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Der Chefredakteur der Moskauer Zeitung Nowaja Gaseta, Dmitri Muratow, spricht während eines Interviews mit der Agentur The Associated Press in Moskau.
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Dmitri Muratow ist Friedensnobelpreisträgel 2021.

Preisträger im Profil

Friedensnobelpreis 2021: Dmitri Muratow trotzt härtesten Repressionen in Russland

  • Viktor Funk
    VonViktor Funk
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Die Unbestechlichen: Von Putins Repressalien lässt sich die russische Oppositionszeitung nicht kleinkriegen - auch wenn sie bereits mehrere Tote zu beklagen hat.

Hinweis: Dieser Artikel von Viktor Funk stammt aus dem Januar 2018. Am 08.10.2021 wurde Dmitri Muratow, der Chefredakteur der kremlkritischen Zeitung Nowaja Gaseta zusammen mit Maria Ressa mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Moskau - Die Redaktion tagt unter den Toten. Wenn die Journalisten der Nowaja Gaseta zusammenkommen, um die kommende Ausgabe der russischen Zeitung zu besprechen, sitzen sie unter schwarz-weißen Portraits ihrer ermordeten Kollegen. Sechs sind es: Igor Domnikow, Juri Schtschekotschichin, Anastassija Baburowa, Stanislaw Markelow, Natalja Estimirowa und Anna Politkowskaja, deren Ermordung am 7. Oktober 2006, just am Geburtstag des russischen Präsidenten Wladimir Putin, international heftige Reaktionen hervorrief. Und erst im Juli 2017 wurde ein Säureanschlag auf das Haus von Julia Latynina verübt, unter dessen Folgen ihre Kinder litten. Im September verließ sie Russland.

Die Nowaja Gaseta wird im April dieses Jahres [Anmerkung: 2018] 25 Jahre alt – trotz der Gefahr, der ihre Mitarbeiter ausgesetzt sind. „Nachdem Anna erschossen worden war, sind wir von jungen Leuten überrannt worden, die alle für uns arbeiten wollten“, erzählt Nadeschda Prusenkowa (37) im Gespräch mit der FR. Das Ansehen der Zeitung sorgt bis heute dafür, dass talentierte und mutige junge Journalisten für sie arbeiten wollen – für wenig Geld und ein großes Risiko.

Unabhängige Medien wie die Nowaja Gaseta gibt es in Russland nur wenige

Prusenkowa ist die rechte Hand des Chefredakteurs Dmitri Muratow (57), sie ist zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, leitet die Redaktionskonferenzen, zeigt Besuchern die Redaktionsräume, war Korrespondentin, Sonderberichterstatterin und vieles mehr. „Ich kann alles“, lacht sie über sich selbst. Sie hat an der einst angesehenen Journalismusfakultät der Lomonossow-Universität studiert und arbeitet seit jeher für die Nowaja. Nun steht das Jubiläum an und Prusenkowa hofft, „dass wir unseren Geburtstag erleben“. Die Zeitung ist finanziell in Bedrängnis. Das ist zwar nichts Neues, doch es wird immer schwieriger, Geldgeber zu finden oder Anzeigenkunden.

Unabhängige Medien wie die Nowaja Gaseta gibt es in Russland nur wenige. Die, die es gibt, sitzen überwiegend in Moskau und St. Petersburg, darüber hinaus erscheinen einige Regionalausgaben der Nowaja Gaseta. Im Internet entstanden in den vergangenen Jahren einige Medien, die sich an den gesellschaftlichen Zuständen kritisch abarbeiten. Doch ihre Reichweite ist nach Einschätzung von Meinungsforschern des Instituts Lewada begrenzt. Die wichtigste Informationsquelle landesweit ist nach wie vor das staatlich gesteuerte Fernsehen. Im westlichen Sinne liberale, kritische Medien würden in Russland von etwa sechs Prozent der Bevölkerung konsumiert, sagte Lewada-Leiter Lew Gudkow der FR.

Eine Gedenktafel für die ermordete Anna Politkowskaja ist am Eingang zur Redaktion in Moskau angebracht.

Nowaja Gaseta sorgt immer wieder für Aufsehen

Immer wieder aber erregen Themen in der Zeitung Aufsehen. Im vergangenen Jahr [2017] waren das die russischen Namen in den „Panama Papers“ oder die Recherchen zu Foltergefängnissen für Schwule in Tschetschenien. Letztere sorgten international und in Russland für so viel Aufregung und folglich für heftige Drohungen gegen Journalisten der Zeitung, dass sogar der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, man beobachte die Situation und sei gegen jegliche Schritte, „die das Leben der Journalisten gefährden“. Nach der Ermordung von Politkowskaja hatte der damalige und heutige Präsident Wladimir Putin noch von einer „unbedeutenden“ Journalistin gesprochen.

In diesem Jahr [2018] will Putin wieder Präsident werden. Sein stärkster Kritiker ist Alexej Nawalny. Sein Hauptthema ist die Korruption und Selbstbereicherung der russischen politischen Elite. Dieses Thema ist in der Nowaja Gaseta stark präsent, aber das wird Nawalny nicht helfen. Er darf nicht kandidieren. Stattdessen gibt es in Person von TV-Promi Xenia Sobtschak eine vom Kreml akzeptierte überraschende Gegenkandidatin.

Nowaja Gaseta erfüllt Alibifunktion für Putin

Zuweilen wirkt es, als erfüllten auch einige auserwählte Medien in Russland eine Alibifunktion für den Kreml: Westliche Kritik an der eingeschränkten Presse in Russland wird mit dem Verweis auf die Nowaja Gaseta, den Radiosender Echo Moskwy, den Internetfernsehsender TV-Doschd oder die Internetportale Meduza.io oder Snob.ru weggewischt. Darauf angesprochen sagt Nadeschda Prusenkowa lächelnd: „Wir wissen, dass wir diese Rolle haben, das ist uns klar.“ An ihrem Schlüsselbund baumelt die Maske eines Bösewichts, der weiße Helm eines Sturmtrupplers aus Star Wars. Prusenkowa ergänzt wieder lächelnd: „Wir spielen unser Spiel, die spielen ihres.“ (Viktor Funk)

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