„Town Hall“ in Philadelphia

Donald Trump gerät auf Bürgerversammlung ins Kreuzverhör

  • Enno Eidens
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Donald Trump stellt sich den direkten Fragen der amerikanischen Wähler. Die Antworten des US-Präsidenten sorgen für Irritation beim anwesenden Publikum.

  • US-Präsident Donald Trump stellt sich beim US-Sender ABC News den Fragen des Publikums.
  • Das Format der Bürgerversammlung ist in den USA als „Town Hall“ bekannt.
  • Die Antworten des Präsidenten vor der US-Wahl 2020 verursachten Irritation, nun gibt es viel Kritik.

Philadelphia – Es ist lange her. Vor einem halben Jahr stellte sich Donald Trump einem FOX-Fernsehpublikum. Nun beantwortete der US-Präsident erneut die Fragen anwesender Wählerinnen und Wähler. Diesmal allerdings nicht bei FOX News. Und diesmal lief nicht alles rund.

Es kam zu Unterbrechungen und kritischen Situationen, der ABC-Moderator George Stephanopoulos musste Donald Trump mehrfach unterbrechen und Aussagen des US-Präsidenten korrigieren. Trump wiederholte seine Antworten häufig und schob die Coronavirus-Pandemie wie ein Mantra durch den Abend. Viele US-Medien reagierten mit Hohn und kritischen Analysen auf die „Town Hall“-Veranstaltung des Präsidenten. Der Trump-freundliche Sender FOX News sprang für den republikanischen Präsidenten in die Bresche.

45. Präsident der Vereinigten Staaten:Donald Trump
Partei:Republikanische Partei
Geboren:14. Juni 1946 (Alter 74 Jahre), Jamaica Hospital Medical Center, New York City, New York, Vereinigte Staaten
Vermögen:2,5 Milliarden USD (2020)
Ehepartnerinnen:Melania Trump (verh. 2005), Marla Maples (verh. 1993–1999), Ivana Trump (verh. 1977–1992)
Kinder:Ivanka Trump, Barron Trump, Donald Trump Jr., Tiffany Trump, Eric Trump
Nichte:Mary L. Trump

Donald Trump besucht Bürgerversammlung in Seattle – kritische „Town Hall“ beim Sender ABC News

Die Coronavirus-Krise hat öffentliche Veranstaltungen für lange Zeit beinahe unmöglich gemacht. Unter anderem deshalb gab es seit langer Zeit keine „Town Hall“ – eine öffentlich ausgestrahlte Bürgerversammlung mit Publikumsfragen – des US-Präsidenten Donald Trump. Zumindest nicht mit örtlich anwensendem Publikum. Die letzte Veranstaltung dieser Art ist ein halbes Jahr her. Am 5. März 2020 beantwortete Donald Trump die Fragen seines Wahlvolks in der Stadt Scranton im US-Staat Pennsylvania. Damals organisierte Fox die Veranstaltung. Martha MacCallum und Bret Baier moderierten die „Town Hall“ im März. Im Mai gab es noch eine „virtual town hall“ im Online-Stream.

Nun stellte sich der Präsident erneut den Fragen der US-Amerikaner. Für den republikanischen Donald Trump gab es am Abend des 15. Septembers nicht unbedingt optimale Bedingungen. Der US-Privatsender ABC News veranstaltete die Bürgerversammlung in Philadelphia. Durch den Abend führte ABC-Hauptmoderator George Stephanopoulos. Der Journalist und Politikberater arbeitete von 1992 bis 1996 als Kommunikationschef von Bill Clinton. Mit Stephanopoulos gelangte Clintons ins Weiße Haus. Dort wurde Stephanopoulos Kommunikationschef unter dem demokratischen Präsidenten Clinton. Nach Clintons Wiederwahl im Jahr 1996 verließ Stephanopoulos die Politik und arbeitete fortan als Politikspezialist für ABC News.

Kein leichtes Feld für den republikanischen US-Präsidenten. Zwischen Stephanopoulos und Trump kam es immer wieder zu Wortgefechten. Vor allem mit den von Donald Trump vorgebrachten Fakten hatte der Moderator ein Problem, oft korrigierte er den Präsidenten. Auch das Publikum war kritisch und stellte Trump Fragen zu wichtigen politischen Themen der US-Wahl. Trump fand zwar stets eine Antwort, konnte die Fragenden aber selten zufriedenstellen. Behandelt wurde unter anderem das Coronavirus, das Gesundheitssystem der USA sowie die Situation der afrikanisch-amerikanischen Bevölkerung der USA.

Moderator George Stephanopoulos führte durch die „town hall“ auf ABC News.

US-Präsident Trump stellt sich den kritischen Fragen der Bevölkerung

Laut ABC News sind bisher noch rund 25 Prozent aller US-Wählerinnen und -Wähler unentschieden, wen Sie in den US-Wahlen 2020 am 3. November wählen sollen: Donald Trump oder Herausforderer Joe Biden. Im National Constitution Center in Philadelphia hatte Donald Trump nun die Möglichkeit, weitere Zustimmung zu sammeln. Das klappt nicht ganz. Trumps Antworten sorgten stellenweise für Unverständnis, nur selten gab es Zustimmung zu seinen Reaktionen auf die Fragen des Publikums.

