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In Italien gibt es bereits Ausgangssperren.

Interview

„Diese Einschränkungen halten wir nicht ewig durch“

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Eine Ausgangssperre schränkt die Freiheitsrechte ein und birgt sozialen Sprengstoff. Ist sie trotzdem im Kampf gegen Corona angemessen?

Der Ärztepräsident Klaus Reinhardt spricht über die drohende Überforderung der Gesellschaft und die Option, Risikogruppen länger zu isolieren.

Herr Reinhardt, Sie sind nicht nur Ärztepräsident, sondern arbeiten weiter als Allgemeinmediziner in Ihrer Praxis in Bielefeld. Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Die Menschen sind extrem verunsichert. Auf sie prasseln eine Unmenge von Nachrichten ein, die sie oft nicht verstehen und einordnen können. Wir Ärzte sind dann oft die erste Anlaufstelle. Ich hatte zum Beispiel am Montag über 70 zusätzliche Anrufe von besorgten Menschen. Das hält leider unheimlich auf, zeigt aber, wie die Stimmung und wie groß das Informationsbedürfnis ist. Vielleicht wäre das eine gute Aufgabe für Mediziner, die uns aus dem Ruhestand heraus unterstützen wollen.

Ist Deutschland inzwischen gut vorbereitet auf die Bewältigung der Krise?

Zu den radikalen Maßnahmen der Bundesregierung gibt es keine Alternative. Wir müssen dafür sorgen, dass die Infektionskurve möglichst flach verläuft. Ich mache mir aber Sorgen über die Perspektive. Ich glaube nicht, dass wir das, was wir jetzt tun, monatelang fortführen können.

Wieviel Zeit geben Sie uns?

Die jetzigen Einschränkungen hält unsere Gesellschaft nicht ewig durch. Irgendwann müssen sie angepasst und auch zurückgefahren werden. Aus zwei Gründen: Die Ängste und Sorgen würden die Menschen psychisch überfordern. Außerdem würde ansonsten irgendwann das wirtschaftliche Leben zusammenbrechen. Der Shutdown sollte daher schon aus psychologischen Gründen klar zeitlich begrenzt werden. Und wir müssen uns Gedanken machen für den Tag X, wenn die jetzigen Maßnahmen wie Schulschließungen beendet werden. Wir müssen die knapp bemessene Zeit nutzen, die wir uns jetzt erkauft haben.

Woran denken Sie?

Unstrittig ist, dass die Menschen im Alter 65+ besonders gefährdet sind. Diese Menschen und andere Risikogruppen wie chronisch Kranke müssen darauf vorbereitet werden, dass die jetzt geltenden Einschränkungen für sie länger gelten. Wir brauchen umfassende Maßnahmen, um diese Bevölkerungsgruppe isolieren zu können, während sich das öffentliche Leben wieder schrittweise normalisiert. Dazu gehört die Frage, wie diese Menschen mit allem Lebenswichtigen zu Hause versorgt werden können, ohne selbst auf die Straße gehen zu müssen.

Wie könnte das denn funktionieren?

Zur Person

Klaus Reinhardt ist Präsident der Bundesärztekammer und Facharzt für Allgemeinmedizin. 

Dringend nötig ist es, jetzt eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen. Wir brauchen dazu pragmatische Lösungen und vor allem ein dichtes Netz von Helfern. Sinnvoll wäre sicherlich, umgehend die Kapazitäten bei Sozialverbänden, Wohlfahrtsorganisationen und caritativen Einrichtungen zu verstärken. Sie haben große Erfahrungen in diesem Bereich, die wir nutzen müssen.

Aber wenn die allgemeinen Einschränkungen aufgehoben werden, dann kann sich das Virus wieder ausbreiten. Dafür müssen wir gewappnet sein.

Richtig. Deshalb müssen wir mittelfristig Maßnahmen finden, die eine unkontrollierte, schnelle Verbreitung des Virus und damit eine Überforderung unseres Gesundheitswesens verhindern, zugleich aber gesellschaftliches Leben und wirtschaftliches Handeln ermöglichen. Wichtig ist, dass wir Risikogruppen isolieren, dann können wir durch eine langsame und kontrollierte weitere Ausbreitung in der jüngeren Bevölkerung einen Durchseuchungsgrad erreichen, der die Epidemie zum Ende bringt.

Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, jetzt erst einmal zu noch schärferen Maßnahmen zu greifen, also zum Beispiel deutschlandweit eine Ausgangssperre zu verhängen?

Nein, das halte ich für kontraproduktiv. Damit schaffen sie eine gespenstische Atmosphäre, die die Menschen extrem ängstigt. Das kann auch dazu führen, dass die Solidarität in der Gesellschaft, auf die wir jetzt dringend angewiesen sind, auseinanderbricht. Nein, uns bleibt nur, an die Vernunft der Menschen zu appellieren. Das muss man gebetsmühlenartig immer weiter tun. Ich habe aber den Eindruck, dass die Bevölkerung zunehmend den Ernst der Lage erkannt hat und mitzieht.

Interview: Tim Szent-Ivanyi

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