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Ex-Präsident

Rechtsradikale „Proud Boys“ spotten über Donald Trump: „Nur ein schwacher Mann“

  • vonMirko Schmid
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Die rechtsradikale Miliz „Proud Boys“ galt lange als loyalste Stoßtruppe von Donald Trump. Nach dessen Auszug wenden sie sich von ihm ab - und verspotten ihn.

  • Die „Proud Boys“ haben genau wie Donald Trump den Wahlsieg von Joe Biden nie akzeptiert.
  • Nach dem „freiwilligen“ Auszug Trumps aus dem Weißen Haus wittert die rechtsextreme Miliz Verrat.
  • Alle Informationen rund um den 45. US-Präsidenten und seine Fans finden Sie in den Trump News.

Washington D.C. - Donald Trump hatte sie angefeuert, ihnen aufgetragen, sich „bereit zu halten“. Worauf sich die rechtsradikale Miliz „Proud Boys“ genau vorbereiten sollte, das hatte Donald Trump nicht gesagt, als er sich Ende September 2020 während des ersten TV-Duells gegen Joe Biden weigerte, die Extremistengruppe öffentlich zu verurteilen. Doch den „Proud Boys“ war klar: Sollte ihr Präsident die Wahl „gestohlen bekommen“, dann würden sie für ihn in den „Einsatz“ ziehen.

Die „Proud Boys“ waren beim Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar 2021 ganz vorne mit dabei

Und der Tag X kam. Am 6. Januar 2021 waren die „Proud Boys“ prominent unter denjenigen vertreten, welche das US-Kapitol stürmten und zu verhindern versuchten, dass die Auszählung der Stimmen des Electoral College, der Vereinigung aller Wahlleute der USA, vonstatten gehen kann. Das fällt nun ganz persönlich auf die frauenfeindlichen und rassistischen Anhänger von Donald Trump und dessen „America First“-Politik zurück.

Die „Proud Boys“: Ihre Erkennungsfarben sind gelb und schwarz, ihre Ansichten radikal, ihre Methoden brutal.

Am Mittwoch (20. Januar 2020) klickten die Handschellen bei Joseph Biggs. Der 37-Jährige gilt als einer der Anführer der „Proud Boys“, ihm werden die illegale Einreise nach Washington D.C. sowie die Behinderung eines offiziellen Verfahrens im Umfeld der Unruhen vom 6. Januar vorgeworfen. In Videoaufnahmen sieht man ihn inmitten einer größeren Gruppe von „Proud Boys“ auf das Kapitol zumarschieren, sie skandieren unter anderem „Wem gehören die Straßen? Uns!“.

Bei einer vorhergegangenen Demonstration hatten „Proud Boys“ auf eine wehrlose Frau eingeschlagen

Die „Proud Boys“ wurden 2016 als Club für Männer von Gavin McInnes gegründet, der auch das „Vice Magazin“ ins Leben gerufen hatte. Die Gruppe bezeichnet sich selbst als „westliche Chauvinisten“ und zieht Menschen an, die Gewalt nicht scheuen und zumeist anti-muslimische und antisemitische Ansichten besitzen. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump im Jahr 2017 galten die Extremisten als bedingungslose Unterstützer des inzwischen ehemaligen Präsidenten.

Diese Unterstützung währte über die Wahlnacht und die folgenden Tage hinaus, in denen sich die bittere Niederlage von Donald Trump erst immer deutlicher abzeichnete und dann zur Gewissheit wurde. Im ganzen Land riefen die „Proud Boys“ zu Demonstrationen auf, welche sie selbst in großen Gruppen besuchten.

Ein Mitglied der „Proud Boys“ zeigt den „QAnon“-Gruß. Die rechtsradikale Miliz fühlt sich von Donald Trump im Stich gelassen.

Dazu gehört die wohl größte Kundgebung von Trump-Fans vor dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar, dem sogenannten „Million MAGA March“. Am 14. November 2020 schafften die „Proud Boys“ es, Zehntausende Trump-Fans nach Washington D.C. zu rufen, am Rande der Kundgebung kam es zu gewalttätigen Übergriffen, in deren Verlauf „Proud Boys“ dabei gefilmt wurden, wie sie auf eine wehrlose Frau und ihren ebenfalls nicht gewalttätigen Begleiter einschlugen.

„Proud Boys“ rücken von Donald Trump ab und nennen ihn Verräter

Rechtsextrimusmus-Forscher Arieh Kovler charakterisiert die „Proud Boys“ gegenüber der „New York Times“ als Donald Trump geradezu hörig: „Als Trump ihnen sagte, dass Amerika in einen Abgrund geraten würde, wenn er sein Amt niederlegen würde, glaubten sie ihm.“ Nun allerdings seien die „Proud Boys“ desillusioniert. „Jetzt, wo er sein Amt niedergelegt hat, glauben sie, dass er sich ergeben und seine patriotische Pflicht nicht erfüllt hat.“

Während die „Proud Boys“ Donald Trump noch am 8. November in ihrer Telegram-Gruppe in Anlehnung an einen altrömischen Gruß mit den Worten „Gegrüßt seist du, Kaiser“ umschmeichelt hatten, dreht sich die Stimmung in den Social Media-Kanälen der Rechtsextremisten merklich. „Trump wird als totaler Misserfolg untergehen“ heißt es in einer Telegram-Nachricht vom 18. Januar 2021. Auch wird Donald Trump in dieser Gruppe als „Shill“ bezeichnet. Der Ausdruck „Shill“ steht für einen Poker-Spieler, der im Auftrag und mit Geld des Casinos spielt. Ein Verräter also, der sich hat kaufen lassen.

