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Dietmar Bartsch wird wohl nicht nur Sahra Wagenknecht politisch überleben.

Dietmar Bartsch

Was immer auch geschieht in der Partei: Dietmar Bartsch bleibt der Dauerlinke

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Wer folgt auf Sahra Wagenknecht, Katja Kipping und Bernd Riexinger an der Spitze von Fraktion und Partei? Klar ist nur eines: Dietmar Bartsch bleibt.

Dietmar Bartsch sitzt im Sessel seines Büros und sinniert. „Wann genau wir einen neuen Fraktionsvorstand wählen, ist offen“, sagt er – und dass es „klug“ gewesen sei, „nach dem Europawahlergebnis von 5,5 Prozent erst mal Beruhigung in die Partei zu bringen und die Wahl bis nach der Thüringen-Wahl zu verschieben“. Jetzt liege die Linke in den Umfragen wieder zwischen acht und neun Prozent, fügt der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag hinzu. Also alles richtig gemacht.

Eigentlich wollte Bartsch jetzt längst im Auto sitzen – hoch zur Ostseeküste, wo er herkommt. Morgens ein vorerst letzter Fernsehauftritt, noch kurz ins Büro und ab – das war der Plan. Dann aber lässt sich der Linken-Politiker zu einem Gespräch überreden, die langen Beine übereinandergeschlagen, 60 Minuten die Haltung kaum ändernd. Es wird ein Gespräch über die Linke – und Dietmar Bartsch.

Im Grunde kann sich der Spitzenmann glücklich schätzen. Denn was immer auch geschieht in der Partei: Er bleibt. Entweder wird Bartsch erneut zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Offen wäre bloß noch, welche Frau an seiner Seite auf Sahra Wagenknecht folgt, die nicht mehr kandidieren will. Oder die Wahl des neuen Fraktionsvorstandes wird verschoben; in dem Fall bliebe Bartsch erst recht. „Wenn die SPD die Koalition im Bund nach den ostdeutschen Landtagswahlen verlassen sollte und im März Neuwahlen stattfänden, dann gäbe es keinen Grund, vorher einen neuen Fraktionsvorstand zu wählen“, sagt er. „Das wäre absurd.“

Dietmar Bartsch ist längst Teil des Establishments

Bartsch wird aber nicht allein Wagenknecht politisch überleben, sondern wohl auch die von ihm wenig geschätzten Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger, die 2020 acht Jahre amtiert haben werden und damit laut den Parteistatuten für eine Wiederwahl kaum mehr in Betracht kommen. Der 61-Jährige hätte dann alle hinter sich gelassen: Wagenknecht, Kipping und Riexinger ebenso wie die Ex-Partei- oder Fraktionschefs Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst.

Ohnehin ist er längst Teil des Establishments. Bartsch duzt sich mit dem halben Kabinett, ist mit Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU befreundet und kommt mit FDP-Chef Christian Lindner gut klar. Wenn der Fan von Borussia Dortmund über dessen mit ihm bekannten Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, einen CDU-Mann, spricht, dann sagt er „Aki“.

Das Problem ist die Partei, die im Osten immer weiter hinter die AfD zurückfällt und im Westen derzeit allein in Bremen einen kleinen Lichtblick verzeichnen kann. „Machtpolitisch gibt es für uns nichts anderes als Mitte-links, also Rot-Rot-Grün“, sagt Bartsch. „Was denn sonst? Das ist auch nicht ausgeschlossen. Die große Koalition will kein Mensch mehr. Wir werden aber sicher keinen Lagerwahlkampf führen, sondern für uns werben.“

Inhaltliches Profil der Linken ist weiterhin verschwommen

Jedenfalls hat es die Linke bisher nicht geschafft, sich zu professionalisieren. Das inhaltliche Profil der Partei ist weiterhin verschwommen. Zudem gelingt es den führenden Linken nicht, mal über ein Personaltableau für Partei- und Fraktionsspitze nachzudenken. Vielmehr verlautet überall, dass eine Wagenknecht-Nachfolgerin lediglich mit einer knappen Mehrheit rechnen könne. Wer nach Kipping und Riexinger kommt? Ungewiss.

„Wichtig ist, mit welcher politischen und personellen Aufstellung wir in die nächste Bundestagswahl gehen“, sagt Bartsch – und wirft damit eine Frage auf, ohne die Antwort mitzuliefern. Dies gilt umso mehr, als Medien bereits die Frage nach einer Verjüngung der Führung stellen. So wird Fraktionsgeschäftsführer Jan Korte als möglicher Fraktionschef gehandelt – jener Niedersachse, den Bartsch einst in die Politik holte und der erst 42 Jahre alt ist, nicht 61. Korte schwört Stein und Bein, nicht gegen seinen Förderer antreten zu wollen. Dennoch tickt dessen Uhr.

Als wir nach dem Gespräch auf dem Flur vor Dietmar Bartschs Büro stehen, nähert sich Fraktionssprecher Michael Schlick und fragt ihn: „Du jetzt Küste?“ Bartsch, die Aktentasche in der Hand, nickt. Und weg ist er.

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