Bereit zum Kampf: die rechtsradikalen Boogaloo Boys vor dem Capitol in Lansing, Michigan. Ihre Kumpane haben just versucht, die Gouverneurin zu entführen.
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Bereit zum Kampf: die rechtsradikalen Boogaloo Boys vor dem Capitol in Lansing, Michigan. Ihre Kumpane haben just versucht, die Gouverneurin zu entführen. Ein knappes Ergebnis bei der US-Wahl könnte in den USA zu Chaos führe.

Lage in den USA

Rechte Milizen bedrohen US-Wahl: Bewaffnete Trump Fans bringen sich in Stellung

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Frauenfeinde, Rassisten, Nazis und Hysteriker machen Front gegen die US-Demokratie. Selbst zum Bürgerkrieg nach der US-Wahl sind sie bereit. Donald Trump heizt die Stimmung noch an.

  • Bereits vor dem Wahltag am 03. November haben Millionen Bürger:innen in den USA ihre Stimme abgegeben.
  • US-Präsident Donald Trump hat vor der US-Wahl in Frage gestellt, ob er das Ergenbis akzeptieren wird.
  • News zur US-Wahl: Alle aktuellen Informationen zu den Präsidentschaftswahlen.

Washington - Wird es einen zweiten US-Bürgerkrieg geben? Niemand kann das wissen, bis es geschieht. Aber es gibt einige Indikatoren dafür, wie er aussehen könnte.

In einer Einschätzung aller möglichen Kräfte lässt sich die Anti-Trump-Seite relativ einfach zusammenfassen: Anarchistische, variabel linke oder antifaschistische Gruppierungen sind in erster Linie politisch motiviert und nicht militärisch organisiert. Deshalb spielen höchstens gewaltbereite und gewaltfähige Individuen aus ihren Reihen eine potenzielle terroristische, aber keine militärische Rolle in den USA.

US-Wahl: Milizen bereit für zweiten Bürgerkrieg - Donald Trump droht Ergebnis nicht zu akzeptieren

Relevanter sind ethnisch motivierte Selbstschutzgruppen wie beispielsweise die „Not Fucking Around Coalition“ (NFAC, zu Deutsch: keine Zeit verschwenden). Das Wochenblatt „Die Zeit“ berichtete jüngst, die NFAC zähle in den USA bis zu 3500 Frauen und Männer in ihren Reihen. Ihr Gründer John Fitzgerald Johnson ist ein ehemaliger Soldat, die meisten Mitglieder sollen ebenfalls eine militärische Ausbildung besitzen.

Entscheidend für einen „Second US Civil War“ (der erste Bürgerkrieg in den USA wurde 1861 bis 1865 ausgefochten) sind aber zwei andere Lager: die Rechten und die Streitkräfte. Und um das an dieser Stelle ganz klar zu machen: Es gibt Überschneidungen dieser Lager, aber sie sind nicht deckungsgleich.

Das rechte Lager wird generell als „Militias“ oder das „Militia movement“ umschrieben. Der Detroiter Sender „Local 4 WDIV“ hat sich jüngst entschieden, dieses Lager nicht mehr als „Milizen“ zu benennen, sondern klar als „Inlandsterroristen“.

Donald Trump will friedliche Machtübergabe nach US-Wahl nicht garantieren

Durch den Begriff erklären sich alle seine aktiven Anhänger (nur ein verschwindend kleiner Teil sind Frauen) zu Erben der aufständischen Zivilisten der Amerikanischen Revolution 1776 bis 1783. Diese organisierten sich in lokalen Milizen, die nur dank ihrer Umwandlung in eine reguläre „Continental Army“ durch den preußischen Offizier Friedrich Wilhelm von Steuben im Felde die Unabhängigkeit der USA gegen die Briten erringen konnte.

Unter dem „Milizen“-Deckmantel werden heute rund 300 Gruppen mit zwischen 15.000 und 20.000 Milizionären vermutet. Verglichen mit den für 2019 geschätzten rund 328 Millionen Menschen in den USA erscheint die Bewegung bedeutungslos. Allerdings beziffert die Genfer Studiengruppe Small Arms Survey aktuell die Waffen in US-Privatbesitz auf gut 393 Millionen. Diese konzentrieren sich auf relativ wenige Personen. Wie viel Munition in den USA im Umlauf ist, kann nicht einmal grob geschätzt werden. Ganz sicher aber reicht sie für das aus, wozu die „Milizen“ tatsächlich fähig sind: zu Terror. Donald Trump befeuert unterdes vor der US-Wahl unbestätigte Verschwörungstheorien zu Wahlmanipulationen durch Briefwahlen.

