Die Fernsehansprache am Tag vor seinem Rücktritt.
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Die Fernsehansprache am Tag vor seinem Rücktritt.

Husni Mubarak

Der Diktator, der nicht weichen wollte

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Ägyptens früherer Langzeit-Machthaber Husni Mubarak stirbt mit 91 Jahren. Sein Regime erscheint rückblickend in einem anderen Licht.

  • Ägyptens Langzeit-Machthaber Husni Mubarak ist tot
  • Zäher Abgang nach dem Arabischen Frühling
  • Mubarak hält al-Sisi für den richtigen Mann

„Du hast mich da reingeritten, du und deine Mutter“, herrschte Husni Mubarak in den dramatischen Stunden nach seinem Sturz seinen Sohn Gamal an. „Ihr habt meinen Platz in der Geschichte Ägyptens ruiniert“. Dreimal hatte sich der alte Autokrat 2011 während des 18-tägigen Volksaufstands am Nil mit versteinerter Miene und tiefen Augenrändern in nächtlichen Fernsehansprachen an seine rebellischen Landsleute gewandt. Dreimal lehnte Mubarak einen raschen Rücktritt ab – gedrängt von seinem Sohn Gamal und seiner Frau Suzanne. Mit jedem dieser störrischen Auftritte versetzte er sein Volk mehr in Rage. Erst am 11. Februar 2011 gab er schließlich auf, nach fast 30 Jahren an der Spitze des Landes. 850 Menschen waren bis dahin bei landesweiten Unruhen gestorben, die meisten erschossen von Scharfschützen der Polizei.

Neun Jahre später sind die Erinnerungen an dieses dramatische Finale des Arabischen Frühlings am Nil genauso verblasst wie die damaligen Forderungen der Volksmassen nach „Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit“. Ganze zwölf Monate lang regierte der demokratisch gewählte Nachfolger Mubaraks, der Muslimbruder Mohammed Mursi, der im Vorjahr nach sechs Jahren Kerker an den Folgen seiner Haftbedingungen starb. 2013 putschte der damalige Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi und brachte die Armee mit Gewalt an die Macht zurück.

Husni Mubarak in Ägypten: Staatsmännischer Routinier

Viele verfemte Mitstreiter Mubaraks tauchten wieder auf. Auch der 2011 verhaftete Alt-Präsident, der wegen seines Schießbefehls auf die Demonstranten vor Gericht stand, wurde im März 2017 freigesprochen und kam auf freien Fuß. Und so verbrachte der 91-Jährige, der am Dienstag nach einer Operation auf der Intensivstation des Kairoer Militärhospitals starb, seinen Lebensabend bis zuletzt zurückgezogen in der Familienvilla im Stadtteil Heliopolis. In die Politik Ägyptens mischte er sich nicht mehr ein, auch wenn er keinen Zweifel daran ließ, dass er den Ex-Feldmarschall al-Sisi für den Richtigen an der Spitze des 100-Millionen-Volkes hielt.

Mubarak war kein Mann charismatischer Auftritte, mitreißender Visionen und zündender Programme. Er bevorzugte das Gewohnte und pflegte die staatsmännische Routine. Selbst auf dem Höhepunkt des Arabischen Frühlings in Kairo begann er seinen Arbeitstag stets pünktlich früh um sechs Uhr, ging die wenigen Schritte von seiner Wohnung in sein Amtszimmer, stets mit makellos gefärbtem Haar und blauem Anzug, als wenn draußen im Land alles weiter in den gewohnten Bahnen liefe.

Ägypten: Al-Sisi geht noch deutlich rigoroser vor

Husni Mubarak verfolgt 2012 auf einer Trage hinter Gittern seinen Prozess in Kairo. dpa

Geboren wurde Mubarak am 4. Mai 1928 in dem Fellachendorf Kafr-el-Moseilha im Nil-Delta. Sein Vater war Justizbeamter. Nach seiner Ausbildung zum Kampfpilot in der Sowjetunion startete er eine rasante Karriere. 1967 wurde Mubarak Kommandeur der Luftwaffenakademie in Kairo, zwei Jahre später Stabschef und 1972 Oberbefehlshaber der Luftwaffe, die sich im Jom-Kippur-Krieg 1973 besser schlug als zuvor im Sechstagekrieg 1967. Seine Offiziere damals bezeichneten ihn als „härter als Rommel, aber menschlich okay“. Zwei Jahre danach ernannte Anwar as-Sadat den politisch unerfahrenen „Helden des Oktoberkriegs“ überraschend zu seinem Vizepräsidenten. Im Nahostkonflikt verstand Mubarak sich als ehrlicher Makler, auch wenn er es zeitlebens vermied, zu einem offiziellen Staatsbesuch nach Israel zu reisen.

Rückblickend wirkt Mubaraks Machtpraxis im Vergleich zu der Repression des al-Sisi-Regimes stärker gezügelt. Die Zahl der politischen Gefangenen heute ist um ein Vielfaches höher als zu den schwärzesten Mubarak-Zeiten. Allein bei der Räumung des Kairoer Protestlagers der Muslimbrüder in Rabaa Adawiyya und in Dokki im August 2013 wurden an einem Tag nahezu 1000 Menschen erschossen, das blutigste Massaker von Sicherheitskräften an der Zivilbevölkerung in der Geschichte des Landes. „Meinungsfreiheit existiert nicht mehr in Ägypten – die Situation ist schlimmer als unter Mubarak“, urteilte Alaa Al-Aswani, der ägyptische Bestseller-Autor. „Was in Erinnerung bleiben wird, ist die ägyptische Revolution und nicht der Diktator. Sie zwang Mubarak zum Rücktritt – und wir wissen heute, dass er sich weigerte.“

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