US-Wahlkampf

US-Wahl: Republikaner wollen 117.000 Stimmen in Texas wegwerfen

  • Lukas Rogalla
    vonLukas Rogalla
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  • Mirko Schmid
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Donald Trump ist selbst in der republikanischen Hochburg Texas unter Druck. Seine Partei will mehr als 117.000 Stimmen per Drive-in für ungültig erklären. 

  • Texas gilt als Hochburg der Republikaner. Donald Trump kann sich seines Sieges in Texas aber nicht mehr sicher sein, Joe Biden liegt in Umfragen nur knapp hinter dem Präsidenten.
  • Bereits 9 Millionen Menschen haben in Texas bereits ihre Stimme beim Early Voting abgegeben - mehr Wähler:innen als 2016 in Texas insgesamt.
  • Alle Neuigkeiten und Hintergrundinformationen zu den Wahlen in den USA finden Sie in den News zur Wahl 2020.

Update vom Sonntag, 1.11.2020, 15.10 Uhr: Mehr als neun Millionen Menschen haben in Texas bereits gewählt. Im Harris County (u.a. Houston) fordern die Republikaner vom Bundesgericht und -staat, dass man mehr als 117.000 Stimmen wegwirft, die per Drive-in abgegeben wurden. Das berichtet das Online-Magazin „Slate“. Das Wahlsystem wurde im Juni vorgeschlagen, um die Stimmabgabe in der Corona-Pandemie zu erleichtern. Im August gab man es frei. Am 13. Oktober begann das Early Voting, doch erst zwei Tage später zogen die Republikaner vor das Oberste Gericht in Texas, um das Drive-in-Wählen zu stoppen. Weil der Antrag abgelehnt wurde, zog man vor ein Bundesgericht und forderte, den Prozess für verfassungswidrig zu erklären.

Die Gesetzgebung könnte der republikanischen Partei einen Strich durch die Rechnung machen. Temporäre Wahllokale, auch Drive-ins, sind in Texas erlaubt. Bundesrichter Andrew Hanen, der für den Fall zuständig ist, gilt jedoch als äußerst konservativ. Die Anhörung findet am Montagmorgen (2. November) statt. Gegen die Entscheidung kann vor dem Supreme Court der USA Berufung eingelegt werden. Kurz vor der US-Wahl stehen somit mehr als 117.000 Stimmen auf dem Spiel. Das Harris County ist der bevölkerungsreichste Bezirk im Bundesstaat und hauptsächlich demokratisch geprägt. Die Chancen des Demokraten Joe Biden, in der republikanischen Hochburg Texas zu gewinnen, stehen in diesem Jahr nicht schlecht.

US-Wahlen in Houston, Texas

US-Wahl: Ungewöhnlich hohe Zahl der Stimmenabgabe bei Early Voting in Texas

Update vom Samstag, den 31.10.2020: In Texas haben nach Angaben von CNN bereits 9 Millionen Menschen ihre Stimme für die US-Wahlen 2020 abgegeben. Beim sogenannten Early Voting konnten Wähler:innen per Briefwahl oder persönlich ihre Stimme abgegeben. Im Jahr 2016 betrug die Gesamtzahl der Wähler:innen, die in Texas insgesamt zur Wahl gegangen sind, 8, 96 Millionen. Damit übersteigt die Anzahl jener Bürger:innen, die 2020 in Texas bereits das Early Voting nutzten, die Zahl der Wähler:innen 2016 in Texas insgesamt. Auch die Zahl der registrierten Wähler:innen ist in Texas seit 2016 um 12 Prozent gestiegen. Das sind insgesamt etwa 1,9 Millionen Menschen. Seit 1976 gewann in Texas kein demokratischer Kandidat. 2016 gewann der amtierende US-Präsident Donald Trump in Texas mit 10 Prozentpunkten Vorsprung.

US-Wahl: Donald Trump mit dem Rücken zur Wand - Kamala Harris auf Tour in der Republikaner-Hochburg

Erstmeldung vom Donnerstag, den 29.10.2020: Texas/USA - Es wäre eine Sensation historischen Ausmaßes – und die größtmögliche Demütigung für Präsident Donald Trump: Die Demokraten um Präsidentschaftskandidat Joe Biden sehen gute Chancen, die republikanische Hochburg Texas erstmals seit Jahrzehnten für sich zu gewinnen. Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris möchte ihren Teil zum Coup beitragen und tourt durch den „Lone Star State“.

Kamala Harris auf Wahlkampftour: Jetzt will sie in Texas dazu beitragen, dass Donald Trump das republikanische Stammland verliert

Umfragen sehen Donald Trump und Joe Biden nahezu gleichauf in Texas

Texas gilt nicht gerade als Swing State. Seit 1980 ist der Staat an der Grenze zu Mexiko bei Präsidentschaftswahlen fest in der Hand der Republikaner. Der letzte Demokrat, der den Staat „blau färben“ konnte, war Jimmy Carter – 1976. Harold Cook, ein politischer Analyst und Veteran der Kampagnen der Demokratischen Partei in Texas bringt es auf den Punkt: „Das einzige, was Republikaner normalerweise tun müssen, um eine Wahl in Texas zu gewinnen, ist, ihre Vorwahl zu gewinnen und zu vermeiden, am Wahltag von einem Bus angefahren zu werden.“ Diesmal sei aber alles anders. „Donald Trump hat die republikanische Marke so sehr beschädigt, dass die Demokraten in Texas wettbewerbsfähig sind“, glaubt Cook.

