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Beten bald im Niemandsland: Die Kapelle „La Lomita“ könnte nach dem Bau eines Grenzwalls von den USA abgeschnitten werden.

Trumps Mauer

Showdown am Rio Grande

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Donald Trump erklärt Südtexas in seinen Reden zum Krisengebiet. Viele Menschen vor Ort sehen das anders – ein Besuch.

Draußen ist es stockdunkel. Und drinnen auch. Doch mit einem kräftigen Spritzer Weihwasser aus dem Rio Grande hat Pater Roy Snipes die Besucher seiner Morgenandacht aufgeweckt. Dicht an dicht drängen sie sich auf den wackligen Holzbänken der kleinen Kapelle, auf deren Altar zwei batteriebetriebene Lämpchen funzeln. „Es gibt einen Konflikt zwischen dem, was wir hoffen und dem, was die Regierung will“, setzt der Priester zur Predigt an: „Aber lasst uns nicht gehässig werden!“ Da übertönt das laute Knattern eines Hubschraubers seine Worte. „Ah, unsere Schutzengel“, sagt er mit ironischem Lächeln. 

Geht es nach Donald Trump haben die 50 Gläubigen den Beistand der Grenzpolizei in der Luft und am Boden dringend nötig. Nur ein paar hundert Meter sind es von der La-Lomita-Kapelle am Rande des südtexanischen Örtchens Mission bis zum Rio Grande. Auf der anderen Seite des Flusses, der durch eine subtropische Landschaft mäandert, liegt Mexiko. Vor vier Wochen war der amerikanische Präsident zum Frontbesuch ganz in der Nähe. „Es ist schlimmer, als es jemals war“, hat er düster geraunt: „Die Leute, die hier ins Land kommen, sind Kriminelle, Menschenschmuggler und Drogenhändler.“ 

Pater Roy Snipes kämpft um sein historisches Kirchlein. Die Predigten sind Protestkundgebungen.

Während das Morgenrot durch ein Kirchenfenster dringt, predigt Pater Roy eine andere Sicht der Dinge: „Wer sich hinter einer Mauer verschanzt, verrät unsere Werte und lässt unsere Nachbarn im Stich.“ 

Dazu kommt: Ein bereits genehmigtes Teilstück der Trump-Mauer droht das historische Kirchlein, in dessen Umgebung der Oblaten-Orden vor 200 Jahren seine Arbeit in Texas begann, von den Vereinigten Staaten buchstäblich abzuschneiden. Das Gotteshaus läge im Niemandsland zwischen Grenzwall und Fluss. Am Vortag hat ein Gericht die Klage der Gemeinde abgewiesen. So wird der Gottesdienst an diesem kühlen Freitagmorgen spontan zu einer Protestkundgebung.

Die Fahrt von der Kapelle zum Nachbarort McAllen führt vorbei an Grapefruitplantagen, Campingplätzen, Geschäften und Betrieben. Irgendwie will der Eindruck nicht zu dem Notstandsgebiet passen, das Trump hier lokalisiert hat. Beim Besuch der Grenzstation der 140.000-Einwohner-Stadt ließ er sich neben haufenweise Drogen, Waffen und einem Sack 20-Dollar-Noten ablichten, die die Border Patrol sichergestellt hatte – nicht wie Trump suggerierte, entlang des vermeintlich gefährlichen Flusses, sondern an Grenzübergängen und teilweise sogar bei der Ausreise nach Mexiko. „Wir brauchen die Mauer zur Verteidigung unseres Landes“, donnerte der Präsident. 

Unternehmer Monty Awbrey setzt auf Trump und die Mauer ...

Beim aktuellen Washingtoner Machtkampf um die Mauer-Milliarden geht es vor allem um diese Region. Anders als der Präsident behauptet, ist die Zahl der Menschen, die an der 3144 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko aufgegriffen wurden, insgesamt seit der Jahrtausendwende um drastische 75 Prozent auf rund 400.000 zurückgegangen. Im Rio-Grande-Tal, wo auf der mexikanischen Seite ein brutaler Drogenkrieg wütet, nehmen die illegalen Übertritte aber zu. Bereits im vorigen Jahr hat der Kongress deshalb die Gelder für ein erstes, knapp zehn Kilometer langes Stück Trump-Mauer bei McAllen genehmigt. Unabhängig vom Ausgang des Haushaltsstreits dürften die Bauarbeiten in den nächsten Wochen beginnen. Die ersten Bagger sind schon da. 