Wahl in den USA: Ist ein zweiter Bürgerkrieg möglich, wenn Donald Trump verliert?

Der britische „Guardian“ berichtete Mitte Oktober, dass bei Treffen verschiedener rechtsradikaler Gruppierungen deren Anführer immer öfter eindringlich dazu auffordern, die „Milizen“ mögen sich militärisch organisieren. Das macht zuvorderst klar, dass die angenommenen 300 „Miliz“-Gruppen exakt das sind, was ihre Zahl suggeriert: ein chaotischer Haufen, 20.000 emotional unterentwickelte Chauvinisten – eine belgische Studie hat unlängst aufgezeigt, dass es für rechtes Gedankengut anfälligen Menschen häufig an einem austarierten Gefühlshaushalt mangelt.

Man kann jenes Lager, dessen gemeinsamer Nenner Donald Trump ist – weshalb sich viele stolz „Trumpenkrieger“ nennen – sehr grob dreiteilen: Laut einer aktuellen Studie des Center for Strategic and International Studies in Washington sind das anarchische Faschisten, weiße Suprematisten und „Incels“, eine in den USA entstandene Internet Sub-Kultur.

Letztere sind fast ausschließlich online organisiert. „Incel“ steht für „involuntary celibate“ – unfreiwillig alleinstehend. Diese Männer glauben, Frauen entschieden sich für Beziehungspartner allein nach oberflächlichen Männlichkeitsidealen. Die „Incels“ genügen diesen „Idealen“ allerdings nicht, woraus sie für sich das Anrecht auf blutige Rache an allen Frauen formulieren. Wären die „Incels“ nicht zumeist versierte Online-Trolle mit unbändigem Hass-Potenzial, würden sie im klassischen Weltbild chauvinistischer Südstaaten-Rednecks „effeminierte Schwule“ genannt werden.

Mögliche Niederlage von Donald Trump bei der US-Wahl könnte zu Chaos führen

Weiße Suprematisten, die einer „naturgegebenen“ Überlegenheit der „kaukasischen“ oder „arischen Rasse“ über alle „Untermenschen“ (vornehmlich Juden und Schwarze) das Wort predigen, sind die tradierte US-Gegenkultur. Sie verehren meist den Sklavenhalter-Süden und Hitler-Deutschland, organisieren sich im Ku- Klux-Klan oder in den Nazi-Kleinstparteien wie dem Nationalist Socialist Movement, American Nazi Party, Vanguard America, Atomwaffen Division (nicht nur in den USA, sondern auch in Europa aktiv) und anderen.

Organisierte „Kluxers“ werden meist als tatterige Großmäuler abgetan. Aber mehrere Individuen, die sich zu ihnen bekennen, wurden in der jüngeren Vergangenheit wegen geplanter oder auch ausgeführter kleinerer terroristischer Attacken festgenommen. Zu diesen Gruppen werden auch Holocaust- und Corona-Leugner gezählt, militante Impfgegner und Verschwörungstheoretiker jeder Couleur. Sie sind nicht per se gewalttätig, aber anfällig dafür. US-Präsident Donald Trump hat vor der US-Wahl angekündigt eine Niederlage gegebenenfalls nicht zu akzeptieren.

Die zweifelsfrei effektivste und also gefährlichste potenzielle Bürgerkriegspartei in den USA sind die chaotischen Faschisten, die mehrheitlich die „Milizen“ bevölkern. Da gibt es: die „Oath Keepers“ (die Eidgetreuen), die behaupten, sie hätten 25.000 Kontakte, oft zu Polizisten und Veteranen. Die „Three Percenters“, extreme Waffennarren, die sich für die legitimen Erben von drei Prozent der Kolonisten halten, die angeblich allein den Unabhängigkeitskrieg gewannen. Die „Fourteen Words“, deren Kürzel „14/88“ ihren 14 (englische) Worte langen Slogan „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft weißer Kinder sichern“ mit der Parole „Heil Hitler“ (H ist der achte Buchstabe des Alphabets) verbindet. „The Base“, eine lose Neonazi-Gruppe, die ihren Namen als bewusste Übersetzung des arabischen Al-Kaida gewählt hat. Die antisemitische Schlägertruppe „Rise Above Movement“, die gerne zu Geländespielen mit Faschisten in die Ukraine reist. Und schließlich ist da noch die „Boogaloo“-Bewegung, die jüngst erst aufgetaucht ist und für Furore unter Rechten sorgt, weil ihre Anhänger Hawaiihemden unter Panzerwesten tragen.