Die „Proud Boys“ vermissen Standhaftigkeit und Rückendeckung von Donald Trump

Die „Proud Boys“ werfen Donald Trump vor allem vor, sich „weichkochen“ haben zu lassen, was in einem Video mündete, in dessen Verlauf Trump Tage nach dem Sturm auf das Kapitol die Gewalt hinter dem Angriff verurteilt und beteuert, dass niemand ein Trump-Supporter sein könne, der Gewalt anwende oder Mitmenschen diskriminiere. Ein Stoß vor den Kopf „seiner“ Miliz, die sich doch auf seinen „Befehl“ hin für einen genau solchen Angriff vorbereitet hatten.

Die „Proud Boys“ wenden sich von Donald Trump ab.

Außerdem vermissen die „Proud Boys“ Standhaftigkeit und Rückendeckung. Mit seinem schlussendlich kooperativen Auszug aus dem Oval Office habe sich Donald Trump als schwach und wenig kampfbereit erwiesen, kritisieren die Rechtsextremisten. Im Zusammenhang mit dem Sturm auf das Kapitol, in dessen Folge gegen immer mehr „Proud Boys“ ermittelt wird, hätten sich die Frauenfeinde mehr Unterstützung, etwa in Form von Begnadigungen, wie sie Trump zu Dutzenden am letzten Tag im Amt gewährt hatte, gewünscht.

Ihre Mitglieder rufen die „Proud Boys“ auf, nicht mehr für Donald Trump zu protestieren

Und so rufen die „Proud Boys“ Mitglieder und Sympathisanten nun tatsächlich dazu auf, nicht mehr an Demonstrationen und Kundgebungen für Donald Trump teilzunehmen. Gemeinsam mit den „Proud Boys“ wenden sich auch andere Gruppen der US-amerikanischen äußersten Rechten vom Ex-Präsidenten ab. Dazu gehören unter anderem die „Oath Keepers“ , „America First“ und die „Three Percenters“. Allesamt waren sie nach dem Sturm auf das Kapitol mit kritischen Telegram-Nachrichten an die Adresse von Donald Trump aufgefallen.

Nichols Fuentes etwa, Anführer von „America First“, beschreibt in seinem Telegramkanal seine Meinung, wonach die Reaktion von Donald Trump auf den rechtsterroristischen Angriff auf das Kapitol „sehr schwach und schlaff“ war. Er fügte hinzu: „Das ist nicht derselbe Typ, der 2015 kandidiert hat.“

Besonders bitter für Donald Trump ist ein Satz aus dem Telegram-Kanal der „Proud Boys“. Dort wird Joe Biden als neuer Präsident mit den Worten begrüßt: „Wenigstens ist die kommende Administration ehrlich über ihre Absichten.“

Der Anführer der „Proud Boys“ wurde vor den Unruhen vom 6. Januar in Washington D.C. verhaftet

Eine Entwicklung, die noch vor kurzer Zeit nicht absehbar war. „Sie wollten sich bewaffnen, einen zweiten Bürgerkrieg beginnen und die Regierung für Trump stürzen“, bilanziert Marc-André Argentino, Rechtsextremismusforscher an der Concordia University. Donald Trump jedoch habe „letztendlich nicht so autoritär“ sein können, „wie die ‚Proud Boys‘ es wollten.“

Die erste Enttäuschung für die „Proud Boys“ stellte der 4. Januar 2021 dar, zwei Tage vor dem großen Sturm auf das Kapitol wurde der oberste Anführer der rechtsextremen Miliz, Henry „Enrique“ Tarrio festgenommen. Ihm wird vorgeworfen ein Banner der „Black Lives Matter“-Bewegung aus einer Kirche entwendet und verbrannt zu haben. Zwar kam Tarrio nur einen Tag später wieder (unter der Auflage Washington D.C. zu verlassen) frei, das Schweigen zum Thema aus dem Weißen Haus war den „Proud Boys“ aber genauso wenig entgangen wie der Umstand, dass Trump sich auch auf Twitter dazu - im Gegensatz zu so ziemlich jedem anderen Thema rund um die US-Wahl - nicht äußerte.

Weitere „Proud Boys“ müssen sich nach dem Sturm auf das US-Kapitol Anklagen stellen

Einer Anklage gegenüber sehen sich nach dem Sturm aufs Kapitol außerdem der ehemalige Elitesoldat Dominic Pezzola, „Proud Boy“ aus Rochester und Nicholas Ochs, Gründer der „Proud Boys“-Filiale auf Hawaii. Ebenfalls vor Gericht muss Nicholas DeCarlo, der die „Proud Boys“-nahe Bewegung „Murder the Media“ anführt. Sein Aufruf, die Medien zu „ermorden“ wurde im Kapitol am 6. Januar 2021 unter anderem in Türen geritzt.

Während der und nach den Ausschreitungen hatten die „Proud Boys“ vergebens darauf gewartet, dass sich Donald Trump, der sie und andere Trump-Fans während einer öffentlichen Rede in Washington D.C. noch kurz zuvor aufgefordert hatte, „noch viel härter zu kämpfen“ öffentlichkeitswirksam an ihre Spitze stellte. Stattdessen habe sich Trump mit seinem Video vom 8. Januar von ihnen distanziert, heißt es im Telegram-Channel der Gruppe.

„Proud Boys“: „Donald Trump war nur ein Mann und am Ende ein außerordentlich schwacher“

Das Urteil der „Proud Boys“ fällt vernichtend aus: „Es ist wirklich wichtig für uns alle, zu sehen, wie sehr Donald Trump diese Woche seine Unterstützer betrogen hat. Wir sind zuallererst und immer Nationalisten. Trump war nur ein Mann und am Ende ein außerordentlich schwacher.“ (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Jungho Kim via www.imago-images.de

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