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Es gehe „in der Neubewertung nicht darum, Traditionen aufzugeben, sondern sich dabei auf das Religiöse zu fokussieren“, betonte die Ditib.

Türkischer Verein Ditib

Parteipolitische Ankoppelung an die AKP

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Die Ditib organisiert ein Gedenken an die Schlacht von Canakkale, die zum erinnerungspolitischen Repertoire Erdogans gehört.

Auch in diesem Jahr finden in Moscheegemeinden der Türkisch-Islamischen Union Ditib wieder Veranstaltungen zur Erinnerung an die Schlacht von Canakkale (Gallipoli) im Jahr 1915 statt. In Herford tritt der neue Ditib-Vorsitzende Kazim Türkmen am Sonntag als Gastredner einer Feierstunde zum „Tag der Gefallenen“ auf, der an den – mit Unterstützung des deutschen Militärs errungenen – Sieg des Osmanischen Reichs gegen Briten und Franzosen erinnert und in der Türkei am 18. März gefeiert wird. Dort gehört dieser militärische Erfolg, der einzige im Verlauf des Ersten Weltkriegs, zu den nationalen Mythen.

Im vorigen Jahr hatte ein über die sozialen Medien verbreitetes Wort des Vorsitzenden der Leverkusener Moschee-Gemeinde, Abdullah Ates, für Aufsehen gesorgt: „Das, was die Fahne zur Fahne macht, ist das Blut darauf. Der Boden, für den man erst stirbt, wird zum Vaterland.“ Im Februar hatte Ates diese Sätze als „Arbeit eines Dichters“ gerechtfertigt, „die seit Jahren im Gedenken an die gefallenen Soldaten traditionell zitiert“ würden. Sie seien „keineswegs wörtlich zu verstehen“. In der diesjährigen Einladung ist von einer „Kampagne für die Märtyrer-Familien“ die Rede.

Religiöse Aufladung der Schlacht von Canakkale

Die amtierende türkische Regierung und die AK-Partei von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan stellten die Schlacht von Canakkale heute gern als „Sieg des Islams über den Westen“ dar, sagte die Wuppertaler Türkei-Historikerin Sabine Mangold-Will dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die religiöse Aufladung sei durch die historischen Fakten nicht gedeckt und gehöre zu einer Strategie der Polarisierung.

In der Schlacht, in der der spätere türkische Staatsgründer Mustafa Kemal „Atatürk“ als Offizier eine entscheidende Rolle spielte und durch besondere Härte auffiel („Ich befehle euch nicht, anzugreifen, ich befehle euch zu sterben“), verloren auf beiden Seiten zusammen etwa 100.000 Soldaten ihr Leben.

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Ähnliche Veranstaltungen wie die in Herford und Leverkusen finden zum Beispiel auch in München und Berlin statt. In der dortigen Sehitlik-Moschee steht die Feier unter dem Motto „Die deutsch-türkische Freundschaft von Canakkale bis heute“. Einer der angekündigten Vorträge stellt den Bezug zum Ersten Weltkrieg her.

Die Ditib verteidigte die Veranstaltungen in ihrer Regie als Teil einer „Gedenk- und Erinnerungskultur der türkeistämmigen Gemeindemitglieder, die auch in unseren Gemeinden seit Jahrzehnten mit Gottesdiensten, Bittgebeten und religiösen Andachten den Gefallenen, meist Großväter und Ur-Großväter der eigenen Familie, gedenken“. Die Ditib-Pressestelle verwies auf das vielfältige Weltkriegsgedenken in ganz Europa, auch in Deutschland. So erinnere auch der türkische „Tag der Gefallenen“ an das Leid des Krieges und an die Verantwortung zum Frieden. Das sei zwar „kein zentral religiöses Thema, gleichwohl geht es um im Krieg gefallene Menschen, ihre Hinterbliebenen und heute in Deutschland lebende Familienangehörige“.

Viel Kritik an der Ditib

Klar abgelehnt würden jedoch Veranstaltungen, in denen – wie in der Vergangenheit bisweilen geschehen – Kinder in Uniform und mit Waffen eine Art Kriegsspiel darböten. „Wir distanzieren uns davon und haben unsere Gemeinden diesbezüglich nochmals ermahnt, derartige Aktionen, die nicht mit unseren Grundsätzen vereinbar sind, zu unterlassen. Kriegs- und Gewaltverherrlichung entspricht nicht unserem Verständnis einer Gedenkkultur und findet nicht unsere Zustimmung.“

Mangold-Will sagte, problematisch sei nicht das Totengedenken an sich, sondern die religiöse Aufladung und die parteipolitische „Ankoppelung“ an die AKP. Deshalb halte sie es auch für bedenklich, das Gedenken in die Moscheen zu holen. Die Ditib betont demgegenüber ihr Selbstverständnis nicht nur als religiöser, sondern auch sozialer und kultureller Dienstleister.

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Der neue Vorsitzende Kazim Türkmen hatte bei seinem Amtsantritt Anfang des Jahres einen „Neuanfang“ des Islamverbands versprochen und eine Konzentration auf dessen „Hauptaufgaben“ angekündigt. Hierzu zählte der im diplomatischen Dienst der Türkei stehende Theologe in einem ZDF-Interview Anfang März die religiöse Bildung, den islamischen Religionsunterricht sowie das Bemühen der Ditib um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft und als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Es gehe „in der Neubewertung nicht darum, Traditionen aufzugeben, sondern sich dabei auf das Religiöse zu fokussieren“, betonte die Ditib auf Anfrage.

Für den Grünen-Politiker und Ditib-Kritiker Volker Beck ist die Neuauflage des Canakkale-Gedenkens in deutschen Moscheegemeinden ein Beleg für die andauernde Orientierung der Ditib an der Politik des türkischen Regimes unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan und AKP. „Weniger Neuanfang war selten“, sagte Beck dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Ditib zeige erneut, dass sie als Moscheeverein vor allem eine Funktion habe: „Sie ist ein türkisch-identitärer Kanal im Interesse der AKP und unter Leitung der türkischen Regierung. Ohne ihn hätte die AKP weniger Einfluss in Deutschland.“ Entweder die DITB kenne den Unterschied zwischen einer nationalistischen, politischen Partei und einer Religionsgemeinschaft wirklich nicht, oder sie „will uns für dumm verkaufen“. Die politische Funktion „überstrahlt bei weitem die religiöse Rolle des Vereins und bestimmt seine Identität.“

Zur Info

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. (türkisch Diyanet Isleri Türk Islam Birligi, abgekürzt DITIB) ist seit 1984 in Deutschland ein eingetragener Verein. Er untersteht der Kontrolle und Aufsicht des staatlichen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten der Türkei, welches heute direkt dem Präsidenten unterstellt ist.

Für Kritiker ist Ditib der verlängerte Arm des türkischen Staates und könne als Vorfeldorganisation der AKP bezeichnet werden. Der Verein wird unter anderem kritisiert, da er den Völkermord an den Armeniern leugnet und es antisemitische Äußerungen gab.

Seit September 2018 prüft das Bundesamt für Verfassungsschutz eine Einstufung der Ditib-Zentrale als Verdachts- oder Beobachtungsobjekt. (FR)

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