US-Wahl: Milizen halten Donald Trump für ihren Superhelden

Zum großen Teil sehen die „Milizen“ im angeblich korrupten, weil „jüdisch durchsetzten“ Washington ihren Hauptgegner. Immer mehr glauben, die USA würden insgeheim von einer Weltverschwörung (jüdischer) Kinderschänder beherrscht. Komischerweise halten sie US-Präsident Donald Trump für ihren persönlichen Superhelden, der im Alleingang Washington bekämpft. Das alles erscheint nur umso absurder, als die widersprüchlichen Glaubensgruppen eigentlich einander bekriegen müssten.

Es wird noch absurder, wenn man erkennt, dass von jeher ihre größeren Organisationen alle in Washington explizit nach Macht und Einfluss streben. An erster Stelle stehen da die Lobbyisten der „National Rifle Association“, der Interessensvertretung aller US-Waffennarren. Als Paradox existieren die grundlegenden „Milizen“-Fantasien von hinterwäldlerischer (exklusiv weißer) Autonomie in unverbrauchter Natur damit Seite an Seite.

Diese grotesken Gegensätze werden aber vollends zum Horror, wenn man sich bewusst macht, dass seit den 1990er Jahren mit nur kurzen Unterbrechungen rechte terroristische Gewalt in den USA zugenommen hat. Linker und religiös motivierter Terror sind praktisch bedeutungslos. 2019 verübten Rechte zwei Drittel aller Terrorangriffe; in der ersten Jahreshälfte 2020 waren sie für 90 Prozent der terroristischen Gewalttaten verantwortlich.

US-Wahl: Donald Trump befürwortet „Wachen“ an Wahllokalen

Der asoziale Individualismus, in dem Waffen, „Wehrsport“ und fast ausschließlich männliche Kameradschaft an die Stelle von Sex, Beziehung und Gemeinschaft treten, macht die „Milizen“ relativ immun gegen emanzipatorische demokratische Entwicklungen. Es macht sie aber auch unfähig, sich unter militärischer Disziplin zu organisieren. Dass vorgeblich viele Ex-Kommandosoldaten und Kleinkriegsspezialisten in ihren Reihen zu finden sein sollen, widerspricht dem nicht. Grundmuster dieser militärischen Sparten sind Einzelgängertum und Disziplinlosigkeit. Die schlaueren Köpfe unter den „Inlandsterroristen“ wissen darum, und deshalb versuchen sie alles, ihre dezentral vereinzelten Parteigänger in zentralistisch geführte „Sturmabteilungen“ umzuwandeln, die bei der US-Wahl am 3. November mit landesweit koordinierter Androhung von Waffengewalt Menschen von den Wahllokalen fernhalten sollen. Das passt dann auch ins Wahlkampfkonzept des Lagers von Donald Trump, dessen Chef schon deutlich gemacht hat, dass er solche „Wachen“ befürworten würde.

Die chaotischen Grundstrukturen der Rechten machen sie auch zu einem zweifelhaften Partner für das US-Militär. Am ehesten noch gäbe es die Möglichkeit zu Bündnissen mit der bundesstaatlich organisierten paramilitärischen Nationalgarde (der tatsächliche Erbe der Revolutionsmilizen, die „Milizen“ sind allesamt illegal), deren Personal sich fast ausschließlich aus Weißen rekrutiert. In den eigentlichen Streitkräften machen ethnische Minoritäten und Frauen zusammen zwischen 30 und 40 Prozent des Personals aus. Und auch die Weißen dort sind mitnichten alles Faschisten, exakt so wie im Zivilleben auch. Schlussendlich hat selbst die nahezu rein-weiße Generalität, von Donald Trump zu Spielzeug-Staffage für seine Egotrips degradiert, wenig Anlass ihre Streitkräfte durch sektiererische Gewalt zerreißen zu lassen. Es steht nicht gut für die Rechten.

Unabhängig vom Ausgang der US-Wahl: Rechter Terror wird zunehmen

Trotzdem gehen Fachleute davon aus, dass rechter Terror bei egal welchem Wahlausgang in den USA zunehmen wird. Und so wird der Kampf gegen Rassismus, Chauvinismus, Faschismus und die Leidenschaft für Gewalt ganz oben auf der Agenda auch eines Präsidenten Joe Biden stehen müssen.

* „Das Glück ist eine warme Waffe“ ist der Titel eines Songs auf dem Weißen Album der Beatles von 1968. John Lennon übernahm die „fantastisch irrsinnige“ Parole von einem Artikel in „American Rifleman“, dem Hausmagazin der „National Rifle Association“. In dem betreffenden Text berichtete ein glücklicher Vater, wie er seinem minderjährigen Sohn das Schießen beigebracht hatte. (Peter Rutkowski)

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