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Adolf Hitler reicht auch den Kleinsten des Volkes die Hand. Wo diese Aufnahme aus dem Jahr 1937 entstand, ist nicht bekannt.

Begeisterung für Hitler

"Dieser mustergültige Mann"

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"Warum ich Nazi wurde" - so lautete 1934 das Thema eines Preisausschreibens. Die eingeschickten Texte offenbaren, was normale Leute an Hitlers Ideen faszinierte.

Machtergreifung, Wendepunkt: Am 30. Januar 1933 kam, was die frühen Anhänger des Nationalsozialismus herbeigesehnt und auch herbeigekämpft hatten. Adolf Hitler musste die Macht dann gar nicht mehr ergreifen, er bekam sie ausgehändigt. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler. Es begann eine Phase der aktiven Machtkonsolidierung, die massiv Schwung bekam, als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 mit klarem Abstand stärkste Partei wurde. Heute ist bekannt, was folgte: ein diktatorischer und doch über lange Zeit vom Volk getragener Führerstaat, konsequente Politik zugunsten der „arischen“ Volksgenossen, ein Raub- und Rassenkrieg gegen die halbe Welt und schließlich der Holocaust. Davon wussten die Menschen in den Jahren 1933 und 1934 nichts.

In jenen Jahren fragte sich der Soziologe Theodore Abel (1896 – 1988) von der Columbia University in New York, wie es zum nationalsozialistischen Umbruch und zum Durchmarsch Hitlers hatte kommen können. Warum wurden so viele Deutsche Nazis? Waren sie verblendet, wurden sie verführt? Um der Wahrheit nahezukommen, ersann er ein Preisausschreiben zum Thema „Warum ich Nazi wurde“. „Preise im Wert von 400 Mark für die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitler-Bewegung“, lockte er in seinem Aufruf, den er im Juni 1934 mit Hilfe des Propagandaministeriums in Nazi-Publikationen platzierte. Wichtigstes Kriterium: Die Teilnehmer sollten vor dem 1. Januar 1933 der NSDAP beigetreten sein oder mit der Bewegung sympathisiert haben. Familienleben, wirtschaftliche Bedingungen, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle: das sollte aufgeschrieben werden - und zwar in aller Offenheit. Formalien spielten keine Rolle.

Und die alten Kämpfer, die meist recht jung waren, schrieben. 683 Texte gingen ein, 581 sind erhalten, darunter 36 von Frauen. Ein dokumentarischer Schatz, der bis heute ungehoben blieb. Professor Abel selbst scheiterte an der Komplexität des Materials. Ähnlich ging es dem deutsch-amerikanischen Politologen Peter H. Merkl, der sich in den 1960ern fünf Jahre lang mühte, bis das Geld versiegte.

Selbst deutsche historische Einrichtungen, wie etwa das Institut für Zeitgeschichte in München, die das Potenzial gehabt hätten, sich mit dieser einzigartigen Quelle zu befassen und wussten, dass das Material in amerikanischen Archiven lag, blieben uninteressiert. Schon die erste Lektüre macht dessen Brisanz klar: Da schreiben normale Leute und äußern Vorstellungen, die auch heute politisch vertreten werden – vor allem, wenn es um das Soziale geht.

Wie so oft in der deutschen Geschichtsschreibung zu den Themen Nationalsozialismus und Holocaust hat es nun ein Randständiger unternommen, Wichtiges, hier die Abel-Sammlung, der Öffentlichkeit vorzulegen und Lesehilfen zu geben. Wieland Giebel, Autor und Verleger, Gründer des Vereins Historiale, der im Berlin Story Bunker die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ mitbetreibt, hat – mit Hilfe amerikanischer Praktikanten und privat finanziert – die Dokumente in den Archiven zusammengesucht. Sein im September erschienenes Buch enthält 85 Biogramme als Faksimile, also knapp 15 Prozent der erhaltenen. Drei werden hier vorgestellt.

Die Authentizität der Botschaften macht durchaus Eindruck: individuell, fast völlig frei von Floskeln. Sie eröffnen Blicke auf die Verfasser und lassen sichtbar werden, wie und aus welchen Motiven diese – freiwillig – zu den Nazi-Ideen fanden.

Gustav Heinsch, Arbeiter aus Berlin Westend, schrieb: „Wer sich in der Kampfzeit zum Nationalsozialismus bekannte, hatte damals allein schon eine Große Tat vollbracht. Fast alle waren wir ja damals verfemt, selbst in der eigenen Familie prallten die Gegensätze aufeinander.“ Was hatte die Schreiber in diesen Kampf getrieben?

Fritz Junghanss aus Charlottenburg war der Mischung von Nationalismus und Sozialismus verfallen, die (bis heute) große Anziehungskraft entfaltet und in den Texten auf vielfache Weise variiert wird: „Gerechtigkeit in den sozialistischen Forderungen des Programms, Gerechtigkeit dem Arbeiter gegenüber, dessen Verbitterung ich verstand. Fortentwicklung in der Erweckung der natürlichen Kräfte, in der Forderung des Persönlichkeitsprinzips.“ Dazu die „höhere Rasse“. Diese Idee werde „unser ganzes Volk einen“, so Junghanss‘ Hoffnung. Darum: „Nach den Sternen greifen und nicht den Boden unter den Füßen verlieren.“ (Näheres zu seiner Sicht wie der folgenden beiden Biogramme oben im Personenkästchen.)