Die Universitätsprofessorin Ellesia Blaque fragte den US-Präsidenten, wie er Menschen mit Geburtskrankheiten („preexisting conditions“) finanziell und gesundheitlich absichern wolle. Dabei ging es konkret um die Frage, ob Krankenversicherungen Menschen mit solchen gesundheitlichen Problemen pauschal ablehnen dürfen. Donald Trump unterbrach die Frau mitten in ihrer Frage mit einer vorschnellen Antwort, woraufhin sie den Präsidenten darum bat, ausreden zu dürfen. Daraufhin erklärte die Demokraten-Wählerin, in welch akuter Lebensgefahr Sie und andere Patienten kommen würde, wenn keine Versicherung ihre Behandlung übernähmen.

Seine darauffolgende Antwort verwirrte Moderator und Publikum. Zwar sagte Donald Trump, dass seine Regierung diesen Punkt nicht verändern wolle, doch dann schwenkte er um und kritisierte die Gesundheitspolitik des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Daraufhin unterbrach ihn Moderator George Stephanopoulos und korrigiert Trumps Vorwürfe: Unter „Obama Care“ können Menschen mit Geburtskrankheiten sich zum selben Preis wie andere versichern lassen und Trump würde diese Regelung gerade vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten stürzen lassen wollen. Der US-Präsident erwiderte auf die Kritik, wie gut sein neues Gesundheitssystem werden würde.

Donald Trump über das Coronavirus – Impfstoff soll im Oktober kommen

Der US-Präsident wurde in der „Town Hall“ auch von seinen eigenen Wählern angegriffen. Ein Mann aus dem Umland gab vor seiner Frage an, dass er konservativ, Abtreibungsgegner und Diabetiker sei. Dann kritisierte er, dass er Fußgängern ohne Masken ausweichen müsse. Dann kritisierte er die Coronavirus-Politik des US-Präsidenten vehement. Bis zum ersten Mai sei er zufrieden mit Trumps Reaktion auf die Pandemie gewesen, doch dann habe der Präsident „den Fuß vom Gas genommen.“

Der sichtlich angespannte Mann fragte: „Why do you throw vulnerable people like me under the bus?“ Übersetzt bedeutet die Frage so viel wie: „Warum werfen Sie verletzliche Menschen wie mich den Wölfen zum Fraß vor?“ Gemeint sind Donald Trumps zurückhaltende Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie in den USA. Dort sind rund 195.000 Menschen an den Folgen des Coronavirus gestorben. Donald Trump verneinte die Anschuldigung, man habe sehr hart an der Pandemie gearbeitet. Zudem weist der Präsident die Verantwortung für das Coronavirus von sich: „Es kam aus China, die hätten das niemals zulassen sollen!“

Die USA haben rund 195.000 Coronavirus-Tote zu beklagen. (Stand, 16. September 2020)

Danach machte der US-Präsident eine bahnbrechende Ankündigung: In drei bis vier Wochen solle es in den USA einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben. Moderator George Stephanopoulos fragte Trump während der Bürgerversammlung auch, ob er rückblickend in Angesicht der rund 195.000 Coronavirus-Toten in den USA irgendetwas anders gemacht hätte. Donald Trump antwortete, dass es ohne seine Reaktion 2 Millionen Tote gegeben hätte und er einen „Great Job!“ gemacht habe.

Amerikanische Medien reagieren auf Trumps „Town Hall“ – Proteste vor Veranstaltungsort

Der stark konservative und Donald Trump stets wohlgesonnene Sender Fox News nannte die „Town Hall“ auf ABC einen „Hinterhalt“ und zitierte stark gekürzte Ausschnitte von einigen Fragestellern der Bürgerversammlung. Der Sender ABC News selbst veröffentlichte auf YouTube ungekürzte Dialoge zwischen Trump, Moderator und Publikum sowie ein Transkript der Sendung. Zudem gibt es einen Faktencheck von Donald Trump Aussagen auf der Bürgerversammlung.

Andere Medienhäuser wie CNN und MSNBC berichteten kritisch über die Sendung. MSNBC-Moderator Brian Williams kommentierte auf MSNBC widersprüchliche Aussagen Donald Trumps. Dabei ging es um Trumps Telefonate mit Bob Wordward, in denen Trump zugab, die Coronavirus-Pandemie bewusst „runterzuspielen“, um keine Panik verursachen zu wollen. Bei der „Town Hall“ in Philadelphia widersprach Trump dieser Aussage.

Der Journalist Scott Jennings lobt Donald Trump dafür, dass er auf „feindlichem“ Terrain aufgetreten sei. Dennoch sagt er, dass es für den Präsident „nicht gut gelaufen“ ist. Auch wenn es einige gute Momente in der Bürgerversammlung gegeben habe, sei klar geworden, dass Trump in kämpferischen Debatten mit politischen Gegnern deutlich stärker sei als im Austausch mit der Bevölkerung im „Town Hall“-Format.

Schon vor Donald Trumps Ankunft gab es Proteste in Philadelphia. Die Polizei trennte Gegner und Befürworter des Präsidenten, es kam zu keinen größeren Ausschreitungen. Der Sender ABC gibt an, dem demokratischen Herausforderer Joe Biden ebenfalls eine Bürgerversammlung angeboten zu haben, dieser habe es jedoch zeitlich nicht geschafft. Am Donnerstag, 17. September wird Biden stattdessen eine „Town Hall“ auf CNN abhalten. In zwei Wochen treffen sich Trump und Biden zur ersten Debatte beider großen Kandidaten des US-Wahlkampfs 2020. (Von Enno Eidens)

Rubriklistenbild: © Mandel Ngan/AFP

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