Nach Woodward-Enthüllungen

„Wie Churchill“: Donald Trump verteidigt sich mit historischem Vergleich

  • vonMirko Schmid
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Nachdem Donald Trump die Bevölkerung der USA in den ersten Wochen der Corona-Pandemie nachweislich belogen hat, versucht er sein Verhalten jetzt kühn zu verteidigen.

  • Donald Trump gab gegenüber Enthüllungs-Journalist Bob Woodward zu, die wahre Bedrohung der Corona-Pandemie lange verschwiegen zu haben.
  • Statt rechtzeitig Schritte zur Eindämmung der Corona-Pandemie einzuleiten, verglich Trump COVID-19 lange mit der Grippe.
  • In Michigan lobte sich der Präsident der USA jetzt in einer Rede selbst und verglich sich mit Winston Churchill.

USA - Drunter geht es einfach nicht für Donald Trump. Um seine Lügen zu Beginn der Corona-Pandemie zu rechtfertigen, griff der US-Präsident jetzt zu einem wenig bescheidenen Vergleich. Er habe wie Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt versucht, in einer dunklen Stunde Panik zu verhindern und seiner Bevölkerung Zuversicht zu geben. Dass er sich mit zwei der historisch wichtigsten Staatsmänner der neueren Geschichte verglich - eine Tatsache, die inzwischen nur noch wenige politische Beobachter verwundert.

Vorwürfe, nachdem er die wahre Bedrohung von COVID-19 heruntergespielt habe, um einen Absturz der Börse zu verhindern und somit „seinen Freunden an der Wall Street“ (Herausforderer Joe Biden) unter die Arme zu greifen, seien natürlich erstunken und erlogen. Auch habe er selbstverständlich nicht gelogen, als er das Risiko einer Pandemie noch Ende Februar als „sehr niedrig“ und die aufkommende Bedrohung durch Corona als einen „Hoax der Demokraten“ abtat.

System Donald Trump: Eine Lüge mit einer Lüge entkräften

Donald Trump setzt seinen Lügen vom Februar, als der US-Präsident selig in Bob Woodwards Aufnahmegerät geplaudert und zugegeben hatte, dass er sehr wohl über die tatsächliche Bedrohungslage informiert war, also wie gewohnt eine neue Lüge entgegen: Trump lügt, er habe nicht gelogen. Nachweislich. Seine Anhängerschaft sieht das entweder einfach anders, will es nicht wahrhaben oder nimmt Trumps Lügen billigend in Kauf, wie die Bilder aus Michigan zeigen. Ungeachtet der Tatsache, dass eine weltweite Öffentlichkeit zwischen Staunen und Entsetzen über Bob Woodwards Trump-Enthüllungen changiert, jubeln Trump hunderte seiner Fans zu.

Und Donald Trump liefert: „Wir müssen ruhig sein. Wir wollen keine verrückten Wahnsinnigen sein. Als Hitler London bombardierte, ging Churchill, ein großer Anführer, oft auf ein Dach in London und sprach. Und er sprach immer mit Ruhe“. Damit schreibt Trump im Rahmen dieses absurden Vergleichs die Geschichte im Vorbeigehen neu - schließlich gibt es keinerlei Überlieferung darüber, dass Churchill vom zitierten Dach zum britischen Volk sprach. Lediglich die Tatsache, dass der damalige Premierminister von ebenjenem Dach aus Bombenangriffe der Nazis beobachtete, gilt als historisch verbrieft.

Donald Trump geht gleich wieder in die Offensive.

Trump geht in die Offensive: Herausforderer Joe Biden gefährde Millionen Menschen weltweit

Und erst einmal warmgeredet, geht Donald Trump direkt weiter in die Offensive und greift seinen demokratischen Herausforderer an. Wenn er auf Joe Biden, der Donald Trump im Zusammenhang mit den Woodward-Enthüllungen hart kritisiert hatte, gehört hätte, wären Hunderttausende US-Amerikaner mehr gestorben. Schließlich habe Biden die Grenzen nicht schließen wollen: „Biden war bereit, amerikanische Leben auf dem Altar offener Grenzen zu opfern“.

Doch nicht nur das. Im Versuch, sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen, malt Donald Trump ein faszinierendes Schreckensbild seines Herausforderers: „Mit seiner gefährlichen Anti-Impfstoff Verschwörungstheorie bringt er Millionen von Menschen weltweit in Gefahr. Und der einzige Grund dafür ist, dass er weiß, dass wir kurz davor stehen, einen Impfstoff zu haben. Also redet er den Impfstoff schlecht, damit wir nicht davon profitieren“, außerdem wolle Biden die USA natürlich „mit Flüchtlingen fluten“.

Freilich ist das noch lange nicht alles. Donald Trump deckt auf: „Wenn Biden gewinnt, gewinnt China“. Und der Mob. Und die Flaggenverbrenner, die Chaoten, die Anarchisten, die Brandstifter. So einfach ist das.

Kommentatoren in den USA lassen kein gutes Haar an Präsident Trumps Churchill-Vergleich

Abgesehen von Trumps eigener Filterblase und der seiner Anhänger verfängt der selbstbewusste Vergleich mit Winston Churchill jedoch nicht. Im Gegenteil zeigen sich die politischen Kommentatoren einigermaßen angewidert von Trumps Hybris. Stephen Collinson, CNN-Reporter im weißen Haus, wählt in seiner Analyse schonungslose Worte: „Präsident Donald Trump spielt jetzt nicht nur das Coronavirus herunter, sondern greift auf absurde historische Anspielungen auf große Führer des Zweiten Weltkriegs zurück, um zu versuchen, seine Schuld an 190.000 amerikanischen Todesfällen zu verschleiern“, so Collinson.

Tim Elfrink arbeitet in seiner Analyse in der Washington Post heraus, dass Donald Trump Winston Churchill zwar schon lange idolisiert und doch recht wenig Ahnung von seinem Vorbild hat. Der von Trump zitierte Satz „bleibt ruhig und macht weiter“ habe die britische Öffentlichkeit niemals von Churchill gehört. Viel mehr habe der britische Premierminister in seinen Reden einen oft unglaublich grimmigen Realismus an den Tag gelegt.

Von wegen Beschwichtigung: Trump hätte von Churchill lernen müssen, um Leben zu retten

In seiner wohl berühmtesten Kriegsrede im britischen Unterhaus hatte Churchill gesagt: „Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühe, Tränen und Schweiß“, bevor er warnte: „Wir haben eine Tortur schwerster Art vor uns. Wir haben viele, viele lange Monate des Kampfes und des Leidens vor uns.“ Diese Rede hat bis heute ihren Platz im kollektiven britischen Gedächtnis.

Hätte Donald Trump die Courage gehabt, ähnlich offen mit seiner Bevölkerung umzugehen wie Churchill, hätten wohl zehntausende US-Amerikaner nicht sterben müssen. Die US-Wahl 2020 rückt immer näher: Die Spannung um die Frage, wer nächster Präsident wird, steigt. Donald Trump liegt in den Umfragen hinten, aber in Stein gemeißelt ist noch nichts. (Von Mirko Schmid)

Biden will mithilfe der Briefwahl den Kampf ums Weiße Haus manipulieren: Diese Verschwörungstheorie verbreitet Donald Trump immer wieder. Dem US-Präsidenten könnten die Äußerungen um die Ohren fliegen.

Rubriklistenbild: © Evan Vucci/dpa

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