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Donald Trump posiert mit Gattin und Fake-Lächeln bei seinem Blitzbesuch im Irak für Selfies mit Soldaten.

Rückblick USA

Donald Trump, der entfesselte Zerstörer

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2018 hat Donald Trump das US-Präsidentenamt endgültig gekapert und die Welt ratlos gemacht. Kann der wachsende Widerstand ihn stoppen?

Die glitzernden Kronleuchter und die goldenen Vorhänge im East Room des Weißen Hauses spiegeln die Stimmung des Hausherrn, als Donald Trump in den ersten Tagen des zu Ende gehenden Jahres mit der norwegischen Ministerpräsidentin Erna Solberg vor die Kameras tritt. Der US-Präsident preist den Seefahrer Erik den Roten, der vor tausend Jahren die erste skandinavische Siedlung in Grönland gründete, lobt Oslos aktuelle Waffenkäufe in den USA und schwärmt von den Handelsbeziehungen beider Länder. „Es klingt schockierend: Wir haben einen Überschuss“, sagt Trump mit gespielter Empörung: „Aber ich kann Ihnen versprechen: Wir bekommen mehr und mehr Überschüsse in der Welt.“

Amerika zuerst. Die Welt als Marktplatz. Und die Verbündeten als zahlende Kunden. Das sind nicht die einzigen Stereotypen, die Trump kurz nach Neujahr formuliert, um sie in den nächsten Monaten gebetsmühlenartig zu wiederholen. „Es gab keine Zusammenarbeit mit den Russen“, stimmt er seinen wichtigsten Refrain bei Twitter an und fordert die Verhaftung von Hillary Clinton. Einen Tag nach dem Treffen mit Solberg sitzt er im Oval Office mit Abgeordneten zusammen: „Warum kommen all diese Leute aus Drecksloch-Staaten zu uns?“, poltert er über Migranten aus Mittelamerika und Afrika: „Wir sollten mehr Leute aus Ländern wie Norwegen haben!“ Die Medien empören sich, Trump-Anhänger jubeln.

Trump akzeptiert nur noch eine Autorität - seine eigene

Im Rückblick wird deutlich, was Beobachter damals nur ahnen: 2018 ist das Jahr, in dem Donald Trump die amerikanische Präsidentschaft tatsächlich kapert. Sein Sieg bei den Wahlen 2016 hatte den Milliardär selber überrascht. Das erste Amtsjahr 2017 war geprägt von chaotischen Selbstfindungsprozessen im Weißen Haus. Damals hatten Optimisten noch gehofft, gemäßigte Minister und Berater könnten den narzisstischen Wüterich einhegen. Doch damit ist es 2018 endgültig vorbei. Offen revoltiert Trump gegen die „sogenannten Experten“ in seinem Umfeld. „Nicht gratulieren!“ schreiben sie nach der umstrittenen russischen Präsidentschaftswahl auf seinen Sprechzettel. Trump greift zum Telefon und beglückwünscht seinen Freund Wladimir Putin ausdrücklich. „Es hat eine Weile gedauert, bis der Präsident überblickt hat, wie viel Einfluss er auf die Dinge nehmen kann“, gesteht Trumps Berater Rudy Giuliani im März: „Jetzt sieht er ein freies Feld vor sich.“

Seither akzeptiert Trump nur noch eine einzige Autorität – seine eigene. „Ich bin ein sehr stabiles Genie“, bescheinigt er sich bei Twitter. Den Demokraten unterstellt er Staatsverrat. Er feuert seinen Außenminister Rex Tillerson, der das Iran-Abkommen beibehalten will, und seinen Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster, der Putin kritisch sieht. Seinen Wirtschaftsberater Gary Cohn zwingt er mit der Entscheidung für Strafzölle zum Rückzug. Selbst in der Russland-Affäre übernimmt er seine eigene Verteidigung. Seine Partei, die Republikaner, ist zu einer Truppe opportunistischer Claqueure verkommen. Trump hat seine Ketten gesprengt. Der selbsternannte Zerstörer wütet ohne Sicherung.

Ein US-Präsident, der die Welt als Arena betrachtet, in der jeder seine Stärke rücksichtslos zum eigenen Vorteil einsetzt, der demokratische Werte schnöden Nützlichkeitserwägungen unterordnet, der Diktatoren hofiert – so etwas hat es lange nicht gegeben. Und die westliche Welt hat bis heute keine Antwort darauf gefunden. Kanzlerin Angela Merkel wahrt im April bei ihrem Besuch im Weißen Haus kühle Distanz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron pflanzt gemeinsam mit dem Ego-Shooter eine Eiche, die am nächsten Tag von den Gärtnern des Weißen Hauses aus Angst vor Schädlingen wieder herausgerissen wird.

Und Kanadas Premier Justin Trudeau erlebt ein jähes Ende seiner Charmeoffensive beim G7-Gipfel in La Malbaie, als sich Trump nach der Abreise aus der Air Force One meldet, um die Abschlusserklärung zu verreißen und den Gastgeber persönlich zu beleidigen.