Gustav Heinsch begeisterte die Idee, den Klassen- und Standesdünkel mit Hilfe des Nationalsozialismus zu überwinden. Der fünfte Sohn eines Gutsgärtners wuchs in extremer Armut auf, obwohl Vater wie Mutter schwer arbeiteten. Alle jüngeren Geschwister starben. Bald fragte er sich: „Warum gab es für die höhere Gesellschaftsschicht so viele Vorrechte? Warum behandelte man den Arbeiter oder Untergebenen so von oben herab?“ Wo doch Rittmeister und Knecht „blutsmäßig zusammengehören“.

Erst arbeitete er in einem Papierwerk, mit 17 wurde er Diener, später Akkordarbeiter in einer Fabrik. Er litt, wenn ihn jemand Standesunterschiede krass spüren ließ, und wurde so zum „Feind der höheren Gesellschaftsschicht“. Im Schützengraben, so seine Erfahrung als Soldat, „gab es keine Unterschiede“, nur herrliche Kameradschaft. Die Heimkehr aus dem Krieg empfand er als Desaster: Man hätte doch siegen können, aber in der Heimat waren überall Verräter. Das Revolutions-chaos erschütterte ihn. Er suchte nach einem Platz in der Gesellschaft, ging in politische Versammlungen, hörte Juden „frech von Hindenburg und Ludendorf und den zwei Millionen Toten reden“ und entdeckte eine „Gefährlichkeit der jüdischen Intelligenz“. Weil diese die Presse beherrsche, sei der „ehrliche deutsche Handarbeiter“ deren üblen Einfluss auf die öffentliche Meinung unterworfen. So wurde Heinsch „zum größten Judengegner“.

Auf der Suche nach einer Partei, die das Sozialistische und das Rassische zusammenführte, stieß der kleine Mann schließlich auf Hitler, der in München eine Bewegung führte, „die hauptsächlich sozialistisch sein sollte“. Im Januar 1926 machte er die erste Bekanntschaft mit Nazis: „So hatte ich mir die wahre Volksgemeinschaft immer vorgestellt“, schrieb er begeistert. Er fand „Disziplin, offene und freie Gesichter, einen Hauswart (!!!) als Ortsgruppenleiter, weder Neid noch Missgunst“; er gewann einen Akademiker als „wirklichen Freund und Kameraden“. Während „im Volk, außerhalb unserer Reihen Standesdünkel und Klassenhass größer wurden“, war „der Standesdünkel bei uns in der Partei restlos ausgemerzt“. 1934 sah er den „Staat der Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit“ kommen: Hitlers Volksstaat.

Hedwig Eggert steht exemplarisch für die Hitler-Unterstützerinnen: eine selbstbewusste, intelligente, selbstbestimmt lebende Frau, die ihren Lebensunterhalt – zumal als alleinerziehende Mutter – selbst verdiente und zu eigenen Ansichten durch aktive Suche fand. Als achtes von elf Kindern eines Webers und einer Fabrikarbeiterin hungerte sie sich durch die Kindheit. „Wohlfahrtsamt oder Jugendamt, was heute bei kinderreichen Familien segnend eingreift, kannte man damals noch nicht“, war ihr wichtig zu erwähnen. In der Volksschule lobte man sie als gute Schülerin. Am ersten Tag nach Schulabschluss ging es in die Fabrik, so konnte sie „der Mutter etwas Kostgeld bringen“.

Es ging von einer Fabrik zu nächsten, Tagschicht sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends, Nachtschicht sechs Uhr abends bis sechs Uhr früh. Keine Pause, Brotessen nebenbei. Mit 18 wurde sie Plätterin, im Juni 1916 Hausmädchen in Charlottenburg, dann baute sie bei AEG in der Ackerstraße Sprengkoffer für den Krieg. 1918 erlangte sie einen Bürojob. Dann kam der Novemberschock: Am Potsdamer Platz tobte „Hoch- und Niedergebrüll“, sie beschrieb Erschaudern, weil ein Jude von einem Lastwagen schrie, der Kaiser habe abgedankt und Fritz Ebert die Führung des Reiches übernommen: „Es war gewiss der gesunde Instinkt einer deutschen Seele“, meinte Hedwig Eggert 1934 rückblickend, „welche aus all diesen Wirrnissen nichts Gutes ahnte.“ Die verstörte junge Frau beklagte: „Ein Drunter und Drüber und keiner wusste, wo er hingehörte. Täglich entstanden neue Parteien. Jeder war des anderen Feind geworden, und alle vergaßen darüber, dass sie eigentlich Deutsche waren und sich hätten einig sein müssen. Keiner war da, der das Volk zur Besinnung brachte und einte. Eine Partei machte die andere schlecht. Ein Mensch, der nun zwischen all den Parteien stand, war unglücklich und glaubte, zerquetscht zu werden.“

Ihr Verdacht: „Da steckt jemand dahinter, der unser Vaterland in den Abgrund ziehen will.“ Sie besuchte Versammlungen: Sozialdemokraten (öde und langweilig); Kommunisten, wo noch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sprachen (erzeugte in ihr eine antisemitische Einstellung).

