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Donald Trump nutzt „Charlottesville-Hoax“ im US-Wahlkampf

Neonazis in Charlottesville

„Charlottesville Hoax“ - wie Donald Trump im Wahlkampf die Realität verdreht

  • vonMirko Schmid
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Donald Trump versucht seit Jahren, den rassistisch motivierten Terroranschlag von Charlottesville umzudeuten. In der heißen Phase des Präsidentschaftswahlkampfs verschärft er die Bemühungen.

  • Donald Trump relativiert den rechtsextremen Terroranschlag von Charlottesville 2017 und spricht von „sehr anständige Leuten“ in den Reihen der rassistischen „Unite the Right“-Demonstranten.
  • Nach Entsetzen aus den eigenen Reihen der Republikaner rudert Trump zurück und will nicht die Neonazis, sondern nur die "guten Bürger" von Charlottesville gemeint haben.
  • Im aktuellen Wahlkampf hofiert Trump ein Ehepaar, das Black Lives Matter-Demonstranten mit Waffen bedroht und verteidigt einen Amok laufenden Teenager.

Charlottesville - Am 3. November wählen die US-Bürgerinnen und Bürger ihren neuen Präsidenten und wenn es nach Amtsinhaber Donald Trump geht, kann es eigentlich nur der alte sein. Die Wirtschaft boomt, Corona ist besiegt, der Nahe Osten ist befriedet und das alles dank des großartigsten Präsidenten der neueren Geschichte.

So zumindest sieht und twittert es Donald Trump. Was gar nicht in diese Erzählung passt, das sind Umfragezahlen, die allesamt seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden in Führung sehen - landesweit und in den meisten der besonders umkämpften "Swing States", der Staaten mit einem großen Anteil an Wechselwählern.

Statt Versöhnung: Trump macht gegen Black Lives Matter-Bewegung Wahlkampf

Und da wären dann auch noch diese ständigen Unruhen. In den Straßen vieler Städte im Land protestieren die Menschen gegen brutale bis tödliche Übergriffe der Polizei, gegen die strukturelle Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung und nicht zuletzt gegen Trump selbst. Die Aufgabe eines Präsidenten ist in aufgewühlten Zeiten eindeutig: Er hat es in der Hand, das Land zu versöhnen, einen Dialog zu ermöglichen, eine Agenda des Zusammenhalts zu setzen. Wenig präsidial wäre es, die Ausschreitungen und das Aufbegehren der über Jahrhunderte strukturell benachteiligten zum Zweck der eigenen Wiederwahl auszunutzen und die Black Lives Matter-Bewegung als marodierende Terroristen zu brandmarken, um sich als Hüter von Recht und Gesetz zu positionieren.

Doch Trump hält eben nicht viel von präsidialem Verhalten. Umso mehr hält er von einer spaltenden Politisierung, von der Art klaren Unterscheidung in Gut und Böse, die ihn vor vier Jahren ins Amt trug. Und so denkt Trump gar nicht daran, den Versöhner zu geben und auf die Black Lives Matter-Bewegung zuzugehen. Im Gegenteil sieht er die Möglichkeit, mit einem ganz einfachen Twist die eigenen Wiederwahlchancen zu steigern: Er dreht den Spieß rum. Eine Methode, die er im Umgang mit Protesten gegen Rechtsextremismus spätestens im Anschluss an das Attentat von Charlottesville immer weiter verfeinert hat.

Trump nach rechtem Terror in Charlottesville: „Sehr anständige Leute“

Sehr anständige Leute“ will Donald Trump nämlich gesehen haben seinerzeit in Charlottesville im August 2017. Und zwar auf „beiden Seiten“. Zur Erinnerung: Auf der einen Seite standen Aktivisten gegen Rassismus, örtliche Gruppen aus dem kirchlichen Umfeld, Bürger aus Charlottesville und Black Lives Matter-Demonstranten. Auf der anderen Seite demonstrierten Seite an Seite Neonazis, Anhänger des Ku-Klux-Klans, Neo-Konföderierte und Alt-Right-Anhänger.

Dass sich aus den Reihen dieser Gesellschaft James Alex Fields jr. berufen sah, sein Auto mit voller Absicht in die Menge der Gegendemonstranten zu fahren, dabei mindestens 19 Menschen verletzte und die 32-jährige Heather Heyer ermordete, blieb für das „stabile Genie“ im Amt des mächtigsten Politikers weltweit eine Randnotiz.

Der republikanische Senator Cory Gardner, von Amts wegen nicht unbedingt ein prädestinierter Kritiker Trumps, sprach stellvertretend für eine irritierte Weltöffentlichkeit aus, dass Trump es - entgegen seiner sonst üblichen Art - nicht vermochte, „in diesem Fall das Problem beim Namen zu nennen“. Übersetzt: Die, nicht selten überzogene und pointierte Empörung Trumps, die üblichen Tiraden, die verurteilenden Worte des Oberbefehlshabers, sie alle blieben weitgehend aus. Stattdessen berief sich Donald Trump auf den Allgemeinplatz, wonach „diese Gewalt“ schon seit „einer ganzen Weile von vielen Seiten“ ausginge.

Trumps Relativierung: Entsetzen bei Staatsoberhäuptern weltweit und selbst bei Republikanern

Doch langsam dämmerte Trump, dass er mit dieser nur recht wenig subtil vorgetragenen Unterstützung seiner rechtsextremen Stammwählerschaft diesmal nicht ganz so ungeschoren davonkommen würde, wie er es inzwischen gewohnt war. Seine Strategie, verbale und moralische Grenzen abzutasten und Stück für Stück einzureißen, bröckelte. Zu laut die entsetzten Stimmen aus dem eigenen Lager. Dass ihn Politiker*innen und Staatsoberhäupter und Politiker weltweit damit nicht durchkommen lassen wollten, perlte wie gewohnt an Trumps Firewall aus Trotz und Ignoranz noch ab.

Doch als sich selbst sein wirtschaftlicher Chefberater Gary Cohn, der damalige republikanische Mehrheitsführer im Kongress Paul Ryan („Trump hat seinen Kommentar vermasselt“) und sogar der konservative FOX-Agitator Greg Gutfeld („pure Ignoranz“) mit klaren Worten gegen Trumps Gleichmacherei von Neonazis und Gegendemonstranten wandten, schrillten die Alarmglocken im Umfeld des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und so wollte er es wieder einmal nicht gesagt haben. Oder zumindest ganz anders gemeint. Eine neue Strategie musste her.

Relativieren und umdeuten: Trump schafft alternative Fakten

Also suchten Trump und Gefolge einen Ausweg in den eigenen Worten. Hatte der Präsident nicht klar gesagt, dass er „diese ungeheure Demonstration von Hass, Bigotterie und Gewalt“ verurteile, bevor er zum Hufeisen griff und die „Unite the Right“-Rassisten in einem Atemzug mit der „anderen Seite“ als anständige Leute bezeichnete? Und wollte Trump in Wirklichkeit gar nicht die von ihm immer wieder hofierten Rechtsaußen, sondern „ganz normale Leute“ gemeint haben, die sich quasi zufällig in den Reihen zwischen Alt-Right und Ku-Klux-Klan verirrt hatten (eine Argumentation, die derzeit auch hierzulande im Umfeld der „Freidenker“-Demonstrationen immer wieder herhalten muss)?

Dass es sich bei der Unite the Right-Demonstration nicht um eine spontane Demonstration oder eine breite Koalition rechtschaffener Normalbürger, sondern um eine eindeutig als Rallye der White Supremacists beworbene Veranstaltung handelte, würde der im modernen Zeitalter geraffter Nachrichten abgestumpfte Konsument sicher bald vergessen haben.

