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Simbabwe: „Selbst Mittelklassefamilien hungern“

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Von: Bascha Mika

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Im Straßenshop der Eltern arbeiten statt für die Schule: Alltag für viele Kinder in Simbabwe.
Im Straßenshop der Eltern arbeiten statt für die Schule: Alltag für viele Kinder in Simbabwe. © Angela Jimu/Imago

Diktatur, Ausbeutung, keine Bildung: Katrin Seidel von der Heinrich-Böll-Stiftung im Interview über einen Staat im Rückwärtsgang.

Frau Seidel, wie geht es den Menschen in Simbabwe?

Ich frage mich selber, wie die Bevölkerung überhaupt überleben kann. Im Zusammenhang mit dem Land Simbabwe wird immer von Krisen gesprochen: der humanitären, der wirtschaftlichen, der politischen Krise. Und eigentlich hat man das Gefühl, dass es nicht schlimmer kommen kann – und dann wird es doch noch dramatischer.

Wie zeigt sich das im Alltag?

Durch den Krieg in der Ukraine haben sich die Lebensmittel- und Energiepreise noch einmal deutlich erhöht. Die Inflation liegt bei 250 Prozent. Alle Versuche der Regierung, die Wirtschaft zu stabilisieren, sind gescheitert. Es gibt wieder Hunger – selbst in Mittelklassefamilien. Gerade die Frauen fragen sich jeden Tag, wie sie die Familie versorgen sollen, denn sie sind traditionell für die Ernährung zuständig.

Mädchen und Frauen sind von den desaströsen Verhältnissen besonders betroffen?

Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten hatte Simbabwe früher ein gutes Bildungs- und Gesundheitssystem. Sowohl Mädchen wie Jungs hatten die Chance sich zu entwickeln. Doch seit Jahren kümmert sich der Staat überhaupt nicht mehr um Bildung und Gesundheit. Darunter leiden Mädchen und Frauen besonders stark. Die medizinische Versorgung für Frauen ist katastrophal, die Kindersterblichkeit ist gestiegen und die Mädchen sind die Ersten, die die Schulen verlassen müssen, wenn die Eltern nicht genug Geld haben.

In ihrem Roman „Nervous Conditions“ beschreibt Tsitsi Dangarembga die Verhältnisse ähnlich. Da muss erst der Bruder, der kleinen Tambu, sterben, damit sie zur Schule gehen darf. Doch diese Geschichte spielt in den 1960ern.

Ja, Simbabwe entwickelt sich wieder genau in diese Richtung. Das Land ist seit Jahren auf dem Rückschritt.

Woran krankt die Gesellschaft am meisten?

Die regierende Partei ist mehr am eigenen Machterhalt interessiert als am Wohl der Bevölkerung. Es herrscht ein Zynismus unter den Regierenden, den man regelrecht spüren kann. Sie bereichern sich immer weiter, während die Bevölkerung vor die Hunde geht.

Abgesehen von Korruption – womit hält sich das Regime sonst an der Macht?

Wir sehen vor allem die brutale Seite, die kritische Stimmen mit Gewalt unterdrückt. Das geschieht durch Verhaftung, Einkerkerung, Folter, Vergewaltigung, Verschleppung, Verschwindenlassen. Niemand weiß, was passiert, wenn man dem Regime in die Finger fällt. Da werden sehr strategisch Bedrohungsszenarien aufgebaut.

Also ein effektiver Unterdrückungsapparat ...

... der aber auf dem Land, dort wo das Regime bei Wahlen seine Mehrheiten holt, durchaus auch als Gönner auftritt. Verteilt umsonst Düngemittel zum Beispiel. Es geht um Zuckerbrot und Peitsche. Sicher ist es mehr Peitsche als Zuckerbrot – eine Mischung aus Populismus und einem eng gestrickten Netz aus Kontrolle und Überwachung. Gleichzeitig versucht das Regime, den rechtlichen Rahmen so anzupassen, dass Freiheiten per Gesetz beschnitten werden. Etwa durch ein Digitalgesetz, das mehr Zensur ermöglicht, oder durch einen Gesetzentwurf, der zivilgesellschaftliches Engagement beschneidet. Es gab auch schon den Versuch, mit einem Patriot Act die Kommunikation zum Ausland komplett zu unterbinden und unter Strafe zu stellen.

Im kommenden Jahr sind Nationalwahlen angesetzt. Warum bemüht sich das System um dieses demokratische Feigenblatt?

Zum einen will die Regierung auf internationaler Bühne eine Legitimation vorweisen können. Solange sich Wahlen problemlos manipulieren lassen, hat sie ja nichts zu verlieren. Sie kann den demokratischen Anschein wahren, ohne ihre Macht zu gefährden. Zum anderen ist es auch eine Legitimation nach innen. Wahlen erzeugen die Illusion, dass es zu einem Machtwechsel kommen könnte.

Gibt es eine organisierte Opposition im Land?

Ja, die „Citizens Coalition for Change“ (CCC), die aus dem „Movement für Democratic Change“ (MDC) hervorgegangen ist. Die CCC ist eine ganz neue, aber bereits sehr populäre Oppositionspartei, die bei den Zwischenwahlen in diesem Jahr viele Stimmen geholt hat. Sie ist zwar nicht der demokratische Heilsbringer, hat aber einige Reformideen und kann der Zanu-PF, der Partei des Präsidenten, bei den Nationalwahlen im kommenden Jahr durchaus Konkurrenz machen.

Verstärkt der Präsident vor den Wahlen die Repression?

Auf jeden Fall, immer mehr Oppositionelle landen im Gefängnis. Die Regierung steht unter enormem Druck. Wegen der wirtschaftlichen Lage, aber auch innerparteilich. Gleichzeitig gibt es die CCC als neue Widersacherin.

Was bräuchte Simbabwe jetzt am dringendsten?

Aufmerksamkeit! Viele Länder Europas haben sich enttäuscht abgewandt. Nach 37 Jahren Mugabe-Diktatur gab es zunächst eine Phase der Hoffnung, dass sich die Verhältnisse bessern könnten. Nach den Wahlen 2018 wurde die Hoffnung total zerschlagen, seitdem gibt es auch viel weniger ausländische Gelder. Dabei bräuchte vor allem die Zivilgesellschaft mehr internationale Unterstützung, damit sich etwas ändern kann.

Interview: Bascha Mika

Katrin Seidel leitet das Kapstadt-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung.
Katrin Seidel leitet das Kapstadt-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. © Stephan Röhl

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