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Im Gespräch: Spielleiter Hanns H. Zerlett, Brigitte Horney, Propagandaminister Joseph Goebbels, Bernhard Minetti und Paul Hartmann (undatiertes Archivfoto).
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Im Gespräch: Spielleiter Hanns H. Zerlett, Brigitte Horney, Propagandaminister Joseph Goebbels, Bernhard Minetti und Paul Hartmann (undatiertes Archivfoto).

Drehen bis zum Untergang

Der NS-Film lief bis zuletzt auf HochtourenAm 14. April 1945 steht der 52-jährige Schauspieler Heinrich George, Generalintendant des Berliner Schiller-Theaters, zum letzten Mal vor einer Kamera. Zwei Tage später müssen die Dreharbeiten zum letzten Film des Dritten Reiches mit dem bezeichnenden Titel "Das Leben geht weiter" abgebrochen werden.

Von WILFRIED MOMMERT (BERLIN, DPA)

Am 14. April 1945 steht der 52-jährige Schauspieler Heinrich George, Generalintendant des Berliner Schiller-Theaters, zum letzten Mal vor einer Kamera. Zwei Tage später müssen die Dreharbeiten zum letzten Film des Dritten Reiches mit dem bezeichnenden Titel "Das Leben geht weiter" abgebrochen werden. Im größten Filmstudio Europas, das von den Bomben weitgehend verschont blieb, gehen in Potsdam-Babelsberg die Lichter aus. Auch für Heinz Rühmann und seine Frau Hertha Feiler wird es eng bei den Dreharbeiten in den Tempelhofer Studios für die Komödie "Sag die Wahrheit". Die brutale Wahrheit war, dass die Rote Armee bereits 50 Kilometer vor Berlin stand.

In jenen dramatischen Tagen vor 60 Jahren hält NS- Propagandaminister Joseph Goebbels in Berlin seine letzte Rede an seine Mitarbeiter, bei der er noch einmal zu seiner pathetischen Melodramatik mit zynischem Unterton findet, bevor er am 1. Mai im Führerbunker mit Frau und Kindern Selbstmord begeht: "Meine Herren, in hundert Jahren wird man in einem schönen Farbfilm die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen? Halten Sie jetzt durch, damit die Zuschauer in hundert Jahren nicht johlen und pfeifen, wenn Sie auf der Leinwand erscheinen." Am 20. April, an Hitlers Geburtstag, ließ Goebbels alle noch laufenden Filmarbeiten im Reich einstellen. Bis dahin lief unter zum Teil abenteuerlichen und lebensbedrohlichen Umständen die NS-Filmindustrie trotz vieler materieller Einschränkungen - das Rohfilmmaterial wurde langsam knapp - immer noch auf Hochtouren.

Viele der großen Ufa-Stars standen bis zuletzt vor der Kamera, nicht zuletzt auch in der Hoffnung, dadurch einem Kriegseinsatz zu entgehen. Die Autoren Holger Theuerkauf ("Goebbels' Filmerbe", Ullstein) und Hans-Christoph Blumenberg ("Das Leben geht weiter", Rowohlt) berichten ausführlich und detailreich über die hektischen Aktivitäten der NS-Filmindustrie in den verschiedenen Studios wie Babelsberg, Bavaria, Tempelhof, Johannisthal und Prag. Hans Albers drehte bis zum 27. März in Prag den Thriller "Shiva und die Galgenblume", und Heinrich George und Karl Schönböck standen für Wolfgang Staudte in dem Kriminalfilm "Frau über Bord" in Johannisthal vor der Kamera. Carl Raddatz dreht für Alfred Weidenmann bis zum 11. April in Babelsberg noch "Die Schenke zur ewigen Liebe".

Helmut Käutner filmt an der Glienicker Brücke am Berliner Wannsee die Kahnschiffer-Romanze "Unter den Brücken" mit Raddatz, Gustav Knuth und Hannelore Schroth, immer pausierend, wenn die Bomberverbände am Himmel Kurs auf die nahe Reichshauptstadt nehmen. Für manche Kritiker ist dieser Film "der letzte Beitrag, den die Ufa vor ihrem unrühmlichen Ende zur internationalen Filmkunst leistete". Es ist das erklärte Ziel der NS-Propaganda, den Film im "Endkampf" massiv als Unterhaltungs- und Ablenkungs-"waffe" einzusetzen, je schlimmer die Auswirkungen des Bombenkrieges auf die Zivilbevölkerung wurden. Goebbels setzt jetzt voll auf die illusionierende Wirkung des Kinos, nachdem bereits im September 1944 sämtliche Theater geschlossen und 270 Bühnen in Filmtheater umgewandelt wurden.

Ausdrücklich sollten jetzt auch keine ausgesprochenen Propagandafilme mehr produziert werden wie zuletzt noch Veit Harlans Durchhalte-Epos "Kolberg" mit Heinrich George, das am 30. Januar 1945 in Berlin uraufgeführt und dessen Filmkopien über der eingeschlossenen Atlantikfestung La Rochelle abgeworfen wurden.

Fast 100 Filme sind bis Kriegsende nicht mehr fertig geworden oder nicht mehr in die Kinos gelangt, weil der "Oberzensor" Goebbels diese oder jene Bedenken hatte, wie zum Beispiel im Fall "Große Freiheit Nr. 7" mit dem populären Hans Albers, bei dem angeblich das Matrosenbild nicht mehr "deutsch genug" war und der daher erst nach dem Krieg in die Kinos kam.

Ein besonderes Kapitel spielt in der Kino-Dämmerung des Dritten Reiches der Streifen "Das Leben geht weiter" von Wolfgang Liebeneiner mit der ersten Riege der Ufa-Stars, neben George unter anderem Gustav Knuth, Hilde Krahl, Marianne Hoppe, Will Dohm (der Vater von Gaby Dohm), Paul Henckels und Viktor de Kowa, der mit 60.000 Reichsmark die höchste Gage erhielt. Die Dreharbeiten waren am 20. November 1944 begonnen worden und der Film wurde zu zwei Dritteln noch fertig gestellt bis zum erzwungenen Stopp. Da half auch nicht mehr das kurzzeitige Ausweichen auf einen Fliegerhorst in der Lüneburger Heide.

Der Film unter dem ganz besonderen Patronat von Propagandaminister Goebbels sollte ein Familienschicksal im zerbombten Berlin darstellen und den unbeugsamen Überlebens- und Kampfeswillen des deutschen Volkes, trotz allen Leids, demonstrieren.

Die Fertigstellung war für den 30. Juni 1945 geplant. Ganze Straßenzüge, Plätze und Bahnhöfe von Berlin wurden dafür auf dem Ateliergelände in Babelsberg nachgebaut. Aber die Realität holte die Scheinwelt des Kinos ein. Am 24. April besetzt die Rote Armee das Filmgelände, auf dem später mit der staatlichen DDR-Filmgesellschaft Defa ein neues Kapitel Filmgeschichte beginnen sollte - und das heute auch Hollywood-Produktionen anlockt.

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