Inzwischen Näherin in einem Modesalon, heiratete sie einen unpolitischen Luftikus, ging zur Deutsch-Nationalen Partei von Knüppel-Kunze (Richard Kunze, völkisch-nationalistischer Lehrer in Schöneberg, bald Politprofi und Verbreiter der Legende von der jüdischen Weltverschwörung.) Der bot fast, was sie suchte, aber nicht ganz.

1923 hörte sie von Hitler, „diesem mustergültigen Mann“. Kurz darauf kam ihre Tochter zur Welt; sie trennte sich von ihrem Mann, dem „leichtsinnigen Menschen“, machte sich mit einer Nähstube selbstständig. Abends las ihr Schwager aus „Mein Kampf“ vor: „Das gefiel uns.“

Als Hitlers Kampfschrift als Volksausgabe für sieben Mark erschien, kaufte sie das Buch, um es an andere „Volksgenossinnen“ zu verleihen. Sie berichtete für das Preisausschreiben von „herzerfreuenden Versammlungen mit unserem lieben Dr. Goebbels“ und von ihrem ersten Treffen mit dem Führer – im Saalbau Friedrichshain. 1928 wurde sie Parteigenossin und erlebte nun die „schlimme Verbotszeit“. Kommunisten zerschlugen ihren Zeitungskarren, den sie inzwischen betrieb. Trotzdem spendete sie für die Partei und Goebbels, der gerade „sehr schwach bei Kasse“ war. Hedwig Eggert bekannte: „Ich hätte mich für die nationalsozialistische Idee in Stücke reißen lassen.“

Der Führer erwiderte die starke Zuwendung der Frauen unter anderem, indem er zum ersten deutschen Gender-Politiker wurde: Kein Politiker vor ihm (und lange, lange nach ihm) begann seine Reden konsequent mit der Anrede „Volksgenossinnen und Volksgenossen“.

Aus dem vielfältigen Panoptikum deutschen Lebens destilliert Wieland Giebel, der Herausgeber des Bandes, einige zentrale Motive heraus, die in den autobiografischen Einsendungen in der einen oder anderen Form immer wieder auftauchen. An erster Stelle die zündende Idee der harmonischen Volksgemeinschaft. Hitler habe, das sieht Giebel auch von diesen Selbstzeugnissen bestätigt, nicht nur die erste Volkspartei gegründet, er habe sie erfunden: „Eine Partei, die nicht an katholisch oder evangelisch gekoppelt ist, die nicht regional auftritt, die nicht für eine bestimmte Klasse da ist wie die KPD für das Proletariat.“

Die Abel-Sammlung belegt, wie verhasst der als destruktiv empfundene Parteienstreit der Weimarer Republik war. Auffällig tritt die massenhafte Irritation angesichts des Revolutionschaos’ von 1918 bis 1923 hervor. Viele Einsender teilten diese als höchst negativ empfundene Erfahrung. Und kein starker Mann weit und breit, der ordnen und führen konnte – 15 Reichskanzler sah das Volk in der Weimarer Zeit kommen und gehen. Bis Hitler erschien und mit dem Versöhnung verheißenden Satz faszinierte: „Sie müssen sich einander wieder verstehen lernen, die Arbeiter der Stirn und der Faust. Keiner kann ohne den anderen bestehen.“ Zudem gefiel vielen das Angebot, sich als edlere Rasse zu fühlen, das Edle, Tiefe des Deutschen gegenüber dem Frechen, Lauten, Erfolgreichen, Jüdischen wertzuschätzen. Dass die braune Bewegung frühe Stützung durch „das Kapital“ erhalten habe, wie in der DDR behauptet, verweisen die Berichte ins Märchenreich.

Die nunmehr der großen Öffentlichkeit zugängliche Sammlung birgt Teile der Antwort auf die Frage, wie die Deutschen zu einem Volk wurden, das Raub und Massenmord als begrüßenswerte Methoden staatlichen Handelns erachtete. Die meisten der Schreiber werden sich an den sozialpolitischen Großtaten der Nazi-Regierung ebenso gefreut haben wie am Verschwinden der Juden. An der Kleinteiligkeit der Biogramme mögen Wissenschaftler verzweifeln. Aber wer heute in politisch vergleichsweise schläfriger Zeit wissen möchte, warum nationalistische Ideen wieder Massen ergreifen, wird in den politischen Lebensberichten jener deutschen Frauen und Männer von 1934 einige Antworten finden. Was nervt heute? Parteiengezänk, laute Minderheiten, unfähige Politiker. Wir sehen den Zorn der Abgehängten, den Neid der Zukurzgekommenen, die Furcht vor neuer Konkurrenz, Abstiegsängste. Und erkennen sie wieder.

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