Nur: Der Twist verfing nicht, zu eindeutig war die Lage vor Ort, zu klar definiert das Teilnehmerfeld. Und so war es ein Leichtes für seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden, seine Kampagne zur Kandidatur um die demokratische Herausforderer-Rolle im Vorwahlkampf nicht nur mit dem Wort "Charlottesville" zu beginnen, sondern seine Kandidatur de facto mit Trumps einseitiger Sehschwäche zu begründen: "Der Präsident der Vereinigten Staaten hat eine moralische Äquivalenz zwischen denen, die Hass verbreiten, und denen, die den Mut haben, sich dagegenzustellen, festgelegt. In diesem Moment wusste ich, dass die Bedrohung für diese Nation anders war als jede andere, die ich jemals in meinem Leben gesehen hatte."

Neonazis von Charlottesville auf einmal Denkmalschützer - Trumps alternatives Universum

Trump hatte Biden Wahlkampfmunition geliefert. Frei Haus und gratis. Die Idee, dem eigenen Affen Zucker zuzuwerfen verwandelte sich in einen für Trump nicht ungefährlichen Bumerang. Eine alternative Erzählung musste her. Ein Plan C, wenn man so will. Wie gut, dass rund um die Black Lives Matter-Bewegung die sogenannte "Cancel Culture" in den Mittelpunkt rückte. Der - von rechts gesehen - unternommene Versuch von unverbesserlichen Liberalen, Linken und Störenfrieden, Gründerväter und Kriegshelden vom wortwörtlichen Sockel zu stoßen, Statuen niederreißen zu wollen - kurzum: die großartige Geschichte der USA infrage zu stellen. Dass diese Statuen unter anderem Sklavenhändler und Rassisten abbildeten - in Trumps Welt (und der seiner Anhänger) kein Thema. Und so erfand Trump die Legende von aufrechten Amerikanern, die in Charlottesville für den Erhalt der Geschichte auf die Straße gingen.

Trump griff nun also zu einem altbewährten Hütchenspielertrick: er vermischte Fakten. Er habe in der Nacht vor dem tödlichen Anschlag von Charlottesville doch Menschen gesehen, die „sehr leise“ gegen den Abbau der Statue von Robert E. Lee protestierten. Einem General, der die Truppen der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg mit dem Ziel des Erhalts der Sklaverei aufs Schlachtfeld führte und dafür in rechten Kreisen bis heute verehrt wird, wohingegen die Black Lives Matter-Bewegung naturgemäß wenig Begeisterung für den „Kriegshelden“ aufzubringen vermag.

Und so zogen aufrechte Geschichtswahrer mit Sprechchören wie „Ihr werdet uns nicht ersetzen“ durch Charlottesville, um im Rahmen der sogenannten Tiki Torch Parade mit Fackeln in der Hand, wie Trump es schließlich nannte, „sehr leise“ ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen. Dass manche dieser ehrenwerten Leute den Hitlergruß zeigten, dass es zu gewalttätigen Ausschreitungen der „sehr leisen“ Leute kam - Fakten, die wenig überraschend von Trump unerwähnt blieben.

Trumps Wahlkampf: Nicht die Nazis sind der Gegner, die Antifa bedroht die USA

Und so sprach Trump nun nicht mehr vom Amok fahrenden und inzwischen zu lebenslänglich plus 419 Jahren Haft verurteilten Rechtsextremisten James Alex Fields jr., der schon in der Schule durch rassistische Äußerungen und eine Glorifizierung Adolf Hitlers aufgefallen war. Er sprach auch nicht mehr davon, dass es auf beiden Seiten feine Leute gab. Er fing an, nur noch von denen zu sprechen, die sich für die Geschichte einsetzen. Von Patrioten. Und erschuf eine Erzählung, hinter der sich sein Lager, das sich von rechtsaußen bis hinein in die konservativ-klerikale Mitte der Gesellschaft der USA erstreckt, versammeln konnte.

