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Ein Buch untersucht rechte Strömungen in Sachsen.

Sammelband über Rechtsextremismus

Diskussion unter Sachsen unerwünscht

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Das Redeverbot über ein Buch zu rechten Tendenzen im Freistaat Sachsen sorgt beim Meißner Literaturfest für Ärger.

Es ist schon recht ungewöhnlich, wenn die Lesung eines Buches mit dem Satz eröffnet wird: „Dieses Buch ist kein Dreck.“ Der Leiter des Meißner Literaturfestes sah sich am Donnerstagabend jedoch zu dieser Feststellung genötigt, als er rund 250 Besucher im überfüllten historischen Ratssaal der Stadt begrüßte. Es war die Replik auf einen Facebook-Eintrag des Meißner CDU-Stadtrates Jörg Schlechte.

Der hatte noch vor wenigen Wochen mit dem Satz „Dieser Dreck wird mit Sicherheit nicht in unserem Rathaus gelesen!“ – allerdings erfolglos – versprochen, die Lesung aus dem Buch „Unter Sachsen“ verhindern zu wollen. Begründet hatte er dies damit, dass es sich bei dem Buch um „linke Hetzerei gegen unser Sachsen“ handele. Der im Berliner Chr. Links Verlag erschienene Sammelband mit Reportagen, Interviews und Porträts analysiert die rechten Tendenzen in Politik und Gesellschaft des Freistaats.

In den Texten von mehr als 50 Autoren geht es um Pegida, AfD und NPD, um brennende Flüchtlingsheime, völkische Parolen und rechten Terror von NSU bis „Gruppe Freital“. Auch der Brandanschlag auf eine Meißner Flüchtlingsunterkunft vor zwei Jahren ist ein Thema im Buch. Und über allem steht eine Frage: Warum immer wieder Sachsen? Das Buch spaltet seit seinem Erscheinen vor ein paar Monaten die Leserschaft im Freistaat – von einseitigem „Sachsen-Bashing“ und „Hetze“ sprechen die einen, von einer notwendigen kritischen Aufarbeitung die anderen.

Beste Voraussetzungen eigentlich für eine lebhafte Podiumsdiskussion über das Buch, wie sie auch ursprünglich im historischen Ratssaal angesetzt war. Aber der in den vergangenen Wochen von Stadtrat Schlechte ausgelöste und über die Stadtgrenzen hinaus heftig geführte Streit um die Veranstaltung hatte die Stadt einknicken lassen; am Ende erlaubte das Rathaus nur eine Lesung aus dem Buch. Denn Stadtrat Schlechte hatte für seinen Facebook-Eintrag im Vorfeld der Lesung zwar Empörung auch aus dem eigenen CDU-Kreisverband geerntet; andere Lokalpolitiker von CDU bis AfD aber schlossen sich – wenn auch im Ton diplomatischer – Schlechtes Meinung an und gaben zu bedenken, dass der Ratssaal angeblich schon von der Hausordnung her kein Ort für politische Diskussionen sein dürfe.

Die Organisatoren des Literaturfestes hielten dagegen: Das Buch „Unter Sachsen“ sei lesenswert, aber eben auch sehr kritisch und decke viele Aspekte der aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit und Gewalt im Freistaat auf, schrieben sie und stellten klar: „Die Buchvorstellung beim Literaturfest ist keine politische Veranstaltung.“

Die Stadtverwaltung vermochten sie jedoch nicht zu überzeugen. Das Rathaus setzte durch, dass nur eine Lesung erlaubt sei, da die Benutzungsordnung des historischen Ratssaals angeblich Podiumsdiskussionen mit politischem Charakter nicht zulassen würden. Und so drehte sich die – letztlich doch nicht zu verhindernde – Diskussion am gestrigen Leseabend vor allem um das Verdikt des Bürgermeisters. Wie könne es sein, dass mündigen Bürgern in ihrem Rathaus untersagt werde, über politische Probleme zu diskutieren, fragten gleich mehrere Zuschauer empört. Über das „Sachsen“-Buch wurde hingegen kaum gestritten.

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