Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Azziza Malanda.
+
Azziza Malanda.

Domid

„Gelebte Vielfalt ist ein Geschenk“

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
    schließen

Historikerin Azziza Malanda über afrodeutsche Migrationsgeschichte und ihr Lieblingsexponat bei Domid.

Frau Malanda, Sie haben zu afrodeutscher Geschichte geforscht. Es gibt ja sehr bekannte Migrationsbewegungen nach Deutschland, wie die der Gastarbeiter:innen in den 70ern. Gibt es so etwas auch für Afrodeutsche?

Die Präsenz von Afrikaner:innen in Deutschland oder Afrodeutschen geht zurück bis in die Neuzeit und steht im Zusammenhang mit Deutschlands Beteiligung am transatlantischen Versklavungshandel und Kolonialismus. Darüber hinaus gab es in der ehemaligen DDR ab Anfang der 1960er Jahre bilaterale Verträge zur Anwerbung von Arbeitsmigrant:innen aus den als sozialistische „Bruderstaaten“ bezeichneten Ländern wie Angola oder Mosambik.

Ihre Forschung nimmt vor allem Afrodeutsche in den Blick, die nach 1945 geboren sind.

Genau. Ich habe mich in meiner Dissertation mit Afrodeutschen beschäftigt, die in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland in Kinderheimen aufgewachsen sind. Meine Interviewpartner:innen haben alle weiße Mütter. Die Väter waren Schwarze Alliierte; meistens Amerikaner, Franzosen oder Briten.

Welche Erfahrung haben Ihre Interviewpartner:innen gemacht?

Alle haben verschiedene Formen von Rassismus, Klassismus und „Othering“ erfahren, also sie wurden zu „Anderen“ gemacht, obwohl sie hier geboren und aufgewachsen sind, eine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Die vermeintliche Andersartigkeit wurde anhand äußerlicher Merkmale festgemacht, das führt zu Fremdsein im eigenen Land und dazu, dass man sich als Deutsche:r immer erklären muss.

Seit Anfang dieses Jahres sind Sie bei Domid beschäftigt, was machen Sie dort?

Das ist quasi die praktische Fortsetzung meiner Forschungsarbeit, denn Domid rückt mit seiner vielfältigen Sammlung marginalisierte Geschichten und Perspektiven in den Mittelpunkt. Das ist wichtig, da sie im öffentlichen Narrativ häufig unberücksichtigt bleiben. Ich habe zunächst in dem Vermittlungsprojekt „Meinwanderungsland“ gearbeitet. Momentan recherchiere ich in einem Team zu partizipativer Arbeit im Museum.

Gibt es ein Exponat, zu dem Sie einen besonderen Bezug haben?

In einer Vitrine gibt es ein Kleid aus afrikanischem Wax-Print-Stoff. Als ich das das erste Mal gesehen habe, hatte es sofort meine Aufmerksamkeit, weil ich solche Stoffe aus meiner eigenen Familie kenne. Das Kleid wurde von einer Frau aus Togo genäht, einer Schneiderin. Während ihres Asylverfahrens in Deutschland durfte sie aber viele Jahre nicht arbeiten. Sie hat dann privat genäht und das war eines der ersten Kleider, das sie in Deutschland fertiggestellt hat. Es ist sehr empowernd, Objekte in einer Ausstellung zu sehen, die in anderen Museen nicht zum gängigen Narrativ gehören.

Zur Person

Azziza B. Malanda (39) lebt in Köln und ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Als Historikerin hat sie sich mit afrodeutscher Geschichte beschäftigt. Sie arbeitet für Domid. Foto: fabian Stürtz

Gibt es etwas, das man von Ihnen ausstellen könnte?

Oh ja, Domid hat das Mitmach-Format „Migrationsdings“. Auch ich habe ein Migrationsdings eingereicht. Mein Vater ist aus der Republik Kongo zum Studieren nach Deutschland gekommen. Und wie das dann manchmal so ist, wenn man längere Zeit im Ausland lebt, vermisst man nach einiger Zeit heimische Gerichte. Bei meinem Vater war es Fufu. Es wird traditionell aus Maniok, Plantain oder Yams, also stärkehaltigen Produkten, hergestellt. In den frühen 60er Jahren war es in Deutschland aber schier unmöglich diese Grundzutaten aufzutreiben, aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Mein Vater und seine Freunde haben dann experimentiert und herausgefunden, dass bei einer Mischung aus Hartweizengries, Kartoffelmehl und Wasser etwas rauskommt, das Fufu sehr nahe kommt. Bei mir in der Familie wird Fufu seither so gemacht.

Was wollen Sie mit Domid und dem Museum erreichen?

Gemeinsam arbeiten wir an einem solidarischen, antirassistischen Miteinander in diesem Land. Der Schlüssel dazu liegt in der Erinnerungskultur. Wie und an wen erinnern wir? Dazu müssen wir uns immer vor Augen halten: Migration hat es schon immer gegeben und ist nichts, wovor man Angst haben sollte. Es steckt so viel gestaltende Kraft darin. Allein Mehrsprachigkeit und die gelebte Vielfalt innerhalb einer Gesellschaft sind ein Geschenk.

Interview: Sophie Vorgrimler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare