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Der Verteidiger des Angeklagten Bruno D., Stefan Waterkamp, wirft dem historischen Gutachter Befangenheit vor.

Stutthof-Prozess

Doch kein Überlebender

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Ein Zeuge wird der Falschaussage überführt – und die Tonlage im Prozess gegen einen früheren Wachmann des KZ Stutthof verschärft sich.

Die deutlichsten Worte, die im Hamburger Stutthof-Prozess bislang gesprochen wurden, galten nicht dem Angeklagten. Nicht Bruno D. also, dem 93 Jahre alten ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers bei Danzig, der sich wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen vor dem Hamburger Landgericht verantworten muss. Sie galten einem Zeugen. Einem Mann, der sich, so vorsichtig muss man es formulieren, für einen Überlebenden des Lagers hält.

„Schon nach den ersten Minuten wurde deutlich, dass da eine wilde Story präsentiert wurde“, sagte Rechtsanwalt Cornelius Nestler, der eine andere Nebenklägerin und Stutthof-Überlebende vertritt, am Montag. Er sprach von „medialer Selbstinszenierung“ und forderte: „Dieser Vorgang bedarf dringend der Aufklärung.“ Gemeint war Peter Moshe Loth, der es im November mit seinem Auftritt vor Gericht weltweit in die Nachrichten geschafft hatte: Der in Florida lebende 76-Jährige hatte eine dramatische Lebensgeschichte erzählt, die für ihn als Säugling im KZ Stutthof begonnen habe, und am Ende die Vergebung mit dem Angeklagten zelebriert. Umarmung inklusive. Was manchem bereits damals unglaublich erschienen war, recherchierte der „Spiegel“ nach – und kam zum Ergebnis: Man muss es auch nicht glauben. Belegen, so das Nachrichtenmagazin, lasse sich allein, dass Loths Mutter während der Schwangerschaft für kurze Zeit in Stutthof eingesperrt gewesen sei.

Stutthof-Prozess: Gericht nimmt Berichterstattung zur Kenntnis  

Hintergrund zum Prozess

Mindestens 2000 SS-Leutewaren im Konzentrations- und Vernichtungslager Stutthof eingesetzt. Nur ein Bruchteil von ihnen wurde dafür nach 1945 zur Rechenschaft gezogen. In Polen wurden in den ersten Nachkriegsjahren knapp 80 Mitglieder des Personals verurteilt, etliche von ihnen zum Tode.

In der Bundesrepublikwurden zwischen 1955 und 1964 gegen vier Verantwortliche Prozesse geführt, sie endeten mit Haftstrafen zwischen drei Jahren und drei Monaten und zwölf Jahren. Paul Werner Hoppe, KZ-Kommandant seit 1942, kam dabei mit neun Jahren Gefängnis davon, die er nicht vollständig absitzen musste.

Im November 2018begann vor dem Landgericht Münster der Prozess gegen den mutmaßlichen Stutthof-Wachmann Johann R. Wegen Verhandlungsunfähigkeit des 95-Jährigen wurde das Verfahren bald ausgesetzt und im März 2019 ganz eingestellt.

Den Rest habe sich der Zeuge offenbar völlig frei (und falsch) zusammengereimt: seine jüdischen Wurzeln, sein Aufwachsen im Lager, die Menschenversuche, die die Nazis mit ihm in einer nahen Klinik gemacht hätten. Das Gericht, erklärte Strafkammervorsitzende Anne Meier-Göring, habe diese Berichterstattung „natürlich zur Kenntnis genommen“. Vor einer Entscheidung, wie darauf zu reagieren sei, müssten aber noch ergänzende Unterlagen geprüft werden, die Loths Anwälte in der Zwischenzeit vorgelegt hätten.

Zu erwarten ist, dass dem vermeintlichen KZ-Überlebenden zumindest seine Rolle als Nebenkläger aberkannt wird. Denkbar ist darüber hinaus auch ein Strafverfahren wegen Falschaussage. Bislang war dieser vielleicht letzte NS-Prozess der Bundesrepublik erstaunlich konfliktfrei und reibungslos abgelaufen. An diesem zwölften Verhandlungstag verschärfte sich die Tonlage jedoch nicht nur wegen der Causa Loth.

Verteidiger Stefan Waterkamp, der seine Aufgabe bis dato eher unauffällig interpretiert hatte, überraschte mit einem Befangenheitsantrag gegen den historischen Gutachter Stefan Hördler. Der vom Gericht beauftragte Sachverständige, ausgewiesener Experte für das nationalsozialistische KZ-System, habe in seinem vorläufigen schriftlichen Gutachten „Behauptungen als Tatsachen“ dargestellt und stehe dem Angeklagten nicht neutral und objektiv gegenüber, so Waterkamp.

Das Gericht stellte die Entscheidung über den Antrag zurück und ließ Hördler, der für insgesamt fünf Verhandlungstage geladen wurde, mit seinen Ausführungen beginnen. Allzu weit kam der an der Universität Göttingen lehrende Wissenschaftler damit zunächst nicht mehr. Doch bereits aus den Worten des Verteidigers hatte sich entnehmen lassen, dass der Historiker eine zentrale Frage zuungunsten des Angeklagten beantworten wird: Bruno D. hätte sich jederzeit an die Front versetzen lassen können, zu Wehrmacht oder Waffen-SS. Er habe also, anders als von ihm behauptet, die Wahl gehabt – und sei nicht gezwungen gewesen, zum Rädchen in der Mordmaschinerie von Stutthof zu werden.

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