+
Nicht Lösungen sind gefragt, sondern Stimmungen: Der US-Präsident in Columbia, Missouri.

Vor den Kongresswahlen

Donald Trump kämpft mit Wut und Willkür

  • schließen

US-Präsident Donald Trump verzichtet auf seiner Tour durch das republikanische Amerika auf Fakten – und setzt auf die schiere Kraft der Emotionen.

Sie sind oft mehr als hundert Kilometer gefahren. Draußen haben sie sich mit überteuerten Fan-Shirts und roten „Make America great again“-Kappen eingedeckt und stundenlang in der Schlange gestanden. In der Halle ist es eiskalt. Ohrenbetäubend dröhnt „Eye of the Tiger“ aus den Boxen.

Doch die 8000 bis 10 000 Menschen, die derzeit jeden Abend irgendwo in den USA in eine Sportarena strömen, wirken wie in Ekstase. Geduldig wippen sie auf den Bänken, halten Plakate mit Parolen wie „Legt den Sumpf trocken“ oder „Baut die Mauer!“ in die Höhe und brüllen „USA, USA, USA!“ Wenn ihr Idol endlich im Scheinwerferlicht auftaucht und über das von derben männlichen Hardcore-Fans umlagerte Podium tigert, ist der Jubel kaum zu bremsen.

Donald Trump mag an der amerikanischen Ost- und der Westküste verhasst sein und im Ausland verlacht werden: Bei seiner Basis ist der 72-Jährige nach zwei Jahren im Amt weiter populär.

So hat der Präsident die Kongresswahlen am kommenden Dienstag zu einer Vertrauensfrage hochgejazzt: „Es ist ein Referendum über mich“, sagte er in Missouri. Seit Wochen dient seine Politik im Weißen Haus alleine dem Ziel, die republikanische Mehrheit im Parlament zu sichern. In der letzten Phase des Wahlkampfs tauscht er das Tuch des Staatsmanns endgültig mit dem Kampfanzug. Bis zum Wahlabend wird er bei elf Kundgebungen in acht Bundesstaaten aufgetreten sein. Alleine am Montag will Trump nacheinander den Wählern in Ohio, Indiana und Missouri einheizen.

Der Ablauf der gut einstündigen Auftritte ist immer gleich. Erst lobt Trump seine Erfolge, dann geißelt er die Medien, die angeblich darüber nicht berichten. Anschließend bittet er die lokalen Kandidaten auf die Bühne, die ihn in höchsten Tönen preisen dürfen. Dann schießt er seine zentralen Botschaften ab, und das Publikum skandiert wie auf Knopfdruck: „CNN sucks“ („CNN ist zum Kotzen“), „Build the wall!“ („Baut die Mauer“) oder den Evergreen „Lock her up!“ („Sperr sie ein!“), womit meistens Hillary Clinton, wahlweise aber auch ein anderer demokratischer Politiker gemeint ist.

Es wäre eine Übertreibung, Trumps Rede intellektuell dürftig zu nennen. Es gibt keine Fakten und oft nicht einmal komplette Sätze. Assoziativ reiht der Präsident Übertreibungen, Verzerrungen und Lügen aneinander. Und immer bewegt er sich in Superlativen. Seine Anhänger sind „die größte Bewegung in der Geschichte des Landes“, die Medien „die Feinde des Volkes“ und die Demokraten „die Partei des Verbrechens“. Niemand vermisst hier einen klaren Gedanken oder ein Argument. Trumps Kundgebungen sind eine Mischung aus politischem Heavy-Metal-Konzert, skandalöser Reality-TV-Show und obskurem Sektentreffen. Gut und Böse sind klar geschieden. In der Halle feiert sich das vermeintlich wahre, weiße Amerika – und lässt die Sau raus.

Der Ton wird offen rassistisch

In den Tagen vor den Kongresswahlen wird der radikale Ton offen rassistisch. Lange hat Trump nach einem Thema gesucht, das seine Anhänger elektrisiert. Erst sollte es die Berufung des rechten Richters Brett Kavanaugh an den Supreme Court sein. Dann eine aus dem Nichts erfundene zehnprozentige Steuersenkung für die Mittelschicht. Nun aber kehrt er zu seinen Wurzeln im Wahlkampf 2016 zurück und inszeniert einen hemmungslosen Kulturkampf um die Einwanderungspolitik.

Den äußeren Anlass liefert ein Flüchtlingstreck aus Mittelamerika, wie es ihn jedes Jahr gibt. Zwar sind die Migranten noch gut zwei Wochen Fußmarsch von der US-Grenze entfernt. Doch Trump hat die Karawane längst zu einer feindlichen Invasion umgedeutet. Bei ihm fliehen die Menschen nicht vor Kriminalität und Armut, sondern wollen Rauschgift und Gewalt ins Land bringen. Und dahinter stecken die Demokraten: „Sie wollen Florida in Venezuela verwandeln und die Grenzen für Drogendealer und Bandenkriminelle öffnen“, wetterte Trump in Fort Myers.

Je absurder er als Wahlkämpfer die vermeintliche Gefahr überzeichnet, desto eindrucksvoller kann er als Präsident Entschlossenheit demonstrieren: Erst schickte Trump 5200 Soldaten an die Grenze. Dann kündigte er eine Aufstockung auf 10 000 bis 15 000 an. Und nun greift er frontal das in der Verfassung garantierte Staatsbürgerschaftsrecht an, demzufolge in den USA geborene Kinder automatisch Amerikaner sind. Eine „verrückte Politik“ sei das, wettert Trump und kündigt an, die 150 Jahre alte Praxis per Verordnung zu ändern. Dass dies nach dem einhelligen Urteil fachkundiger Juristen und selbst eigener Parteifreunde gar nicht geht, stört weder ihn noch seine Anhänger.

Nicht Lösungen sind gefragt, sondern Stimmungen und einfachste Botschaften. „No crime, no chaos, no caravan“ („Keine Kriminalität, kein Chaos und keine Karawane“), hämmert Trump seinen Zuhörern ein. Die Welt ist böse und gefährlich. Aber er steht auf ihrer Seite. „Wir werden niemals, niemals aufgeben. Wir werden immer kämpfen – bis wir siegen“, ruft der Hassprediger seiner verschworenen Gemeinschaft in Fort Myers zu. Man könnte glatt vergessen, dass er Präsident von Amerika ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion