+
Rheinufer in Mainz: Gerade an beliebten Laufstrecken wird der nötige Abstand oft nicht eingehalten. dpa

Lockerung

Doch ein Flickenteppich

  • schließen

Von Montag an herrscht Corona-Chaos in Deutschland, weil die Lockerung der Einschränkungen in den Ländern unterschiedlichen Regeln folgt.

An diesem Montag beginnt eine neue Phase der Corona-Epidemie in Deutschland: die der vorsichtigen Lockerung der Regeln zur Eindämmung des Virus. Die Unsicherheiten sind groß, auch weil in jedem Bundesland andere Regeln gelten.

In Sachsen etwa sind öffentlichen Gottesdienste wieder erlaubt, in anderen Bundesländern bleiben sie verboten. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein dürfen Geschäfte mit weniger als 800 Quadratmetern auch in großen Einkaufszentren öffnen, in Sachsen nur, wenn sie einen eigenen Außeneingang haben. Im Saarland und in Bayern bleiben die Shoppingmalls bis auf weiteres zu.

Auch bei der Wiederaufnahme des Schulunterrichts und der Ausweitung der Kita-Notbetreuung gehen die Länder unterschiedliche Wege. In Sachsen, Berlin und Brandenburg kehren an diesem Montag Schüler der Abschlussklassen für Prüfungen und Vorbereitungen in die Schulen zurück. Einige Länder folgen noch in dieser Woche, andere erst im Mai. Die Kitas bleiben geschlossen, allerdings wird die Notbetreuung ausgeweitet. Wie genau, entscheidet jedes Land selbst.

Was eigentlich vermieden werden sollte, wird nun Realität: Ein bundesdeutscher Corona-Flickenteppich. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) platzte bereits am Wochenende der Kragen. „Wir dürfen nicht durcheinanderlaufen wie ein Hühnerhaufen und uns gegenseitig abwechselnd mit Verschärfungen und Lockerungen überbieten“, schrieb er den Ministerpräsidenten der Länder via „Bild am Sonntag“ ins Stammbuch. „Wenn wir jetzt die Nerven behalten, können wir einen zweiten Lockdown vermeiden. Deshalb ist ein gemeinsames Handeln von Bund und Ländern so wichtig“, sagte Altmaier.

Chaos herrscht auch bei der Maskenpflicht. Wer in Sachsen einkaufen oder Bahn und Bus fahren will, muss ab diesem Montag Mund und Nase bedecken. Mecklenburg-Vorpommern zieht in der kommenden Woche nach, begrenzt die Plicht aber auf Nahverkehr und Taxen. Einzelne Städte wie Jena (Thüringen), Sulz am Neckar (Baden-Württemberg) und Wolfsburg (Niedersachsen) haben ebenfalls eine Maskenpflicht eingeführt, ansonsten gilt bundesweit nur eine Empfehlung.

Polizeigewerkschafter hatten das kritisiert und eine bundesweite Tragepflicht gefordert. Je mehr Menschen einen Mund-Nase-Schutz bei größeren Ansammlungen trügen, umso besser sei der Schutz“, sagte der Vizechef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek. Die Maskenpflicht sei im Verhältnis zu anderen Auflagen „der geringere Eingriff zum Zwecke der Minimierung des Ansteckungsrisikos“. Die Bundesregierung lehnt eine Pflicht allerdings bislang ab – auch weil Masken Mangelware sind.

Die Frage, die Politiker, Virologen und Mediziner in den kommenden Tagen umtreiben wird, ist die, wie sich die vorsichtigen Lockerungen auf das Infektionsgeschehen auswirken. Das erklärte Ziel der Bundesregierung ist es, den Reproduktionsfaktor (R-Wert), die Zahl derjenigen, die jeder Infizierte im Schnitt ansteckt, dauerhaft unter 1 zu halten. Derzeit liegt der Wert bei 0,8. Ab einem R-Wert von 1,1 könnte das deutsche Gesundheitssystem im Laufe des Jahres an seine Kapazitätsgrenze kommen, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel gewarnt.

Die in Expertenkreisen diskutierte Vision einer „Herdenimmunität“, also die weitgehende Durchseuchung der Bevölkerung, hält die Bundesregierung für untauglich, um die Epidemie zu beenden. „Um nur die Hälfte der deutschen Bevölkerung in 18 Monaten zu immunisieren, müssten sich jeden Tag 73 000 Menschen mit Corona infizieren“, sagte Kanzleramtschef Helge Braun der dpa. „So hohe Zahlen würde unser Gesundheitssystem nicht verkraften und könnten auch von den Gesundheitsämtern nicht nachverfolgt werden.“ Stattdessen setze die Bundesregierung darauf, Ansteckungen zu vermeiden und auf die Einsatzfähigkeit eines Impfstoffs zu warten. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion