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Es eilt langsam mit der Digitalisierung in Deutschland.

Digitalisierung

Vom Musterschüler zum Entwicklungsland

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Lahmes Netz, Funklöcher, Papierstau in den Ämtern: Bei der Digitalisierung sieht Deutschland alt aus. Woran liegt das?

Bitte drucken Sie das Internet aus. Das ist so ein Witz, man sagt das gern in Kaffeeküchen oder Raucherecken. Das klingt nach 1998, als alles Digitale wirklich noch Neuland war, als Bürokollegen anriefen und wissen wollten, ob eine Mail angekommen sei. Doch dann bekam Lisa Neuwerth im September 2019 Post vom Finanzamt. Neuwerth ist 38 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und selbstständige Social-Media-Beraterin in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. Das Finanzamt wollte wissen, ob ihre Beratungstätigkeit eine Liebhaberei oder echte Arbeit sei. Also fragte die Behörde per Brief nach: „Haben Sie einen eigenen Internetauftritt?“ Und bat Neuwerth dann: „Wenn ja, bitte schicken Sie uns einen Ausdruck Ihrer Homepage.“ Neuwerth las die Stelle zweimal. Und war fassungslos. „Ich soll was? Das Internet ausdrucken?“

„Ich konnte es kaum glauben“, sagt sie. „Normalerweise überprüft man die Existenz einer Homepage, indem man sie aufruft. Da knallen Welten aufeinander. Ich würde mir wünschen, dass die deutschen Behörden mal in der Gegenwart ankommen.“

Deutschland im Herbst 2019. Eine alte Industrienation hadert mit sich selbst. Die Hubschrauber der Bundeswehr fliegen nicht. Brücken und Straßen sind marode. Im ICE wackelt das WLAN. Die stolze Autoindustrie nimmt die Kurve ins Elektrozeitalter nur schwerfällig. Und wenn Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) es wagt, öffentlich über Flugtaxis nachzudenken, wird sie als spinnert verlacht. Das Visionäre ist dem Deutschen suspekt. In diesem Land werden Autos, Häuser und Küchenherde gebaut.

Digitalisierung: Kaum ein Staat in Europa tut sich so schwer

Das Land hat ein massives Problem mit der digitalen Infrastruktur. Kaum ein Staat in Europa tut sich so schwer damit, den digitalen Umbau zu organisieren. „Leistungsfähige Infrastrukturen sind Lebensadern unserer Gesellschaft“, heißt es auf der Internetseite Digital-made-in.de, auf der die Bundesregierung sich selbst dafür lobt, dass sie das Problem verstanden hat. „Unser Ziel ist Anbindung für alle.“ Die Wirklichkeit ist eine andere.

Europas einstiger Musterschüler ist digitales Entwicklungsland. Im internationalen Vergleich der Verfügbarkeit des Mobilfunk-Standards 4G liegt Deutschland von 88 Ländern auf Platz 70 – zwischen Albanien und Kolumbien. Die Daten beruhen auf der jüngsten Studie des Analyseunternehmens Opensignal von Februar 2018.

„5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig“, hat Ministerin Karliczek gesagt – für Melkroboter und das automatische Messen der Inhaltsstoffe aber schon.

Amazon investiert 420 Mal mehr Geld in Forschung als die Deutsche Telekom. Volkswagen baut seine neuen Entwicklungszentren lieber in Seattle und China als in Niedersachsen oder Thüringen – es fehlen IT-Experten. „Das Funkloch wird vom ärgerlichen Phänomen zur dauerhaften, urdeutschen Institution“, fürchtet Sascha Lobo, digitaler Vordenker und Mahner.

Digitalisierung im öffentlichen Sektor? Ein Trauerspiel. In Großbritannien lässt sich die Verlängerung eines Reisepasses vollständig online abwickeln. In Dänemark können Unternehmer eine Firma dank sicher verschlüsselter und rechtswirksamer Unterschrift in wenigen Stunden online anmelden. In Skandinavien und den Niederlanden ist das digitale Rezept Standard. Aber wenn ein chronisch Kranker in Deutschland neue Medikamente braucht, fährt er durch die halbe Stadt zur Arztpraxis, wartet auf eine Unterschrift auf einem rosa Zettel, fährt mit dem rosa Zettel zur Apotheke, bekommt einen Abholschein, schläft eine Nacht und fährt dann mit dem Abholschein wieder zur Apotheke.

Digitalisierung: Im Prinzip geht es um alles

Doch es geht um mehr als ein paar nervtötende Unannehmlichkeiten. Im Prinzip geht es um alles. Es geht um die Frage, ob das Land zur verlängerten Werkbank des Silicon Valley verkommt. Zum Befehlsempfänger statt zum Mitgestalter. Denn Deutschland lebt von der Substanz. Vom glorreichen Ruf seiner Ingenieurs- und Handwerkskunst. Von der Qualität seiner Produkte. Von seinem gut organisierten öffentlichen Leben.

Warum hinkt Deutschland digital so hinterher? Und wie ließe sich die Digitalisierung so vorantreiben, dass sie keine irrationalen Ängste auslöst, sondern Hoffnung? Immerhin sagt auch Kanzlerin Angela Merkel inzwischen Sätze wie: „Nicht zu viel Digitalisierung vernichtet unterm Strich Arbeitsplätze, sondern zu wenig.“

Die Fakten klingen ernüchternd: Bis 2025 steckt Deutschland drei Milliarden Euro in die Erforschung künstlicher Intelligenz. Drei Milliarden – das klingt nach viel. Doch Lobo macht eine interessante Rechnung auf: In einer einzigen chinesischen Stadt namens Tianjin entsteht gerade ein Fonds zur Förderung künstlicher Intelligenz. Dessen Volumen allein beträgt 15 Milliarden Euro.

Viel Cyber, wenig Übersicht
Bei der digitalen Sicherheit herrscht heilloses Chaos, es gibt viel Cyber, aber wenig Übersicht. Folgende Institutionen sind mit dem Thema befasst: – das Nationale Cyberabwehrzentrum in Bonn, – das gemeinsame Internetzentrum, – das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, – die Zentralstelle für Informations- technik, – der Nationale Cybersicherheitsrat, – die IT-Fachdienststellen der 16 Landeskriminalämter, – die Cyber Cops beim Bundeskriminal- amt, – das Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr, – die Cyberanalysten des Bundes- nachrichtendienstes, – die Abteilungen für Cybersicherheit beim Bundesamt für Verfassungs- schutz – und künftig noch die Agentur für Innovation in der Cybersicherheit des Bundes. 

Die absurd teuren Versteigerungen der Mobilfunkfrequenzen führten dazu, dass die Telekommunikationsunternehmen unter dem Druck, die Unsummen wieder einzuspielen, die Handytarife so teuer wie möglich machen und beim Netzausbau lukrative Ballungsräume bevorzugen.

Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) befand noch vor Monaten: „5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig.“ Es ist genau dieses Denken, das das ungute Gefühl erzeugt, Deutschland könnte am Ende zu den Verlierern gehören. Start-ups etwa haben es in Deutschland schwerer, an Risikokapital zu kommen, denn die Anlagevorschriften für Investoren sind restriktiver als anderswo. Das bedeutet: Internetfirmen wachsen langsamer, weil ihnen das Geld fehlt.

Es nützt wenig, in deutschen Grundschulen WLAN zu installieren und Tablets zu verteilen, wenn Zehnjährige ihren Lehrern die Geräte anschließend erklären müssen. „Digitale Bildung ist die Grundlage für die wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik“, mahnt der Wissenschaftler Ayad Al-Ani vom Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft an der Universität Basel. Schon jetzt wanderten deutsche Techniker und Erfinder ab. Deutschland drohe vom Land der Erfinder zum Zulieferer für amerikanische und chinesische Technologieplattformen zu werden. „Beim autonomen Fahren könnte das bedeuten, dass die Hersteller hierzulande nur noch das Blech aneinandermontieren und den Motor bauen“, fürchtet Al-Ani. „Das Wichtige aber wird in China oder in den USA entwickelt, nämlich die digitale Schaltzentrale des Autos.“

Im Bereich der digitalen Sicherheit herrscht heilloses Chaos, zig Behörden sind mit dem Thema befasst. Der Irrsinn spiegelt die ganze Hilflosigkeit von Staat und Gesellschaft im Umgang mit den Gefahren des Netzes wider. Es mangelt schlicht an konkreter Aufklärung und Information. Das führt dazu, dass die Digitalisierung abseits der urbanen Soziotope weithin als Teufelszeug gilt.

Digitalisierung: Rückstand hat auch kulturelle Gründe

Das hat auch kulturelle Gründe. Im Land der Dichter, Denker und Autokonstrukteure galt es immer als Ideal, sich zunächst tüftelnd zurückzuziehen und dann aus einer brillanten Idee ein hochwertiges Produkt zu machen. Deutschland baut gern Sachen, die man anfassen kann. Zu der Erkenntnis, dass Programmieren und digitales Entwickeln Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts sein sollen, ist die deutsche Gesellschaft mehrheitlich nicht bereit.

Mehr zum Thema: Große Sorge vor Jobverlust durch Digitalisierung

Mehr noch: Die Algorithmen, die bestimmen, was wir lesen, kaufen, wahrnehmen, wirken wie eine finstere, höhere Macht. Obwohl sie Menschenwerk sind und es längst ein Zukunftsberuf ist, sie zu gestalten. Aber wie soll man Sinn und Sicherheit digitaler Technologien beurteilen, wenn Hysterie alle Fragen überlagert?

Deutschland hat ein Luxusproblem. Solange die Einnahmen sprudeln und die Arbeitslosigkeit im tolerierbaren Bereich liegt, stellt niemand das System infrage. Exportüberschuss. Made in Germany. Warum sollen wir jetzt radikal auf digital umstellen? Stattdessen versuchte die deutsche Gesellschaft lange halbherzig, eine digitale Infrastruktur parallel zu den alten Industriestrukturen aufzubauen: ein Land, zwei Systeme. Die Otto-Brenner-Stiftung kommt in einer Studie im Kern zu dem Schluss: Digitalisierung bedeute in Deutschland, es dürfen gern neue Industrien entstehen, aber gleichzeitig sollen die alten bitte so bleiben, wie sie 100 Jahre lang funktioniert haben.

Das Problem: In einem Land ohne eigene Rohstoffe ist „Brainware“ die einzige Ressource, die langfristig Erfolg verheißt.

Digitalisierung: Daten sind der Rohstoff der Zukunft

Während man hierzulande noch hadert, sammeln chinesische Staatskonzerne und US-Multis massenhaft das Öl des 21. Jahrhunderts ein: Daten. Daten sind der Rohstoff, auf dem die Zukunft gebaut wird, der künstliche Intelligenz füttert, der Dienstleistungen, mit denen Geld zu verdienen ist, erst möglich macht. Jetzt den Anschluss zu verpassen, ist fatal.

„Wir wollen, dass Digitalisierung eine Basistechnologie wie Elektrizität ist und somit alles verändert: wie wir arbeiten, wie wir kommunizieren, wie wir leben“, sagte Katrin Suder, Vorsitzende des Digitalrats der Bundesregierung. Auch die hartnäckige deutsche „Schriftformerfordernis“ – dass also wichtige Dokumente auf Papier gedruckt vorliegen müssen – will der Digitalrat gern aufweichen. „Der Regierungsapparat lebt und arbeitet noch immer mit Briefen und Faxen als zentrale Kommunikationsmittel“, klagt Suder.

Das wäre eine gute Nachricht für Social-Media-Beraterin Lisa Neuwerth. Sie müsste dann ihre Homepage nicht mehr fürs Finanzamt ausdrucken. Doch das kann noch dauern. „Es wäre schön“, sagt Neuwerth, „wenn die Mitarbeiter in den Behörden eines Tages wüssten, wie in den Berufen, die sie überprüfen sollen, tatsächlich gearbeitet wird.“

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