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Trump hat den bestehenden Grenzzaun mit rasierklingenscharfem Nato-Draht hochrüsten lassen.

Nogales

Eine Grenzstadt ärgert sich über Trumps aberwitzige Mauer-Politik

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Nogales in Arizona lebt vom Austausch mit seiner Schwesterstadt im Süden. Ein Ortsbesuch.

Der private Sicherheitsmann ruft die Besucher freundlich, aber bestimmt zurück: „Hey Leute, hier könnt ihr nicht weiter. Das ist eine Firmenstraße!“ Das Anliegen der Fremden hat er rasch erraten: „Ihr wollt zur Mauer? Kein Problem. Ihr müsst nur um den Block herumgehen, dann kommt ihr ganz nah ran und könnt alles sehen – auch den Nato-Draht, den ihr von CNN kennt!“

Die Einwohner des Örtchens Nogales im Süden Arizonas pflegen einen pragmatischen Umgang mit der Grenze zu Mexiko, die seit jeher das Schicksal des einstigen Handelspostens bestimmt. Schon vor mehr als 100 Jahren wurde eine erste Absperrung errichtet, die das US-Städtchen mit seinen 20.000 Einwohnern von der gleichnamigen Schwesterstadt mit inzwischen mehr als 300.000 Einwohnern auf der anderen Seite trennt. Gleichwohl pendeln täglich Tausende Menschen hin und her. Wie in einem Brennglas lässt sich hier der Aberwitz von Donald Trumps Mauer-Politik beobachten, die dem Ort erst Dutzende Kilometer lebensgefährlichen Nato-Draht bescherte und ihn nun seiner Existenzgrundlage zu berauben droht.

„Mexiko macht nichts, um den Zustrom illegaler Migranten zu stoppen“, hat der US-Präsident am Donnerstag getwittert: „Vielleicht schließe ich die südliche Grenze!“ Tatsächlich ist die Zahl der Flüchtlinge entlang der gut 3000 Kilometer langen Grenze seit dem Jahreswechsel deutlich gestiegen. Rund 58.000 Menschen wurden im Januar aufgegriffen. Im Februar waren es 76.000 – ein Elfjahreshoch. Doch anders als von Trump dargestellt, ist der überwältigende Anteil der Migranten keineswegs kriminell, sondern beantragt friedlich Asyl. Auch stürmen die großen Flüchtlingstrecks aus Mittelamerika meist nicht übers freie Feld, sondern melden sich ordnungsgemäß am Grenzposten.

Als Trump vor zwei Monaten mal wieder vor „Vergewaltigern, Mördern und Drogenhändlern“ warnte, die das Land derzeit angeblich stürmen, meldete sich Arturo Garino, der Bürgermeister von Nogales, zu Wort: „Das ist merkwürdig, weil der Polizeichef, der City Manager und ich von solchen Vorgängen nichts wissen“, sagte er der „Washington Post“.

„Das ist ein Overkill!“

Mit der angeblichen Invasion hatte Trump die Entsendung Tausender Soldaten an die Grenze gerechtfertigt. Anders als in der umliegenden Wüste Arizonas, wo oft nur ein Strich im Sand das nationale Territorium markiert, steht in Nogales schon ein fünf Meter hoher Stahlzaun. Den bestückten die Soldaten auf der Spitze und auf der amerikanischen Seite mit mehreren Rollen Nato-Draht, der mit seinen rasiermesserscharfen Klingen die Haut und das Fleisch möglicher Eindringlinge, aber auch ahnungslos spielender Kinder aufritzen kann. „Das ist ein Overkill. Das ist komplett übertrieben“, protestierte Garino.

An den alten Grenzzaun hatten sich die Menschen in Nogales gewöhnt. „Aber nun sieht es aus wie in einer Kriegszone“, empört sich ein Geschäftsmann. Noch dramatischer würde die Einwohner eine Grenzschließung treffen. Rund 300.000 Fußgänger und ebenso viele Personenwagen nutzen jeden Monat den Übergang.

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Die Zahlen sind rückläufig, seit die Kontrollen länger dauern und Trump die Mexikaner mit seiner Rhetorik verärgert hat. Aber immer noch schicken Mexikaner ihre Kinder zur Schule oder kommen zum Einkaufen auf die US-Seite, wo das stolze Woolworth-Gebäude von 1917 in der Einkaufsstraße an die lange Geschichte des grenzüberschreitenden Handels erinnert. Umgekehrt fahren die Amerikaner ins mexikanische Nogales, um dort Nachos oder Fajitas essen zu gehen, ihr Glück im Casino zu versuchen oder eine ausgefallene Plombe beim Zahnarzt günstiger reparieren zu lassen.

„Sie wollen bestimmt auch nach Mexiko?“, begrüßt die freundliche Dame im Touristenbüro den Besucher aus Deutschland. „Kein Problem. Am besten parken sie hinten für vier Dollar bei McDonalds!“ Für den Stadtbummel auf der US-Seite hält sie eine Broschüre über „Nogales, Arizonas größte Grenzstadt“ bereit. Und dann möchte sie für die Facebook-Seite des Fremdenverkehrsamtes gerne ein Foto von dem Gast machen, der sich den nationalen Notstand an der Grenze etwas anders vorgestellt hatte.

Nur wenige Minuten dauert der Übertritt nach Mexiko. Bei der Wiedereinreise am Nachmittag schaut sich der Grenzbeamte die Ausweispapiere zwar genauer an. Doch auch hier gibt es keine Probleme. Nur eines möchte der Zöllner wissen: „Ist das ein Pass aus Polen?“ Amerikanische, chinesische und auch schweizerische Dokumente hat er schon öfter gesehen. Aber so etwas? Freundlich heißt er den Deutschen in den USA willkommen.

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