Nicht nur die La-Lomita-Kapelle wäre dann abgeschnitten. Auch Naturschutzgebiete wie der Bentsen-Park, der mit mehr als 340 seltenen Vogelarten Hobby-Ornithologen aus ganz Amerika anzieht, werden regelrecht zerteilt. Und wer künftig auf der Terrasse des Riverside Clubs mit Blick auf den Rio Grande seinen Sundowner trinkt, der wird sich vorkommen wie im Hochsicherheitstrakt. Wegen des Hochwasserschutzes wird die Mauer nämlich nicht direkt am Fluss verlaufen, sondern deutlich nördlich davon. Etwa fünf Meter hoch soll die massive Betonmauer werden, die auch als Deich dient. Oben drauf werden 5,50 Meter hohe Stahlpfähle gepflanzt. 

... und Umweltschützerin Marianna Trevino-Wright kämpft dagegen.

Eine halbe Stunde westlich von McAllen lässt sich besichtigen, wie das Bauwerk aussehen könnte. Dort steht ein Mauerfragment, das unter Präsident George W. Bush errichtet wurde, bevor das Geld ausging. Rechts und links der etwa hundert Meter langen Sperre ist der Zugang zum Fluss frei, in der Mitte klafft ein offenes Tor. Es wirkt bizarr. 

Monty Awbrey gehört zu denen, die trotzdem von der Mauer überzeugt sind. Der Straßenbauunternehmer mit dem Schraubstock-Händedruck trägt einen breiten Cowboyhut und eine verspiegelte Sonnenbrille. Im Januar hat er Trump bei dessen Besuch spontan seine Gürtelschnalle geschenkt. „Ich bin stolz auf unseren Präsidenten“, schwärmt der 40-Jährige, der auf einer Ranch außerhalb von McAllen lebt. Immer wieder sorgten dort Migranten für Ärger, berichtet er: „Auch vor 25 Jahren kamen viele. Aber die waren harmlos.“ Damals habe seine Familie die Latinos oft mit Wasser oder Essen versorgt. Aber nun sei die Lage anders: „Da kommen Frauen, die auf der Flucht missbraucht wurden und Männer, die einbrechen.“ Auf seiner Ranch habe er neulich einen Dieb gestellt. Wann das war? „Vor etwa einem Jahr.“ Sehr schnell wird klar, dass es bei der Mauer um mehr geht als um Beton. Trump hat den Grenzwall zu einem gewaltigen Symbol hochgejazzt, das auch in McAllen die Bevölkerung spaltet. „Grüßen Sie Marianna!“, verabschiedet sich Awbrey sarkastisch. 

Marianna Trevino-Wright, die Geschäftsführerin des „National Butterfly Center“, ist Awbreys Intimfeindin. Seit sechseinhalb Jahren leitet sie das 40 Hektar große private Schutzgebiet für Vögel und Schmetterlinge. Doch in jüngster Zeit ist sie nur noch damit beschäftigt, den Bau der Mauer quer durch den Naturpark zu verhindern. Ein Drittel des Geländes mit Wiesen, Büschen und Bäumen würde künftig nördlich des Grenzwalls liegen, zwei Drittel dahinter im Niemandsland am Fluss. 

Derzeit kommen 30.000 Besucher im Jahr. Doch das könnte sich bald ändern. „Glauben Sie, die Naturliebhaber kommen, wenn es hier aussieht wie auf einem Gefängnishof?“, argumentiert die 49-Jährige. Tatsächlich soll auf einem 45 Meter breiten Streifen neben der Mauer alle Vegetation entfernt und eine Straße für die Grenzpolizei errichtet werden. Lichtmasten werden das Gebiet beleuchten und Kameras überwachen. Bereits die zweijährigen Bauarbeiten, fürchtet Trevino-Wright, würden die Tiere vertreiben. Danach wäre ihr natürlicher Lebensraum endgültig zerstört. 