Und seine Vermutung wird von Zahlen untermauert. In den letzten Vorwahlumfragen liegen Donald Trump und Joe Biden in Texas Kopf an Kopf – während George W. Bush „seinen“ Bundesstaat in den Jahren 2000 und 2004 mit rund 60 Prozent (59 und 61) gewann und auch die gegen Barack Obama landesweit chancenlosen John McCain (55 Prozent) und Mitt Romney (57 Prozent) sich der Unterstützung des Südstaats sicher sein konnten. „270towin“, eine US-amerikanische Website, welche Umfragen sammelt und daraus einen Schnitt errechnet, sieht Donald Trump in Texas derzeit bei 47,2 Prozent, Biden liegt mit 46,2 Prozent nur ein Prozent dahinter.

Donald Trump könnte der erste Republikaner seit 40 Jahren sein, der in Texas verliert

Die Wahlanalyse-Website „The Cook Political Report“ änderte kürzlich die Einschätzung für Texas von „wahrscheinlicher Sieger Trump“ in „Kopf an Kopf“. Die Demokraten sind wie elektrisiert von ihrer Chance, den mit 38 Wahlleuten zweitgrößten „Preis“ bei der Präsidentschaftswahl 2020 für sich zu gewinnen. Einzig Kalifornien, die Hochburg der Demokraten, hat mehr Wahlleute – 55 an der Zahl. Also richtet sich der Blick von Joe Biden nun in Richtung Süden. Neben den bekannten Swing States wie Ohio, Florida, Arizona, Georgia und dem ehemals demokratischen Stammland Pennsylvania, das Donald Trump 2016 „rumdrehen“ konnte.

Sollte es Joe Biden und den Demokraten gelingen, den Republikanern Texas erstmals seit 40 Jahren zu entreißen, wäre das die wohl größtmögliche Schmach für Donald Trump – und wahrscheinlich das Ende der Wiederwahlträume des Präsidenten. Der letzte Präsident, der nicht wiedergewählt wurde, war der Republikaner George H. W. Bush, der sich 1992 Bill Clinton geschlagen geben musste – und selbst Bush war in seiner Niederlage Texas nicht zu nehmen. Das bedeutet: Verliert Trump in Texas, wäre das nahezu gleichbedeutend mit einem saftigen Tritt heraus aus dem Weißen Haus – mit Schimpf und Schande.

Kamala Harris tourt durch Texas, um Donald Trump die Republikaner-Hochburg abzunehmen

Genau da setzt Kamala Harris jetzt an. Die Vizepräsidentschaftskandidatin der Demokraten wird am Freitag (30.10.2020) insgesamt drei Städte in Texas besuchen, um dort weiter Werbung für sich und Joe Biden und Stimmung gegen Donald Trump zu machen. Dass die Wahl eines Republikaners in Texas kein Selbstläufer mehr ist, hat zuletzt Senator Ted Cruz erleben müssen. Der Amtsinhaber konnte sich mit gerade einmal 50,9 Prozent in die nächste Amtszeit retten, beinahe hätte ihm sein Rivale Beto O‘Rourke das Mandat abgenommmen. Der Demokrat kam auf 48,3 Prozent.

Für die neuerdings kompetitive Situation in Texas ist Donald Trump sicher nicht alleine verantwortlich. Beobachter in den USA machen vor allem den demografischen Wandel im Südstaat verantwortlich dafür, dass Texas die Wandlung von einer, vielleicht der, republikanischen Hochburg zum Swing State macht. Immer mehr Hispanics, viele davon mit Wurzeln in Mexiko, sind wahlberechtigt im „Lone Star State“. Und die machen keinen Hehl daraus, wen sie wählen wollen.

Eine im September von der University of Houston und Univision durchgeführte Umfrage ergab, dass 66 Prozent der texanischen Latino-Wähler Joe Biden wählen wollen, lediglich 25 Prozent neigen zu Trump. Neun von zehn Befragten gaben an, dass sie „sicher“ sind, 2020 zu wählen. Das sind so viele wie noch nie. Trump wird sich nicht darauf verlassen können, dass die Latinos vergessen haben, wie er immer wieder über sie gesprochen hat – zuletzt beim letzten TV Duell mit Joe Biden.

Und auch nicht darauf, dass sie vergessen haben, dass er eine Mauer zu Mexiko, dem Land der Vorfahren und Verwandten vieler Latinos in Texas, bauen will und baut.

Das größte Problem für Donald Trump in Texas: Donald Trump

Doch die größte Gefahr für Donald Trump in Texas bleibt Donald Trump. Richard Murray, Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Houston, erklärt: „In Texas leben nicht viele ältere Weiße, die nicht aufs College gegangen sind. Unsere Bevölkerung besteht heute hauptsächlich aus Minderheiten, insbesondere aus Hispano-Amerikanern.“ Dass mit Joe Biden erstmals seit 40 Jahren ein Demokrat in Texas gewinnen könnte, überrascht ihn nicht: „Es ist die Kombination aus dem Biden-Harris-Ticket, dem demografischen Wandel, aber vor allem: Donald John Trump.“ (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © JULIA BENARROUS/AFP

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