Sekundiert wurde er dabei von jenen, die seine Äußerungen aus den Tagen nach dem feigen Mordanschlag nach und nach verniedlichten oder sogar ganz verleugneten. FOX-Kommentator Gutfeld, der Trump zunächst noch scharf kritisiert hatte, lenkte ein und nannte Trumps Worte nun einen "Scherz". Die Trump-freundliche Website Breitbart veröffentlichte seit Anfang 2019 nun weit mehr als 50 Artikel über den sogenannten "Charlottesville Hoax", nachdem Trump einfach nie gesagt haben sollte, was er gesagt hatte. Denn dass nicht sein kann, was nicht sein darf, das war und ist längst ein unverrückbares Credo der Präsidentschaft Trumps und dessen Anhänger.

Charlottesville-Twist wird zum prägenden Ansatz für Trumps Wahlkampf

Und so dreht Trump seither und mit voller Vehemenz das Bild, verbiegt er wie gehabt Fakten und zeichnet sich eine Welt, wie sie ihm gefällt. Die Geschehnisse rund um Charlottesville prägten den längst verfolgten Ansatz entscheidend mit, die Zivilgesellschaft, die aufsteht gegen Hass, Rassismus und Menschenfeindlichkeit, umzudeuten in radikale, gefährliche Antifaschisten, denen es in erster Linie um die Zerstörung der altbewährten Ordnung in den USA geht. Schließlich teilten diese Rowdies, so Trump im Rahmen einer Pressekonferenz 2017, „mit ihren schwarzen Outfits und mit den Helmen und mit den Baseballschlägern“ die Verantwortung für die Gewalt. Also mit jenen, welche diese Gewalt - außerhalb von Trumps Welt - erst entfacht hatten.

Müßig zu erwähnen, dass dieser Spin monatelang von Fox News, Breitbart und Co. ventiliert wurde, bis es auch der letzte Trump-Anhänger im Schlaf mitsprechen konnte. Die so entfachten Ängste sind es, die Trump jetzt - etwas weniger als zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl - für sich nutzt, um im Wahlkampf den Law and Order-Verfechter zu geben und seine Truppen hinter sich zu einen.

Trumps Saat geht auf - Amokläufer Rittenhouse und Waffennarren McCloskey als Idole

Und diese Saat geht auf. Dass beim großen Trump-Nominierungsparteitag der Republikaner ausgerechnet das Ehepaar McCloskey in einem Einspieler die Werte der „rechtschaffenen Familie von nebenan“ symbolisieren durfte, war schlicht konsequent. Waren es doch die McCloskeys, die mit Pistole und Gewehr vor dem eigenen Haus herumfuchtelten, um vermeintliche Black Lives Matter-Terroristen abzuschrecken - und sich dafür nun vor Gericht verantworten müssen.

Es verwundert auch nicht mehr, dass Kyle Rittenhouse, ein Teenager aus Illinois, für dessen Rechtsbeistand eine christliche Fundraising-Seite eine Viertelmillion Dollar sammelte, viel Zustimmung aus dem rechten Lager erhält. Rittenhouse soll, bewaffnet mit einem Sturmgewehr, die Staatsgrenze von Illinois überquert haben, um in Wisconsin auf Demonstranten der Black Lives Matter-Bewegung zu schießen und dabei zwei Menschen ermordet sowie einen weiteren verletzt haben.

Natürlich blieb das von Donald Trump nicht unkommentiert. „Er war in sehr großen Schwierigkeiten“, zeigte Trump Einfühlungsvermögen mit Sturmgewehr-Teenager Rittenhouse, „er wäre wahrscheinlich getötet worden“. Selbstverteidigung also. Vor den Terroristen der Black Lives Matter-Bewegung. Diesmal fand Trump den Anstand nur auf einer Seite. (Von Mirko Schmid)

Die US-Wahl 2020 rückt immer näher: Die Spannung um die Frage, wer nächster Präsident wird, steigt. Donald Trump liegt in den Umfragen hinten, aber in Stein gemeißelt ist noch nichts.

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