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Drei Schaufeln für ein Bataillon

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Reservisten und Gezogene sollen ihre Angst verlieren, sich in Erdlöchern von Panzern „überfahren“ zu lassen. imago images
Reservisten und Gezogene sollen ihre Angst verlieren, sich in Erdlöchern von Panzern „überfahren“ zu lassen. imago images © Imago/ITAR-TASS

Neu eingezogene russische Soldaten beklagen fehlende Ausbildung und Mangel an Waffen

Der Gegner versuche zu provozieren, man höre ständig Motorbootgeräusche auf dem Fluss, aber auch der nahende Winter sei nicht bedrohlich. „Bei uns ist es warm.“ Der Soldat trägt Helm, Schutzweste und Tarnmaske, schaut aus einem geräumigen holzverschalten Unterstand auf das sandige Ufer des Dnepr bei Enerhodar. Das Video der Staatsagentur RIA Nowosti zeigt einen Bilderbuch-Mobilisierten an einer Bilderbuchfront. Einer, der vor 22 Jahren gedient hat und sich schon freiwillig melden wollte, bevor der Gestellungsbefehl kam. Und das Training? „Schießübungen wie üblich, alles lief gut.“

Die Staatsmedien zeigen den Frontalltag der neu Gezogenen als komfortable Routine. Laut Wladimir Putin vom vergangenen Freitag wurden bei der Teilmobilisierung 318 000 Mann aktiviert, 49 000 davon erfüllten bereits Kampfaufgaben an der Front; laut Verteidigungsminister Sergei Schoigu befinden sich insgesamt 87 000 im ukrainischen „Operationsgebiet“. Aber nicht überall geht es so komfortabel zu wie im RIA-Video. Die BBC und das Portal „zona.media“ zählten bis Montag mindestens 153 getötete Neulinge. Nach den Berichten von Frontsoldaten und deren Angehörigen, die Oppositionsmedien veröffentlichten, mögen die Verlustzahlen um ein Vielfaches höher sein.

Das Portal „verstka.media“ berichtete am Wochenende von einem neu aufgestellten Bataillon, das an die vorderste Front bei dem Dorf Makejewka in der Oblast Luhansk beordert wurde. Dort befahl man den Wehrpflichtigen aus der Region Woronesch, sich einzugraben. Alexei Agafonow, einer von ihnen, sagt, es habe für das gesamte Bataillon nur drei Schaufeln gegeben, die Ukrainer hätten das schutzlose Bataillon mit Geschützen, Raketen- und Minenwerfern sowie Kampfdrohnen einfach zusammengeschossen. „Von 570 Mann sind 29 davongekommen, zwölf verletzt, mit allen anderen ist es aus.“ Frauen und Mütter der Soldaten erklärten in einer Videobotschaft vor dem Gebäude der Woronescher Staatsanwaltschaft, alle Offiziere der Einheit seien etwa 40 Minuten vor Beginn des ukrainischen Bombardements abgezogen worden, die allein gelassenen Soldaten hätten drei Tage ohne Verpflegung ausgehalten und bloß aus Kalaschnikow-Sturmgewehren zurückgeschossen.

Laut einem Beitrag der regionalen Staatsagentur RIA Woronesch sollen die Angaben über Hunderte Gefallene gelogen sein. Die Frauen sagen, nach dem Kampf seien 41 Überlebende zu einem Kommandopunkt in Starobelsk gegangen, hätten dort einen Antrag abgegeben, sie von der Front abzuziehen. Alexander Gussew, der Gouverneur von Woronesch, empfing am Sonntag etwa 50 der Frauen, aber das weitere Schicksal ihrer Männer ist so ungewiss wie die tatsächlichen Verlustzahlen.

Swatowo ist seit Wochen heftig umkämpft, auch Eingezogene aus den Regionen Moskau und Tomsk sollen dort nach Angaben ihrer Angehörigen in vorderster Linie hohe Verluste erlitten haben. Aber als laut „novayagazeta.eu“ eine Kompanie der Kantemirsker Division sich zurückzog, versuchten Stabsoffiziere, sie mit vorgehaltenen Pistolen wieder nach vorn zu scheuchen. In den Donbass-Oblasten Luhansk und Donezk soll es nach Angaben von Exil-Portalen mehrere illegal eingerichtete Gefängnisse geben, in denen Mobilisierte, die sich weigern zu kämpfen, festgehalten werden, um sie mit Nahrungsentzug und Schlägen gefügig für den Fronteinsatz zu machen.

Viele der Neuen beklagen, sie seien ohne erfahrene Kommandeure, ohne gründliche Ausbildung, nur mit leichten und manchmal defekten Waffen losgeschickt worden. „In der Luhansker Region werfen sie Mobilisierte ganz nach vorn, als wir zurückgingen, sahen wir keine Offiziere“, sagt der Woronescher Agafonow. „Und erst in der dritten Abwehrlinie saßen Berufssoldaten.“

Der ukrainische Generalstab beziffert die russischen Verluste seit Invasionsbeginn am 24. Februar auf 76 000 Mann. Diese Zahl mag zu hoch gegriffen sein. Aber auch die Telegramkanäle russischer Kriegsberichterstatter wie „WarGonzo“ reden nun von „schmerzhaften Verlusten“.

Und der russische Militärblogger und Anti-Ukraine-Propagandist Igor Strelkow, der jetzt in einem russischen Freiwilligenbataillon bei Cherson dient, empört sich auf Telegram über seine Landsfrauen und droht unverhohlen: „Wie viele Russen kommen bei der militärischen Spezialoperation um! Aber statt die Heimatfront zu stärken, wird dort die Nachkommenschaft ermordet. Wenn du schwanger bist, dann musst du gebären! Ärzte, die davon abraten, gehören hingerichtet.“

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