Schüsse auf Jacob Blake in USA

Kenosha: Joe Biden verspricht Kampf gegen tief sitzenden Rassismus

  • Teresa Toth
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Zwei Tage nach Donald Trump reist auch Joe Biden in die Stadt Kenosha. Ihre Botschaften können kaum unterschiedlicher sein.

  • Seit ein Polizist Jacob Blake mehrfach in den Rücken geschossen hat, demonstrieren zahlreiche Menschen in Kenosha gegen Polizeigewalt.
  • Bei den Protesten erschießt ein 17-Jähriger offenbar zwei weitere Menschen.
  • Donald Trump war in die Stadt im US-Bundesstaat Wisconsin gereist, um „Liebe und Respekt“ in den USA zu steigern.

Update vom Frietag, 04.09.2020, 6.00 Uhr: Erst war Donald Trump in Kenosha, dann besuchte auch Joe Biden die von Protesten erschütterte Stadt im US-Bundesstaat Wisconsin. In einer Kirche warb er im Gespräch mit wenigen geladenen Gästen - unter Einhaltung der Corona-Regeln - dafür, sich dem Rassismus zu stellen: „Wir werden uns mit der Ursünde dieses Landes befassen, sie ist 400 Jahre alt. Es ist die Ursünde der Sklaverei“, sagte Biden: „Der tief sitzende Rassismus ist institutionalisiert in den USA, er existiert immer noch, schon seit 400 Jahren.“ Jetzt sei die Chance, dagegen anzugehen.

Biden hörte sich in der Kirche die Sorgen von Vertretern der Zivilgesellschaft an. Die ergreifendsten Worte kamen von der Afroamerikanerin Porsche Bennett. „Die Wahrheit ist, wir sind mächtig wütend“, sagte Bennett und prangerte eine alltägliche Ungleichbehandlung an. Selbst mit ihren 31 Jahren habe sie genug davon gesehen. „Wir wollen die exakt gleichen Rechte wie andere.“

Biden bemühte sich dann, die richtigen Worte zu finden. Ihm sei bewusst, dass er als Weißer nie den Rassismus am eigenen Leib erlebt habe, räumte er ein. „Ich kann nicht begreifen, wie es ist, aus der Tür zu gehen oder meinen Sohn oder meine Tochter rauszuschicken - und mir Sorgen zu machen, dass sie nicht zurückkommen könnten, nur weil sie schwarz sind“, sagte Biden. „Ich kann es nicht intellektuell verstehen, aber ich kann es fühlen.“ Er werde bis zum Schluss gegen Rassismus und für Gleichberechtigung kämpfen. „Egal, ob ich gewinnen oder verlieren werde“, versprach Biden.

Auch Joe Biden besucht Kenosha.

Vor dem Auftritt in Kenosha traf sich Biden mit der Familie von Jacob Blake. Das Gespräch mit seinem Vater und Schwestern dauerte nach Angaben von deren Anwalt rund eineinhalb Stunden. Auch Blake habe sich aus dem Krankenhaus zugeschaltet, sagte Biden. „Er sprach davon, wie er sich durch nichts besiegen lassen wird. Wie er nicht aufgeben wird, egal, ob er wieder laufen kann oder nicht.“

Bidens Reise nach Kenosha war von vorneherein als Kontrastprogramm zu Trumps Besuch angelegt. In Kenosha konnten die Wähler in den USA daher innerhalb von 48 Stunden gut sehen, wie ihr nächster Präsident mit einer solchen Situation umgeht. Biden sprach von einer Stadt, die Heilung braucht; Trump hingegen kam, um Stärke nach dem Ende der Krawalle zu demonstrieren.

Nach Donald Trump besucht jetzt Joe Biden Kenosha

Update 03.09.2020, 04.55 Uhr: Nach US-Präsident Donald Trump reist sein Herausforderer Joe Biden am Donnerstag (03.09.2020) nach Kenosha, wo es nach Polizeischüssen auf einen Schwarzen zu Ausschreitungen gekommen war. Der Präsidentschaftskandidat der oppositionellen Demokraten wird die Stadt im Bundesstaat Wisconsin gemeinsam mit seiner Ehefrau Jill besuchen. Der frühere Vizepräsident will dabei das Gespräch mit Bewohnern Kenoshas suchen und auch die Familie des durch Polizeischüsse schwer verletzten Jacob Blake treffen.

Trump-Herausforderer Joe Biden reist auch nach Kenosha.

„Mein Ziel wird sein, einen positiven Einfluss auf das Geschehen zu haben“, sagte Biden vor dem Besuch am Donnerstag. „Wir müssen heilen.“ Biden werde sich im Gegensatz zu Trump mit Blakes Familienmitgliedern treffen, sagte eine Sprecherin seines Wahlkampfteams dem Nachrichtensender CNN. Joe Biden sagte vor der Reise auch, der Polizist, der auf Blake schoss, sollte seiner Ansicht nach angeklagt werden - auch wenn letztlich die Ermittlungen ihren Weg gehen müssten. Justizminister William Barr kritisierte daraufhin in einem CNN-Interview, es sei „unangemessen“, sich dafür auszusprechen, bevor die Untersuchungen abgeschlossen seien. Barr selbst sagte zugleich ohne weitere Details, Blake sei dabei gewesen, ein Verbrechen zu begehen, und sei bewaffnet gewesen.

Trump spricht von „inländischem Terrorismus“

+++ 08.00 Uhr: Wieder wird in den USA ein Schwarzer von einem Polizisten getötet. Bei einer Polizeikontrolle in der kalifornischen Metropole Los Angeles hat ein Beamter einen schwarzen Radfahrer erschossen, der eine Pistole bei sich trug. Nachdem der Mann für eine Kontrolle angehalten worden sei, habe er einem der Beamten ins Gesicht geschlagen, erklärte das Büro des Sheriffs im Bezirk Los Angeles. Dann habe er ein Bündel Kleider fallen gelassen, in dem eine „schwarze halbautomatische Pistole“ zu sehen gewesen sei, erklärte Sprecher Brandon Dean vor Journalisten. Ein Beamter habe daraufhin mehrere Schüsse abgefeuert.

Der Fahrradfahrer wurde noch am Ort des Vorfalls für tot erklärt. Zunächst blieb unklar, wieso genau die Polizei den Mann gestoppt hatte. Der Vorfall werde nun untersucht, erklärte die Polizei. Örtlichen Medienberichten zufolge kam es wegen des Vorfalls in der Nacht zum Dienstag vereinzelt zu Protesten gegen Polizeigewalt.

Donald Trump in Kenosha angekommen: Präsident tobt erneut – „Presse sollte sich schämen“

Donald Trump nennt Unruhen von Kenosha „inländischen Terrorismus“

Update Mittwoch, 02.09.2020, 04.30 Uhr: US-Präsident Donald Trump hat die Ausschreitungen nach Polizei-Schüssen in den Rücken eines Schwarzen in Kenosha als anti-amerikanische Krawalle und inländischen Terrorismus verurteilt. Zugleich bestritt Trump bei einem Besuch in der Stadt im Bundesstaat Wisconsin, dass es bei der US-Polizei systematischen Rassismus gebe. In den Straßen wurde der Konvoi des Präsidenten von Demonstranten gegen Rassismus und Polizeigewalt, aber auch von seinen Anhängern empfangen. Trump sah sich unter massiven Sicherheitsvorkehrungen und Vertretern der Presse ein abgebranntes Geschäft an und traf sich mit Sicherheitskräften und einigen örtlichen Unternehmern.

