+
Bergleute in der Grube Solotoje im Donbas.

Ukraine

Der Donbass wird unbewohnbar

  • schließen
  • Dmitri Durnjew
    schließen

Radioaktiver Restmüll, geflutete Gruben: Dem Kriegsgebiet in der Ostukraine droht eine ökologische Katastrophe. Sie hat unter Tage begonnen, entwickelt sich langsam ? aber ist wohl nicht mehr zu stoppen.

Die Kiewer Presse hat die Grube Butowka, „Grube des Todes“, getauft. Schon zu Kriegsbeginn verschanzten sich ukrainische Soldaten in dem Kohlebergwerk am Westrand von Donezk. Ihre Artilleriebeobachter saßen auf dem Förderturm, die Rebellen und ihre russischen Verbündete zerschossen ihn aus allen Rohren.

Es herrscht Krieg im Kohlenpott. Das Gekläff der Minenwerfer schallt durch eine von Fördertürmen und Fabrikschloten beherrschte Industrielandschaft. Sie wirkt so marode wie das Ruhrgebiet vor 40 Jahren. Nur ist der Bergbau hier noch schmutziger gewesen. Und nach viereinhalb Jahren Kleinkrieg drohen Giftstoffe und Atommüll das Donbas in totes Land zu verwandeln.

Schon vor dem Krieg plante die Ukraine zwei Drittel der 127 Zechen im Donbas stillzulegen. Von 93 Gruben im Rebellengebiet arbeiten noch etwa 25, auf der ukrainischen Seite knapp 30.

Nach Angaben des ukrainischen Ministeriums für die besetzten Gebiete sind im Kriegsgebiet 65 Zechen geflutet worden. Oder werden gerade geflutet. Das heißt, man hat die Pumpen abgeschaltet, die den Spiegel des Grubenwassers stabil halten. Mancherorts sind die Pumpstationen so marode wie die Bergwerke, anderswo liegen ihre Zugänge unter Beschuss.

Der Kiewer Hydrogeologe Jewgeni Jakowlew besitzt Wasserstandsangaben von über 22 Zechen im Rebellengebiet: Vom 1. November 2017 bis zum 1. Juli dieses Jahres stieg ihr Wasserspiegel im Schnitt um über 83 Meter. Schon jetzt dringt laut Jakowlew das Grubenwasser vielerorts in Erdschichten ein, in denen es sich mit Grundwasser vermischt.

„In fünf bis zwölf Jahren wird das stark mineralisierte und verschmutzte Grubenwasser die Brunnen, Quellen und Flussläufe erreichen.“ Eine gemächliche Apokalypse.

Jakowlew hat mit einem internationalen Forscherteam im Auftrag der OSZE ein Jahr lang die ökologische Lage des Donbas unter Tage untersucht. Nach seiner Einschätzung sind inzwischen 88 Prozent der unterirdischen Trinkwasserreserven dort ungenießbar. „Die Region“, sagt er, „wird für Menschen nicht mehr bewohnbar sein.“

Rasant stieg das Wasser in der Grube „Junger Kommunarde“ in Jenakijewo, zwischenzeitlich um 4,6 Metern täglich. Laut Jakowlew aufgrund des Wasserdrucks aus zwei bereits gefluteten Nachbarzechen. Viele Gruben im Donbas sind durch Schächte verbunden. Und in einem Streb des 2001 stillgelegten „Jungkommunarden“ lagert eine Kapsel mit dem radioaktiven Restmüll einer experimentellen Atomexplosion von 1979. Jakowlews Arbeitsgruppe rechnet damit, dass diese Kapsel im Herbst 2019 unter Wasser gerät.

Nach Aussage eines Beamten der Donezker Rebellenregierung haben russische Fachleute bei einem Treffen den Rebellenparlamentariern das Projekt einer „nassen Konservierung“ der Kapsel vorgestellt. Es werde nichts Schlimmes passieren. Auch, wenn die überschwemmte Kapsel platzen sollte, würden sich die Radionuklide darin aufgrund des Wasserdrucks aus den Nachbargruben nur sehr langsam ausbreiten. „Die Gefahr, dass der radioaktive Inhalt mit einem Mal entweicht, ist sehr gering“, sagt auch der Ukrainer Jakowlew. „Und es werden nicht mehr als 50 Curie Strahlung frei, das ist ein Millionstel der Strahlung von Tschernobyl.“ Aber er schließe nicht aus, dass radioaktive Partikel am Ende auch im Trinkwasser landen.

Das Unheil verbreitet sich auf beiden Seiten der Front. Im Mai kamen die Pumpen in der ukrainischen Zeche „Solotoje“ nicht mehr gegen das steigende Wasser an, das aus drei „gefluteten“ Zechen der Rebellenrepublik Lugansk strömte. In zwei Monaten stieg der Wasserspiegel in „Solotoje“ von minus 867 auf minus 700 Meter und überschwemmte alle aktiven Flöße. Steigt er weiter, droht Ähnliches auch zwei ukrainischen Nachbarzechen.

Die ukrainischen Hydrologen haben danach das Grubenwasser in Solotoje untersucht, sie fanden darin 1240 Milligramm Sulfat pro Liter, die ukrainische Trinkwassernorm erlaubt maximal 250 Milligramm – dazu 3,7 Milligramm Kupfer (Norm 1 Milligramm) und 16,9 Milligramm Eisen, (Norm 0,2 Milligramm). Ein höchst ungesundes Gebräu, das Experten als „gelber Junge“ bezeichnen, wegen seiner Färbung, aber auch wegen des Mineralstoffgehalts, der seinen PH-Wert drastisch verändert. Solches Wasser droht dem gesamten Donbas.

Die Region ist voll mit Gift. Die stillgelegte Quecksilbergrube „2-bis“ in Gorlowka liegt unter dem Kanal Sewerskij Donez-Donbas. Er versorgt die Rebellenhauptstadt Donezk wie die ukrainische Industriemetropole Mariupol mit Trinkwasser. Im November berichtete der dem ukrainischen Geheimdienst nahe Parlamentarier Dmitri Timtschuk, die Rebellen hätten die Pumpen in „2-bis“ und einer weiteren Quecksilbermine abgestellt.

Auch über der Erde ticken Zeitbomben. Etwa die 300.000 Tonnen Chemiemüll einer stillgelegten Munitionsfabrik in Gorlowka. Sie zu beschießen, komme Völkermord gleich, warnen die Separatisten.

Die schleichende Katastrophe untertage wird dagegen in den Rebellenrepubliken öffentlich totgeschwiegen, auch die Experten dort bemühen sich um Optimismus. „Katastrophen, das sind Tsunami oder Vulkanausbrüche“, sagt Professor Viktor Driban vom Donezker Institut für Bergbaugeologie. Die gebe es hier nicht. Er hofft auf Dränagen, Abflusskanäle und Bohrungen, um das aufsteigende Grubenwasser wieder zu senken.

Die ukrainischen Soldaten halten noch immer die Trümmer der Zeche Butowka. Die Rebellen erwarten eine ukrainische Winteroffensive. Der Aktivist Sergei Nowikow ruft im Internet dazu auf, der Front Batterien für Schützenpanzer zu spenden. Und, „am ehesten wegen der Wasserqualität“, Arzneien gegen Wurminfektionen für die gesamte Truppe. Auch Krieg führen wird im Donbas immer ungesünder.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion