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Wo Muharrem Ince auftritt, da wird es bunt und laut - wie hier in Istanbul.

Muharrem Ince

Dieser Mann könnte Erdogan vom Thron stoßen

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Erst unterschätzt, jetzt nicht mehr aufzuhalten: Muharrem Ince bringt Präsident Recep Tayyip Erdogan in Bedrängnis - ein Portrait zum Beginn der Wahl.

Der Hoffnungsträger kommt ohne Jackett und im Hemd mit aufgerollten Ärmeln, ein Abzeichen mit der türkischen Fahne im Knopfloch. Hunderte Menschen schwenken türkische Fahnen und die Flaggen seiner sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP). Der Platz im Istanbuler Stadtteil Esenyurt ist so voll, dass kaum Raum bleibt für die Wasserverkäufer. Leichtfüßig betritt der Kandidat die Bühne, winkt der Menge zu, die in laute Rufe verfällt: „Ince! Ince!“ Ihr Hochgefühl gilt dem Star des Wahlkampfs in der Türkei: Muharrem Ince, 54 Jahre alt, Präsidentschaftskandidat der CHP. Dem Mann, der angetreten ist, um den Langzeitherrscher Recep Tayyip Erdogan aus dem Palast in Ankara zu verjagen.

Am Sonntag sind rund 59 Millionen Einwohner der Türkei aufgerufen, ein neues Parlament und einen neuen Präsidenten zu wählen. Um sie zu erreichen, absolviert Muharrem Ince 102 Auftritte in 48 Tagen, von Diyarbakir im Südosten nach Edirne im Westen des Landes. Er ist ein exzellenter Redner, der alle Tonarten beherrscht: Witz, Polemik, Sarkasmus, Sentiment. Mit ihm verspürt die Opposition zum ersten Mal überhaupt Rückenwind – und zwingt Erdogan, der die türkische Politik seit 16 Jahren dominiert, in den schwersten Wahlkampf seines Lebens.

Mit der Wahl am 24. Juni tritt die Präsidialdiktatur in Kraft, die dem 64-Jährigen eine Machtfülle verleiht, wie sie zuvor nur der Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk besaß. Doch obwohl in den Städten des Landes fast nur Erdogan-Plakate und Flaggen seiner islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) zu sehen sind, obwohl der Staatsapparat, fast alle Medien und enorme Geldmittel ihren Wahlkampf stützen – sind die AKP-Mitglieder angespannt. „Früher waren sie in Wahlkämpfen optimistisch“, sagt Gareth Jenkins, in Istanbul lebender Türkei-Experte vom Schwedischen Institut für Sicherheits- und Entwicklungspolitik, „jetzt sind sie nervös und voller Verschwörungstheorien.“

Die Nervosität hat zwei wesentliche Gründe. Erstmals seit Erdogans Machtübernahme ist die Opposition geeint. Vier Oppositionsparteien haben eine Wahlallianz gebildet und könnten mit der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) die Parlamentsmehrheit erobern.

Der zweite Grund ist Muharrem Ince. Nie hätte Erdogan damit gerechnet, dass ihm ein ehemaliger Physiklehrer gefährlich werden könnte. Aber Ince demontiert den Mythos von Erdogans Unbesiegbarkeit. In Umfragen robbt er sich an den Titelverteidiger heran. Während die Werte Erdogans auf rund 39 bis 43 Prozent gefallen sind, hat Ince massiv gewonnen und steht bei etwa 30 bis 35 Prozent. Die Demoskopen sind sich einig, dass die Opposition Erdogan in eine Stichwahl am 8. Juli zwingen und Ince sein Gegner sein wird.

Der Herausforderer, Sohn eines Kraftfahrers aus der Provinz Yalova 60 Kilometer südlich von Istanbul, schlägt den Dauerherrscher mit dessen eigenen Waffen. Er kann rhetorisch zuspitzen, hat den politischen Killerinstinkt, spricht die Sprache der kleinen Leute. Erdogans übliche Angriffe auf „säkulare, ungläubige“ CHP-Politiker verfangen bei ihm nicht, weil Ince freitags in die Moschee geht und seine Mutter wie Schwester das Kopftuch tragen.

Vor allem aber profitiert er von der tiefen Sehnsucht auch vieler AKP-Anhänger nach gesellschaftlicher Versöhnung. Er will Erdogans Präsidialdiktatur verhindern und zurück zur parlamentarischen Demokratie, will die Medienzensur beenden, die Justiz aus den Fesseln der Regierung lösen, Kredite statt an große Holdings an kleine Händler und Bauern vergeben. „Seit 16 Jahren polarisiert und spaltet Erdogan die Gesellschaft. Ich werde genau das Gegenteil sein. Ich werde ein Präsident sein, der vereint“, sagt er.

War Erdogan 2001 als Populist angetreten, der die anatolischen Massen begeisterte, indem er seine niedere Herkunft betonte und sich als Kämpfer gegen das verdorbene kemalistische Establishment inszenierte, spielt Ince nun auf exakt derselben Klaviatur – nur genau andersherum. „Mein Rivale lebt in einem Palast, er ist reich, sein Geschäft ist gut. Er trinkt (extrem teuren) weißen Tee, während ich den gleichen schwarzen Tee trinke wie ihr“, ruft er.

Dann stellt er dem Präsidenten eine wichtige Frage: „Wir haben lange Zeit das gleiche Gehalt bezogen. Wie kommt es, dass Sie so reich geworden sind, und ich bin so arm?“ „Dieb Erdogan“, skandiert die Menge.

„Erdogan und die AKP kriegen den Mann nicht zu fassen“, meint Türkei-Experte Jenkins. Inces Popularität steigt mit jedem Auftritt auf den Plätzen oder im Fernsehen. Seine wichtigsten Waffen sind Offenheit, Witz und Polemik, die an den überbordenden Humor der Gezi-Proteste von 2013 gegen Erdogan erinnern. „Das ist kein Zufall“, sagt der Architekt Cem Tüzün aus Istanbul, einer der wichtigsten Köpfe der Gezi-Bewegung und selbst CHP-Mitglied. „Bei Gezi trafen sich erstmals ganz normale Leute, um einen Park und einen Lebensstil zu verteidigen. Jetzt ist eine neue Stufe erreicht: Ganz einfache Leute aus allen Schichten attackieren die Diktatur. Ince verkörpert die logische Fortsetzung von Gezi.“

Der Aktivist kennt Ince aus der Parteiarbeit. „Er ist ein einfacher Mann, integer, nicht korrupt. Ein linker Kemalist, der keine Probleme hat mit Kurden und anderen Minderheiten. Ein Mann des Volkes. Niemand hätte ihm zugetraut, was er jetzt leistet. Aber es passiert, weil er es schafft, eine tiefe Verbindung zu den einfachen Leuten aufzubauen.“

Es war Muharrem Ince nicht in die Wiege gelegt, dass er der Mann sein könnte, der den „Sultan“ womöglich vom Thron stößt. Er saß sechs Jahre im Parlament für die CHP, kandidierte zweimal vergeblich um die Parteiführung gegen den Langzeitvorsitzenden Kemal Kilicdaroglu. Sein politisches Talent blieb unentdeckt. Doch mit seiner dynamischen Kampagne und seinem Witz erreicht Ince jetzt Wähler weit über das traditionelle Spektrum der CHP, die in den vergangenen Jahren nie über 25 Prozent der Stimmen kam. Er schafft es, die Linken, die Säkularen, die Kemalisten, aber auch die Nationalisten und Religiösen anzusprechen – und sogar die Kurden, die für die CHP verloren schienen, da die Partei ihre Unterdrückung gerechtfertigt hat.

Im Kurdengebiet drehte Ince die Stimmung, indem er den inhaftierten HDP-Präsidentschaftskandidaten Selahattin Demirtas im Gefängnis besuchte. Während Erdogan ihre Städte zerbomben ließ und ihre Politiker ins Gefängnis warf, verspricht Ince den Kurden Frieden. „Lasst es uns klar sagen: Es gibt ein Kurdenproblem und der Ort es zu lösen, ist nicht hinter verschlossenen Türen, sondern im Parlament“, ruft der CHP-Kandidat bei einer Kundgebung in der Kurdenhochburg Diyarbakir. „Kurdische Bürger müssen respektiert werden.“

Praktisch alle Meinungsforscher prognostizieren einen Sieg der Opposition, falls die HDP über die Zehnprozenthürde kommt. Stimmen die Kurden in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl für Ince, könnte dies das Ende des Systems Erdogan bedeuten.

Dagegen wirkt der Präsident müde, uninspiriert, ausgebrannt. Wenn er nicht auf den Teleprompter guckt, vergisst er bei Kundgebungen, wo er sich befindet. Oder er behauptet, er habe Universitäten und Flughäfen gebaut, die es schon vor seiner Machtübernahme 2002 gab. Fotos halbleerer AKP-Kundgebungen kursieren auf Facebook und Twitter. Wenn Erdogan im Fernsehen spricht, sinken die Quoten, während jeder TV-Auftritt Inces die Aufmerksamkeitskurve nach oben schnellen lässt. „Erdogan hat kein politisches Projekt mehr, das die Massen begeistert“, meint Türkei-Forscher Jenkins.

Ince baut jede Rede auf den Alltagserfahrungen der Menschen auf. Sie wissen, dass Erdogan die „fetten Katzen“, eine bis ins Mark korrupte Schicht von neureichen Zentralanatoliern, ungeniert mit Staatsgeld, Staatsaufträgen, Steuervorteilen mästet. Zwar verzeiht ihm die Masse seiner Wähler die Vetternwirtschaft und Korruption, weil Krumen vom Tisch stets auch für sie abfielen. Gerade erst ließ Erdogan allen Rentnern 1000 Lira, rund 200 Euro, als Wahlgeschenk überweisen. Doch der Präsident und seine Partei plündern die Staatskassen für diesen Wahlkampf in beispiellosem Ausmaß. „Das kann nicht mehr lange funktionieren“, sagt ein westlicher Wirtschaftsanalyst. „Die Türkei steht kurz vor einer schweren Rezession.“

„Ich habe immer für Erdogan gestimmt, aber diesmal wähle ich die Opposition“, sagt Bahattim Yatim, Inhaber eines kleinen Baumarkts in Istanbul. „Keiner kauft mehr ein, selbst Bekannte von mir sind arbeitslos geworden.“ Die Inflation hat offiziell 12 Prozent erreicht. Die allgemeine Arbeitslosigkeit steht bei 12, die der Jugend bei über 20 Prozent.

Noch ist Erdogan der Favorit. Mit seinen militärischen Erfolgen in Syrien überzeugt er auch säkulare, nationalistische Wähler. In einer Geheimrede rief er zudem Parteimitglieder dazu auf, „mit spezieller Arbeit“ HDP-Anhänger am Wählen zu hindern. „Die Furcht vor einem Wahlbetrug ist berechtigt“, sagt Gareth Jenkins. „Erdogan sieht den Machterhalt als Notwendigkeit nicht nur des politischen, sondern auch des physischen Überlebens an.“

Am Donnerstagabend spricht sein Herausforderer Ince in Izmir zu 2,5 Millionen Menschen. Es ist die größte politische Kundgebung, die es in der Ägäismetropole je gegeben hat. Nach einem Drittel seiner Rede stoppen alle TV-Sender die Übertragung und schalten nach Istanbul, wo Erdogan gerade erstmals auf dem neuen, noch im Bau befindlichen dritten Flughafen landet. Als Ince die Menge auffordert, seine Rede mit ihren Smartphones zu übertragen, wird das Internet abgestellt. „Ihr stehlt unser Geld, ihr betrügt, ihr verletzt meine Rechte im Fernsehen und jetzt gibt es auch kein Internet. Gott verdamme euch“, ruft Ince. Die Menge skandiert: „Dieb Erdogan!“ Und dann: „Ince Präsident!“

Mitarbeit: Can Öztürk

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