Kaum Bedauern für Jacob Blake

Donald Trump hatte wiederholt Gewalt durch angebliche linke Radikale in Kenosha verurteilt, aber das Video mit den Schüssen auf Jacob Blake lediglich als „schlechten Anblick“ bezeichnet. Am Dienstag sagte Trump auf die Frage nach seiner Botschaft für die Blake-Familie, ihm tue jeder leid, der so etwas durchleben müsse. Der Fall werde untersucht. „Es ist eine komplizierte Angelegenheit.“ 

+++ 22.17 Uhr: US-Präsident Donald Trump hat die Unruhen in der Stadt Kenosha als anti-amerikanische Krawalle und inländischen Terrorismus bezeichnet. Die zum Teil gewaltsamen Proteste waren ausgebrochen, nachdem ein Polizist einem Schwarzen bei einem Einsatz sieben Mal in den Rücken geschossen hatte.

Kenosha sei von Krawallen getroffen worden, die „gegen die Polizei gerichtet und anti-amerikanisch gewesen seien“, sagte Trump. „Es war kein friedlicher Protest, sondern inländischer Terrorismus.“ Er widersprach auch der Einschätzung, dass die Proteste größtenteils friedlich gewesen seien. Trump versprach zugleich eine Million Dollar Unterstützung für die örtliche Polizei und vier Millionen Dollar für den Wiederaufbau von Geschäften in Kenosha.

Trump-Besuch in Kenosha: Für die Polizei gibt es Lob

+++ 21.40 Uhr: US-Präsident Donald Trump ist in Kenosha - obwohl weder der Bürgermeister noch der Gouverneur den US-Präsidenten dort haben wollten, weil sie eine Zunahme der Spannungen befürchteten. Begleitet von einem massiven Sicherheitsaufgebot machte Trump sich in der Stadt im Bundesstaat Wisconsin ein Bild von den Zerstörungen infolge von Ausschreitungen. So ließ er sich niedergebrannte Geschäfte zeigen und sprach mit den Besitzern.

In der Stadt gingen sowohl Anti-Rassismus-Demonstranten der Bewegung Black Lives Matter als auch Trump-Anhänger auf die Straße. Schon die Straße vom Flughafen in die Innenstadt war von Anhängern des Präsidenten und von Gegendemonstranten gesäumt. Ein Trump-Gegner hielt ein Schild mit der Aufschrift „Lügner“ in die Höhe. Kenosha steht beispielhaft für die Spannungen im Land, die Trumps Regierungszeit prägen.

Den Besitzern eines niedergebrannten Geschäfts versprach Trump am Dienstag rasche Hilfe. Über die Polizisten vor Ort sagte der Präsident, sie hätten einen „fantastischen Job“ gemacht. Trump besuchte auch das in einer Schule eingerichtete Kommandozentrum der Sicherheitskräfte in Kenosha. Dort sagte der 74-jährige Rechtspopulist, manche würden Recht und Ordnung als „zwei furchtbare Worte“ ansehen. Sie seien aber „schön“. Ein Treffen Trumps mit der Familie des in Kenosha durch Polizeischüsse schwer verletzten Afroamerikaners Jacob Blake war nicht geplant.

Trump in Kenosha: US-Präsident wütet gegen Opposition und Presse

Update vom 01.09.2020, 20.33 Uhr: US-Präsident Donald Trump ist in Kenosha angekommen, berichtet der Fernsehsender CNN. Der erste Halt Trumps ist ein Gebäude, das durch die Proteste zerstört wurde. Bereits vor dem Abflug nach Wisconsin heizte Trump die Stimmung an. „Ich denke, viele Leute schauen sich an, was in diesen von Demokraten regierten Städten passiert und sie sind angeekelt“, sagte er vor Pressevertretern auf der Air Force Base im Bundesstaat Maryland.

