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Es muss sichergestellt werden, dass Patienten angemessen versorgt werden.

Krankenkassen

„In dieser Krise arbeiten wir alle Hand in Hand“

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Doris Pfeiffer vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen über schnelle Hilfen für Infizierte und gerechte Lastenverteilung in der Corona-Krise.

Frau Pfeiffer, Ärzte, Pfleger und Krankenhäuser melden sich wegen der Corona-Epidemie zu Wort, doch die Krankenkassen und ihre Verbände verhalten sich auffallend ruhig. Was ist los bei Ihnen?

Wir wollen den vielen Menschen, die sich jetzt in vorderster Reihe um die Patienten kümmern, den Rücken freihalten. Das machen wir im Hintergrund durch Gespräche und Vereinbarungen mit Vertretern der Ärzte, Kliniken, Pflegeeinrichtungen und der Politik. Wir sorgen dafür, dass die gesundheitliche Infrastruktur auch unter Krisenbedingungen funktioniert, während Mediziner und Pfleger vor Ort die praktische Versorgung sicherstellen. Gleichzeitig sind die Krankenkassen im Dauereinsatz bei der Beantwortung von Versichertenanfragen und der Lösung individueller Probleme.

Können Sie garantieren, dass weiterhin jeder Patient in Deutschland angemessen medizinisch versorgt wird?

Wir erleben gerade eine riesige gemeinsame Anstrengung in diesem Land, um genau das sicherzustellen. Einerseits werden die Behandlungskapazitäten ausgebaut, auch die Absage planbarer Operationen gehört dazu. Andererseits wird das soziale Leben durch politische Vorgaben so weit wie möglich eingeschränkt, um die Ansteckungen auf ein Minimum zu konzentrieren. Beides ist notwendig. So können wir die Ausbreitung des Virus verlangsamen und gleichzeitig zusätzliche schwer Erkrankte behandeln. Ich bin zuversichtlich, dass in Deutschland als Ergebnis dieser gemeinsamen Anstrengung, an der sich die gesamte Gesellschaft beteiligen muss, jeder die angemessene medizinische Behandlung bekommt.

Was tun die Krankenkassen, um Ärzte und Krankenhäuser zu entlasten, damit sie sich auf die Versorgung von Infizierten konzentrieren können?

Doris Pfeiffer ist Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen.

Zum Beispiel können Patientinnen und Patienten sich seit Anfang letzter Woche bei leichten Atemwegserkrankungen einfach telefonisch für sieben Tage krankschreiben lassen; und das gilt auch bei der Erkrankung eines Kindes. Das entlastet die Arztpraxen und vermindert direkte Kontakte. Den Pflege-TÜV haben wir erst mal ausgesetzt, damit die Pflegekräfte in den Heimen und bei den Pflegediensten freie Kapazitäten für die direkte Versorgung der Pflegebedürftigen bekommen.

Wird es zusätzliches Geld von den Kassen geben, damit etwa Mediziner im Ruhestand reaktiviert werden können?

In einer solchen Krise ist es ein beeindruckendes Zeichen von Gemeinsinn, wenn Ruheständler sich zurück in der Klinik melden und sagen: „Hier bin ich, wo kann ich helfen?“. Dass diese notwendigen zusätzlichen medizinischen und pflegerischen Leistungen finanziert werden, steht für uns außer Frage!

Es wird davon ausgegangen, dass es früher oder später eine Priorisierung bei der Behandlung geben wird, um Leben zu retten. Wie kann man gewährleisten, dass es dabei für die Versicherten fair zugeht?

Wir priorisieren bereits jetzt, wenn wir sagen, dass planbare Behandlungen zunächst abgesagt werden sollen, um Intensivkapazitäten in den Kliniken für schwer an dem Coronavirus Erkrankte frei zu bekommen. Minister Spahn, Ärzteschaft, Pflegekräfte und Krankenkassen arbeiten jetzt gemeinsam mit großem Einsatz dafür, eine Priorisierung zu vermeiden, bei der es um Leben und Tod geht.

Welche Forderungen stellen Sie an Gesundheitsminister Spahn?

In dieser Krise arbeiten wir alle Hand in Hand, das abgestufte Vorgehen der letzten Tage und Wochen finde ich richtig. Jetzt hört man immer wieder Leute sagen, man hätte dieses oder jenes früher oder anders machen sollen. Natürlich – hinterher ist man immer klüger und sicherlich erkennen wir in der Krise Dinge, die man im Vorfeld hätte besser machen können. Aber jetzt sind die kranken Menschen im Fokus. Jetzt brauchen wir Tag für Tag rasche Lösungen und Entscheidungen, die besonnen getroffen und umgesetzt werden. Ich finde, dass der Gesundheitsminister hier auch in der Abwägung und Staffelung der Maßnahmen gute Arbeit macht. Später setzen wir uns sicher auch mit der Politik zusammen und besprechen, was wir alle aus der dann hoffentlich insgesamt gut überstandenen Krise für die Zukunft lernen können.

Was wünschen Sie sich von Ärzten und Krankenhäusern?

Wir erleben bereits jetzt, mit welch beeindruckendem Engagement und welcher Leidenschaft das medizinische und pflegerische Personal an der Lösung dieser historischen Aufgabe arbeitet. Wir als Gesellschaft können uns nur wünschen und vor allem daran arbeiten, dass die Last für das System insgesamt, aber vor allem auch für den Einzelnen, nicht zu groß wird.

Die Krankenkassen haben immer wieder beklagt, es gebe in Deutschland zu viele Kliniken mit zu vielen Betten. War das ein Fehler?

Uns geht es um die strukturelle Weiterentwicklung des Gesundheitswesens. Beispielsweise würde heute niemand mehr eine Vielzahl von kleinen Kliniken in Ballungsgebieten planen, wie wir sie heute in Deutschland haben. Zahlreiche dieser kleinen Kliniken haben weder Personal noch Ausstattung, um schwer erkrankte Coronapatienten angemessen zu versorgen. Die Coronapandemie mit all ihren Herausforderungen entbindet uns nicht von der Aufgabe, die Krankenhausversorgung zukunftsorientiert weiter zu entwickeln.

Interview: Tim Szent-Ivanyi

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