Im Juli dann steht Trump in Helsinki neben Russlands Präsident Putin, den er als Machtmenschen und Autokraten bewundert. Für die schlechten Beziehungen zwischen Washington und Moskau macht Trump die „amerikanische Verrücktheit“ vor seiner Zeit und die Untersuchungen durch Sonderermittler Robert Mueller verantwortlich. Putin streitet ab, dass Russland versucht habe, die US-Wahlen 2016 zu beeinflussen. Die US-Geheimdienste hingegen halten das für erwiesen. Wem er nun glaube, wird Trump bei der Pressekonferenz gefragt. „Präsident Putin sagt, dass Russland nichts getan hat“, antwortet er, „und ich sehe keinen Grund, warum es das getan haben sollte.“

Die Szene ist unerhört. Ein US-Präsident, der im Ausland seine eigenen Behörden desavouiert und die Sprachregelung der fremden Macht übernimmt – nicht einmal die Macher der zynischen Politsatire „House of Cards“ sind auf eine solche Idee gekommen. Trump wiederholt dieses Muster später, als er dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman im Mordfall Khashoggi mehr glaubt als den Erkenntnissen der CIA. Immer ungehemmter verstößt der Präsident gegen Normen, die den Amerikanern traditionell heilig sind: Er lügt im Minutentakt, verhöhnt den Kriegshelden John McCain, bereichert sich im Amt und liefert mit seinen Angriffen auf die freie Presse den Diktatoren aller Länder einen Persilschein von höchster Stelle.

Trump ist der Mittelfinger gegen das Establishment

Immer wieder klagt Trump, die Vereinigten Staaten seien mit ihrer Kompromissbereitschaft zur „Lachnummer“ der Welt verkommen: „Die denken, wir sind Idioten.“ Ende September steht der Präsident in New York dann persönlich vor den Regierungschefs und Außenministern von 193 Staaten. Er beginnt seine UN-Rede mit einem kräftigen Selbstlob. „Wir haben mehr erreicht als jede andere Regierung in der US-Geschichte“, prahlt der Präsident, als im großen Saal plötzlich offenes Gelächter ausbricht. So hat Trump unfreiwillig seine eigene Wahrnehmung bestätigt.

Doch weder mit Enthüllungsbüchern, die nun die Buchläden fluten, noch mit Spott auf dem diplomatischen Parkett ist einem Mann beizukommen, der keine Selbstzweifel kennt und von seinen Anhängern als ausgestreckter Mittelfinger gegen das Establishment gefeiert wird. In einer Sitzreihe neben den Ex-Präsidenten Barack Obama, Bill Clinton und Jimmy Carter wirkt Trump bei der Trauerfeier für den verstorbenen George H. W. Bush im Dezember wie ein Fremdkörper. Aber er braucht die Unterstützung dieses Teils Amerikas nicht. Rund 80 Prozent der Republikaner-Wähler stehen unverändert hinter ihm. Bei Kundgebungen wie in der einstigen Industriestadt Erie im Norden Pennsylvanias kann man die rechte Basis treffen. Es sind weiße Männer mit kurzen Hosen und derben Arbeitsschuhen, die um ihre Jobs und die gewohnte Ordnung fürchten. Trump schürt gezielt die Angst und setzt einen Nationalismus mit rassistischem Unterton dagegen. Seine Slogans von den „verbrecherischen Demokraten“, den „kriminellen Ausländern“ und der neuen Stärke des Industriestandorts USA fallen hier auf fruchtbaren Boden. „Loyale Leute wie Ihr habt das Land aufgebaut“, ruft der Demagoge seinen Unterstützern zu: „Zusammen holen wir uns das Land zurück!“

Aller Empörung in den Medien zum Trotz ist Trump mit der Zerstörung der alten Werte schon erschreckend weit gekommen. Kurz vor Weihnachten überlässt er die kurdischen Verbündeten in Syrien plötzlich ihrem Schicksal, feuert mit Verteidigungsminister James Mattis den letzten Mahner im Kabinett und steuert das Land kamikazemäßig in einen Haushaltsnotstand. Trump ist außer sich – wohl auch, weil er weiß, dass sich 2019 die Rahmenbedingungen grundlegend verändern: Erstmals bietet dem Präsidenten nun eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus Paroli. Sonderermittler Mueller hat sich mit belastendem Material munitioniert. Und die Konjunktur beginnt zu stottern.

Die Zeit, in der ein entfesselter Donald Trump alleine die Regeln des Spiels festlegen konnte, geht offenkundig zu Ende. Doch zur Entwarnung gibt es keinen Anlass. Die bizarren Ausfälle des Präsidenten während der Feiertage, die weder den angesehenen Notenbankchef noch einen Siebenjährigen verschonten, den Trump wegen seines Weihnachtsmann-Glaubens verhöhnte, lassen das Gegenteil befürchten: Je größer der Widerstand, desto unberechenbarer dürfte der Wüterich im Weißen Haus werden.

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