„Sie sehen, was los ist und können nicht glauben, dass dies in unserem Land geschieht“, sagte Donald Trump. Auch er könne es nicht glauben. Nach der Attacke gegen die Demokraten griff er die Presse an. „Ihr Leute, ich sage euch, wenn wir nur eine ehrliche Presse in diesem Land hätten. Es wäre ein fortgeschritteneres Land. Aber wir haben eine sehr unehrliche Presse.“ Später fügte er hinzu: „Die Presse sollte sich schämen.“

Proteste eskalieren: Donald Trump will mit Besuch „Liebe und Respekt“ nach Kenosha bringen

Erstmeldung vom 01.09.2020, 14.29 Uhr: Kenosha – Siebenmal schoss ein weißer Polizist dem 29-jährigen Afroamerikaner Jacob Blake in den Rücken. Dieser ist nach Angaben seiner Familie seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt. Der Vorfall löste in Kenosha, einer Stadt im US-Bundesstaat Wisconsin, zahlreiche Proteste aus, bei denen zwei weitere Menschen durch Schüsse ums Leben kamen – verdächtigt wird ein 17-jähriger Weißer.

Nachdem Donald Trump das Verhalten des mutmaßlichen Täters in Schutz genommen hat, will er am Dienstag (01.09.2020) in die Stadt reisen, obwohl ihm sowohl der Gouverneur als auch der Bürgermeister Kenoshas, John Martin Antaramian, dringlichst davon abrieten, da sie weitere Ausschreitungen durch den Besuch befürchten.

Donald Trump in Kenosha: Ein Gespräch mit der Familie von Jacob Blake ist nicht geplant

Der 17-jährige Tatverdächtige, Kyle R., soll einer Videoaufzeichnung zufolge im Rahmen der Proteste mit einem Sturmgewehr auf zwei Personen geschossen haben, die an den Verletzungen starben. Als er anschließend an mehreren Polizisten vorbeilief, reagierten diese nicht und ließen ihn gehen. Erst nachdem sich der Jugendliche am darauffolgenden Tag selbst der Polizei stellte, wurde er schließlich wegen vorsätzlichen Mordes festgenommen. Donald Trump bezeichnete das Verhalten des 17-Jährigen als Notwehr, da er angeblich von anderen Demonstrierenden angegriffen worden war.

Bei seinem Besuch in Kenosha will Präsident Trump den Sicherheitskräften für ihre Arbeit danken

Zudem kritisierte Trump die Protestwelle gegen Polizeigewalt und institutionellen Rassismus und nahm die Beamten in Schutz. Während seines Besuchs in Kenosha will er vor allem den Sicherheitskräften für ihre gute Arbeit während der Demonstrationen danken. In einer Pressekonferenz sagte er, sein Besuch könnte „Liebe und Respekt“ im Land steigern. Die Angehörigen von Jacob Blake wolle er allerdings nicht treffen. Sie hätten darauf bestanden, nur im Beisein eines Anwalts mit dem Präsidenten zu sprechen – was dieser für unsinnig hielt.

Joe Biden kritisiert den Besuch von Donald Trump in Kenosha

Mehrere Politiker, darunter die demokratische Kongressabgeordnete Kaliforniens, Karen Bass, kritisieren Trumps geplante Reise nach Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin. Bass bezeichnete den Besuch laut der britischen Nachrichtenseite „The Guardian“ als zwecklos und befürchtet, dass er die Lage in der Stadt nur noch weiter anheizen könnte. Die gewalttätigen Ausschreitungen der Polizei bezeichnete Bass als „absolut schrecklich“.

Trumps Konkurrent Joe Biden warf dem Präsidenten vor, er würde den Vorfall in Kenosha lediglich für politische Zwecke nutzen, indem er als vermeintlicher Mann für Recht und Ordnung auftritt. Stattdessen schüre er jedoch nur noch stärkere Unruhen in Kenosha sowie im ganzen Land: „Es wüten Brände und wir haben einen Präsidenten, der die Flammen anfacht, anstatt sie zu bekämpfen.“ Biden selbst führte bereits ein Gespräch mit den Angehörigen des Opfers Jacob Blake und verurteilte die rassistische Polizeigewalt im Land aufs Schärfste. (Von Teresa Toth)

„Young. Black. British.“: Wann bekommt England einen schwarzen Premierminister? 3sat zeigt Doku über britischen Rassismus, seine Geschichte und seine Gegenwart.

Rubriklistenbild: © Carolyn Kaster/dpa

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