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Christoph Heusgen (64) war bisher eher für unauffällige Arbeit im Hintergrund bekannt.

Porträt

Ein Diplomat wird deutlich

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UN-Botschafter Christoph Heusgen legt sich mit den USA und Israel an.

Christoph Heusgen hat sich Zeit seines Berufslebens darauf beschränkt, im Stillen zu wirken. Es entsprach seinem Selbstverständnis als Diplomat und Spitzenbeamter, den Politikern den Vortritt zu lassen und selbst im Hintergrund zu bleiben. Das war in den zwölf Jahren, die Heusgen als außenpolitischer Berater von Kanzlerin Angela Merkel arbeitete, nicht anders als in den 1990er Jahren, als der gebürtige Düsseldorfer mit CDU-Parteibuch für Außenminister Klaus Kinkel (FDP) tätig war.

Nun aber, mit 64 Jahren, lenkt Heusgen überraschend das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf sich. Bei einer Sitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, wo Deutschland seit Jahresbeginn als nichtständiges Mitglied vertreten ist, brach Deutschlands UN-Botschafter kurzerhand mit den Gepflogenheiten. Und wurde ungewohnt deutlich.

Der Sicherheitsrat war am Dienstag beim Tagesordnungspunkt „Nahost-Konflikt“ angelangt. Der Nahost-Sonderbeauftragte Nicolai Mladenoff warnte in eindringlichen Worten vor der Gefahr eines neuen Krieges zwischen der radikalislamischen Hamas im Gaza-Streifen und Israel, woraufhin 14 Botschafter ihre mitgebrachten Reden vorlasen. Dann ist Heusgen an der Reihe – und spricht frei: „Warum legen Sie nicht ihre vorgeschriebenen Reden zur Seite und sagen mir, wie Sie gedenken, die bestehende Resolution umzusetzen?“, fragt Heusgen in die verdutzte Runde und bezieht sich dabei auf eine Resolution gegen Israels Siedlungspolitik.

Nach der Rede seines US-Kollegen legt Heusgen nach. Der deutsche UN-Botschafter setzt an zu einer Verteidigungsrede auf die internationale Ordnung – gegen die USA: „Unser amerikanischer Kollege hat uns gerade gesagt, sie werden jetzt auch noch gegen die Golanresolution verstoßen, nachdem sie schon Jerusalem als Hauptstadt anerkannten und gegen diese Resolution verstießen.“ Resolutionen seien bindendes Recht, so Heusgen, hier aber sei nur noch vom Bruch der internationalen Ordnung zu hören.

Der palästinensische Vertreter war sogleich begeistert. Der israelische UN-Botschafter hingegen sagte an Heusgen gewandt, es sei ein Leichtes, von Resolutionen zu reden, wenn man selbst nicht unter Beschuss stehe. So viel Austausch, so viel Kontroverse ist selten in dem Gremium, das in Riten und Blockaden zu erstarren droht.

Tags darauf müht man sich in Berlin, den Eindruck zu zerstreuen, dass Deutschland nun der Sache der Palästinenser näher stehe als den USA und Israel. Zwar sei Heusgens Beitrag „aufs Engste mit dem Auswärtigen Amt abgestimmt“ gewesen, sagte ein Sprecher von Heiko Maas (SPD) am Mittwoch. Es gebe allerdings auch viele Punkte, bei denen man mit den USA im Nahen Osten einig sei, schob Regierungssprecher Steffen Seibert hinterher.

Von Montag an sitzt Heusgen dem Sicherheitsrat vor. Er will die Zeit nutzen, um die Bewahrung der regelbasierten Ordnung weit oben auf die Agenda zu setzen.

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