Die BBC - vom Donnerschlag gerührt

In der mächtigsten Rundfunkanstalt der Welt wackeln die Fundamente: Der Hutton-Report stürzt die Anstalt in eine schwere Krise

Von PETER NONNENMACHER

Rücktritte, Depression, Empörung, Chaos: Bei der BBC wackeln seit Mittwoch die Fundamente. Der Bericht des Ex-Oberhaus-Richters Lord Hutton zur Affäre um den Waffenexperten David Kelly hat die mächtigste und angesehenste Rundfunkanstalt der Welt in eine schwere Krise gestürzt - Pessimisten sehen schon die Zerschlagung der Anstalt, und einen "zahmen und autoritätshörigen Journalismus" am Horizont.

Bereits am Mittwochabend trat, in unmittelbarer Reaktion auf den Hutton-Report, der BBC-Rundfunkrats-Präsident Gavyn Davies von seinem Amt zurück. Die übrigen elf Ratsmitglieder, die das Aufsichtsgremium der Anstalt bilden, fanden sich am Donnerstag im BBC-Hauptquartier zu einer mehrstündigen Notstands-Sitzung zusammen. Nach ihrer Zusammenkunft musste auch der Intendant der Anstalt, BBC-Generaldirektor Greg Dyke, aufgeben. Damit verlor die BBC binnen 24 Stunden ihre beiden wichtigsten Köpfe und präsentierte sich einer schockierten Nation führungs- und weitgehend orientierungslos. Erzwungen worden waren die Rücktritte Dykes und Davies' durch das vernichtende Urteil, mit dem Lord Hutton in seinem Report die BBC bedachte.

Einen BBC-Radiobericht vom vorigen Sommer, der sich kritisch mit dem Waffen-Dossier der Regierung Blair zu Irak beschäftigte, dabei aber unbewiesene Behauptungen ins Spiel brachte, hatte Hutton als "unhaltbar" verworfen. Den leitenden Redakteuren der Anstalt hielt der Richter vor, die Sendung nicht ausreichend überprüft zu haben und späteren Beschwerden der Regierung nicht nachgegangen zu sein.

Schockierte Ratlosigkeit

Insgesamt kam Hutton zu dem Schluss, dass das BBC-Management "defekt" sei, und der BBC-Rundfunkrat in sträflicher Weise seine "Aufsichtspflicht vernachlässigt" hätte. Auf solch massive Anschuldigungen, deren "schweres Gewicht" von Regierungsseite noch unterstrichen wurde, glaubte Rundfunkrats-Präsident Davies nur durch Rücktritt reagieren zu können. Allerdings warf Davies Lord Hutton seinerseits vor, in den Schlussfolgerungen seines Berichts Teile des von Hutton selbst zu Tage geförderten Beweismaterials, sowie den Kontext des letztjährigen Streits zwischen BBC und Regierung, ignoriert zu haben.

In der BBC selbst herrschte gestern schockierte Ratlosigkeit. Viele Journalisten fanden die kompromisslose Kritik Lord Huttons an der Anstalt überzogen - zumal Hutton, im selben Zusammenhang, an den umstrittenen Aktionen der Regierung nichts auszusetzen hatte. Etliche Reporter und Redakteure befürchteten eine künftige Verschärfung interner Kontrollen, die ihrer Ansicht nach zu Selbstzensur und "zahmeren Berichten" führen müssen. Andere drückten ihre Sorge aus, dass die Regierung bereits "die Zerschlagung" der BBC im Auge habe und den öffentlichen Auftrag der Anstalt in Frage stellten.

In der Tat wächst, in der Frage der Zukunft der BBC, bereits der politische Druck auf die Organisation. Die für den Rundfunk verantwortliche Kultusministerin Tessa Jowell erklärte gestern, der Hutton-Bericht werde jedenfalls bei den Verhandlungen zur Erneuerung der BBC-Charta "eine Rolle spielen". Bei der alle zehn Jahre erforderlichen Charta-Erneuerung, die wieder im Jahr 2006 fällig wird, geht es um die Rundfunk-Gebühren, den Auftrag der BBC und deren Abgrenzung von kommerziellen Sendern.

Sprecher der konservativen Opposition forderten gestern die Übertragung der Kontrolle der BBC an das regierungs-unabhängige Gremium "Ofcom", das bereits die kommerziellen Kanäle in Großbritannien überwacht. Kommerzielle Rivalen wie Rupert Murdochs Sky-Televison verlangen schon seit Jahren einen "drastischen Abbau der BBC-Privilegien".

Die Befürworter eines starken öffentlichen Rundfunks, wie der prominente frühere BBC-Korrespondent und unabhängige Abgeordnete Martin Bell, warnen dagegen nachdrücklich davor, die BBC "zur Strafe für einen schweren Fehler um die Existenz zu bringen". Noch immer genieße die BBC "mehr Vertrauen als die Regierung, als jede Regierung hier zu Lande", meinte Bell.

Dossier: Die Kelly-Affäre

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