Das Sicherheitsargument hält die Umweltschützerin für vorgeschützt. „Kommen Sie!“, fordert sie die Besucher auf und fährt zu einer Wiese am Fluss, wo regelmäßig Mädchen-Pfadfindergruppen übernachten. „Glauben Sie, die kämen, wenn das gefährlich wäre?“ Immer wieder mal kommen auch Flüchtlinge über den Fluss. Die drei Lateinamerikaner, die ihr persönlich begegneten, baten verängstigt darum, zur Grenzpolizei gebracht zu werden, um dort Asyl zu beantragen. 

„Die Regierung unterscheidet nicht zwischen den 80 Prozent Asylbewerbern und den 20 Prozent tatsächlich illegalen Einwanderern“, moniert auch Jim Darling: „Dadurch wird die Zahl komplett überzeichnet.“ Der Bürgermeister von McAllen ist ein pragmatischer Mann mit feinem Humor. An der Wand seines Büros hängt ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Jahr 1911. Es zeigt eine staubige Holperstraße mit schiefen Häusern und einem Automobil. Seither hat sich die Grenzstadt enorm entwickelt. Dazu haben vor allem der Handel mit Mexiko, der Ökotourismus und der Zustrom von Rentnern beigetragen, die mit ihren Wohnmobilen dem kalten Winter im Norden der USA entfliehen. „Die aktuelle Rhetorik schadet uns ernsthaft“, sagt der parteilose Bürgermeister: „Selbst in Texas glauben die Leute inzwischen, dass es hier gefährlich ist.“ 

Jim Darling, Bürgermeister, ist stolz auf die niedrige Kriminalitätsrate in der Grenzstadt McAllen. 

Dabei ist McAllen die sicherste Stadt in Texas. Während in Reynosa auf der anderen Seite des Flusses im blutigen Krieg der Drogenkartelle 2018 mehr als 200 Menschen ihr Leben verloren, fiel die Kriminalitätsrate in McAllen auf einen 30-jährigen Tiefstand. „Wir hatten keinen einzigen Mordfall“, berichtet Darling stolz. Für ein Überschwappen des Verbrechens gibt es also keinen Beleg. Wohl aber für schädliche Nebenwirkungen von Trumps Ausfällen. Jede Drohung mit einer Grenzschließung lasse die Flüchtlingsströme anschwellen, hat Darling beobachtet. Gleichzeitig bleibe die mexikanische Kundschaft, die früher zum Einkaufen in die große Mall kam, aus Verärgerung über die pauschalen Verunglimpfungen aus.

„Die aktuelle Krise spielt nicht an der Grenze, sondern in Washington“, ärgert sich Darling. Dabei will er die Situation keineswegs schönreden. Der Zustrom von mehreren hundert Migranten jeden Tag stellt seine Stadt vor große Herausforderungen. Für die Abfertigung auf den beiden Brücken nach Mexiko braucht es dringend mehr Personal. An ausgewählten Abschnitten, aber eben nicht durchgehend, könne auch eine Absperrung des Ufers helfen, sagt der Bürgermeister. Dass die Mauer noch verhindert werden kann, glaubt er freilich nicht: „Der Präsident hat Bulldozer, die Gegner haben Plakate. Was glauben Sie, wer gewinnt?“ 

Auch Pater Roy ahnt wohl, dass die Mauer neben seiner Kapelle gebaut werden wird. „Sie wird hässlich sein, widerlich und obszön“, empört er sich: „Das direkte Gegenstück zur Freiheitsstatue.“ In den nächsten Tagen werden Vermessungsingenieure durch das Grundstück stapfen und kleine Markierungsfähnchen in den Boden stecken. „Ein paar alte Damen kommen tagsüber immer zum Beten“, sagt der Mönch und setzt halb ernst hinzu: „Für die Ingenieure könnte es ganz schön unangenehm werden, wenn sie denen begegnen.“

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