein kleiner Ort irgendwo in Baden-Württemberg. Am Ende eines Kiesweges liegt hinter einem braunen Bretterzaun ein Tierheim. Hier kam im vergangenen Jahr regelmäßig eine Neonazi-Gruppe mit dem Namen „Wodans Erben Germania“ zusammen.

Die Besitzerin des Tierheimes will von den Treffen angeblich nichts wissen. Auch nicht davon, dass ein mutmaßlicher Neonazi aus dem Nachbarhaus ebenfalls regelmäßig an den Runden teilnahm.

Was einzelne Mitglieder der Gruppe neben dem Versand von NS-Devotionalien sonst noch so trieben, lag lange im Dunkeln. Bis zum vergangenen Freitag, als die Bundesanwaltschaft gegen eine mutmaßlich rechtsterroristische Zelle mit dem Namen „Gruppe S.“ vorging. Zwölf Mitglieder und Unterstützer dieser Zelle sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Nur das dreizehnte Mitglied nicht: der mutmaßliche Neonazi aus dem Nachbarhaus des Tierheims. Denn auch dieser Mann soll nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) dem Kern der Zelle angehören. Doch der Reihe nach.

Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte sich die Gruppe im vergangenen September um Namensgeber Werner S. gebildet. Über Messengerdienste rekrutierte der von seinem Wohnsitz unweit von Augsburg aus Gleichgesinnte für den Kampf gegen das System der Bundesrepublik. Auftakt zu einem Bürgerkrieg sollten an Muslimen verübte Massaker in deutschen Moscheen bilden. Morde an Politikern sollten folgen. Dafür soll Werner S. Waffen und Munition gesammelt haben.

Auch der mutmaßliche Neonazi aus Baden-Württemberg, dessen Name dem RND bekannt ist, wollte offenbar etwas beisteuern. Als er nach RND-Informationen im Oktober zufällig in eine Kontrolle der Bundespolizei geriet, fanden die Beamten eine Schusswaffe bei ihm – angeblich eine Gasdruckwaffe, die er nicht hätte besitzen dürfen.

Vermutlich ist es allein diesem Zufall zu verdanken, dass Deutschland vor einem weiteren rechtsterroristischen Anschlag verschont blieb. In mehreren Vernehmungen soll es den Beamten gelungen sein, den Mann davon zu überzeugen, den Sicherheitsbehörden als Informant zu dienen. Seitdem verfügte das Landeskriminalamt über eine Quelle im Herzen der Gruppe.

Und der Mann lieferte. Er gewährte Einblick in die Whatsapp-Chats der Zelle. Dort stießen die Fahnder zwischenzeitlich auf mindestens 15 Namen. Fünf von ihnen bildeten den „harten Kern“, wie sie sich selbst nannten. Hinzu kamen acht Unterstützer. Zwei weitere Männer aus Thüringen sollen die Gruppe nach kurzer Zeit wieder verlassen haben.

Dass es den Sicherheitsbehörden gelang, ein aktives Mitglied aus der mutmaßlichen Terrorzelle anzuwerben und sie nicht etwa einen eigenen Beamten einschleusten, könnte nicht ganz unerheblich für das weitere Vorgehen der Bundesanwaltschaft sein. Denn wäre der V-Mann maßgeblich an Planungen zu strafbaren Handlungen beteiligt gewesen, und hätte er als „Agent provocateur“ zu Straftaten aufgerufen, könnte das die gesamte Anklage gefährden. Vertrauensleute der Sicherheitsbehörden dürfen zwar Informationen liefern, aber keine Straftaten initiieren. V-Leuten wird in der Regel Straffreiheit und eine finanzielle Entschädigung zugesichert.

Bei einem Treffen der Zelle auf einem Grillplatz 50 Kilometer östlich von Stuttgart soll der dreizehnte Mann vor wenigen Wochen noch dabei gewesen sein und ein Messer präsentiert haben. Dann riss der Kontakt der Ermittler zu ihm in der vergangenen Woche plötzlich ab. Das LKA fürchtet seither nach RND-Informationen um die Sicherheit des Informanten. In einschlägigen Internet-Foren wird ihm bereits gedroht. Deswegen seien die Razzien am vergangenen Freitag spontan eingeleitet worden, hieß es aus Ermittlerkreisen.

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