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Dmitri Medwedew: Putins pöbelnder Musterschüler

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Von: Stefan Scholl

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Will wirken wie einer der richtig harten Jungs im Kreml: Dmitri Medwedew. Foto: Imago Images.
Will wirken wie einer der richtig harten Jungs im Kreml: Dmitri Medwedew. Foto: Imago Images. © IMAGO/ITAR-TASS

Dmitri Medwedew, als Jungpräsident einst Russlands liberale Reformhoffnung, versucht sich als Scharfmacher. Und ahmt dabei wieder nur seinen Chef Wladimir Putin nach – ein Porträt.

Am 1. Mai stellte Dmitri Medwedew ein 54-Sekunden-Video auf seinen Telegramkanal. Darin tritt er in einer tarngrünen Jacke an eine Tafel und schreibt: „Zum 1. Mai und dem nahenden Tag des Sieges!“ Dann malt er den Buchstaben „Z“, ein Erkennungszeichen der russischen „Spezialoperation“ in der Ukraine darunter, dreht sich um und blickt mit dünnem Lächeln in die Kamera.

Unklar, was Medwedew damit genau sagen wollte, aber offensichtlich, dass er nach neuen Formen sucht, sich auszudrücken. Der ehemalige Präsident und Premier Russlands ist unter die Blogger:innen gegangen. Seit Monaten macht er auf Telegram verbal Front gegen den ukrainischen, aber auch gegen den westlichen Kollektivfeind. Er versucht, Aufsehen zu erregen, mal durch Schweigen, häufiger mit Kraftausdrücken. Medwedew, 56, der einmal als der liberalste Mann in Wladimir Putins Mannschaft galt, müht sich jetzt als Scharfmacher.

Dmitri Medwedews sehr eindeutige Anspielung auf Hitlers Reichstag

Da schreibt er von „einzelnen Missgeburten, die sich als ukrainische Behörden bezeichnen“, von der „widerlichen und feigen Heuchelei der Europäer“, den „klaren Anzeichen von Alterssenilität ihrer US-Herren“ oder von „Schmutzigkeiten, in die die Westler zu tunken“ seien. „Offenbar streben die deutschen Gesetzgeber nach den gleichen Lorbeeren wie ihre Vorgänger, die im vergangenen Jahrhundert und unter anderer Bezeichnung im deutschen Parlament gesessen haben“, kommentiert er die Zustimmung des Bundestages zu Waffenlieferungen an die Ukraine. Eine sehr eindeutige Anspielung auf Hitlers Reichstag. Überhaupt erhöhe die umfassende Militärhilfe der Nato für die Ukraine die Wahrscheinlichkeit eines direkten Konfliktes zwischen Nato und Russland. „Solch ein Konflikt beinhaltet immer das Risiko, zum vollwertigen Atomkonflikt zu werden. Das Szenario ist für alle katastrophal.“

Der Mann, der hier offen mit dem Nuklearschlag droht, war einmal Russlands Reformhoffnung und eine geopolitische Taube. 2008 trat Putin, der sich damals noch an die Verfassung hielt, nach zwei Amtszeiten zurück und überließ den Präsidentenposten seinem ihm ergebenen, aber nebenher demokratisch gesonnenen Juniorpartner. Russland müsse ein Rechtsstaat werden, verkündete Medwedew, Familienvater, ein Kind, ziemlich als erstes. Später genehmigte er mit einer russischen Enthaltung im UN-Sicherheitsrat faktisch das Flugverbot und damit den Nato-Militäreinsatz in Libyen.

Im Gegensatz zu Putin stammt Medwedew aus einer Akademikerfamilie

Putin hatte Medwedew 1999 aus St. Petersburg mitgebracht, wo der KGB-Veteran Putin vier Jahre lang stellvertretender Bürgermeister war – und Medwedew, Juradozent, sein Rechtsberater. Aber im Gegensatz zu Putin stammte Medwedew aus keiner Arbeiter-, sondern einer Akademikerfamilie, in der elterlichen 37-Quadratmeter-Wohnung im Plattenbauviertel Kuptschino stellte der Bücherschrank das zentrale Möbelstück dar. Und das Lieblingsbuch des kleinen Dmitri war Michail Bulgakows satirischer Roman „Hundeherz“: Moskauer Forschende pflanzen einem Straßenhund eine menschliche Hirnanhangdrüse ein, er verwandelt sich in einen unverschämten und gewalttätigen Proleten. Das genaue Gegenteil des Musterschülers Medwedew, der von robusteren Klassenkameraden mehrfach verhauen wurde. Jetzt rät er dem Westen, „in seinen Krampfanfällen der Russophobie nicht am eigenen Geifer zu ersticken“. Ein Musterschüler, der versucht, zu pöbeln.

In seiner neuen Rolle als antiwestlicher Propagandist hat Medwedew auch in Moskau Aufsehen erregt. „Vielleicht hat man ihm gesagt, er solle sich öffentlich äußern“, vermutet der Politologe Juri Korgonjuk, „vielleicht will er selbst daran erinnern, dass es ihn noch gibt.“ Seit Putin Medwedew im Herbst 2011 den Job als Präsidenten nach nur einer Amtszeit wieder abnahm, gilt Medwedew als politischer Looser. Neun Jahre durfte er noch den Regierungschef machen, ein konzeptloser, blasser, unpopulärer Regierungschef, den Putin 2020 entließ und zum „Stellvertretenden Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates“ ernannte. Eine Degradierung um mehrere Etagen.

Moskau denkt über einen Nachfolger Putins nach

Vielleicht will sich der ehemalige Jungpräsident als Blogger tatsächlich wieder in Erinnerung bringen, unter Beweis stellen, dass er auf Linie ist. Und bereit. Immerhin schreibt das Exilportal „meduza.io“ unter Berufung auf mehrere Kremlbeamte, die politische Elite Moskau denke über einen möglichen Nachfolger Putins nach. Und dabei falle auch der Name Medwedew.

Aber gerade dass sein Name fällt, weist darauf hin, wie vage diese Gedankenspiele noch sind. Medwedew gilt längst als Mitläufer am Rand, ahmt jetzt die inzwischen üblichen Grobheiten hochrangiger russischer Politiker nach, wie er einst die Schönschrift seiner Lehrerin und Wladimir Putins Stimme nachgeahmt hat. Der foppte seinen ukrainischen Widersacher Wolodymyr Selenskyj vor Monaten mit dem Zitat aus einem Gossenlied, in dem eine weibliche Leiche sexuell missbraucht wird. Und Außenminister Sergei Lawrow attackierte den Juden Selenskyj mit der These, auch Hitler und diverse andere Antisemiten seien jüdischen Blutes gewesen. „Auch gemäßigte ,Autoritäten‘ äußern sich demonstrativ radikal, um sich in der Herrschaftsspitze zu halten“, begründet die Kriminalsoziologin Swetlana Stiwenson Medwedews Ausfälle in einem Artikel für die Zeitschrift „Cholod“ in dem sie die Verrohung der politischen Sprache mit der Verrohung des politischen Systems Russlands erklärt.

Medwedew aber muss sein eigenes Image als Weichling übertönen. „Wenn Nikolai Patruschew (Sekretär des Sicherheitsrates und langjähriger Geheimdienstchef) eine Gemeinheit androht“, sagt der Politologe Korgonjuk, „kann man davon ausgehen, dass die Umgebung Putins über solche Gemeinheiten nachdenkt.“ Medwedew aber wolle wenigstens so wirken wie die wirklich harten Jungs im Kreml.

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