Johnson gilt vielen als „toxisch“

Schottland will die Unabhängigkeit – Großbritannien muss zittern

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
    schließen

Viele Menschen in Schottland sind unzufrieden mit Großbritanniens Premier Boris Johnson. Es ist nur einer von vielen Gründen, warum der Kampf für eine Abspaltung längst begonnen hat.

  • Schottland möchte sich vom Vereinigten Königreich abspalten
  • Großbritanniens Premierminister Boris Johnson kämpft für den Erhalt der Union mit Schottland
  • Viele Menschen in Schottland lehnen die Brexit-Politik Johnsons ab

Edinburgh/Schottland - Ein Referendum entschied 2016, dass Schottland Teil des Vereinigten Königreichs bleibt. Doch der Traum von der Unabhängigkeit scheint Schottland nicht loszulassen: Der zunehmende Drang nach Unabhängigkeit sorgt für Verwerfungen der schottischen mit der englischen Politik und für Panik in Downing Street.

Weil die Scottish National Party (SNP) unter Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon in Umfragen von Erfolg zu Erfolg eilt, hat der britische Premier Boris Johnson nun eine Stabsstelle zur Rettung des Vereinigten Königreiches eingerichtet. Die hat aber denkbar schlechte Startbedingungen: Johnson und seine Fixiertheit auf den Brexit unter egal welchen Bedingungen lehnen die allermeisten Schotten aus tiefer europäischer – und anti-englischer – Überzeugung ab.

Schottland: Umfragen zeigen viel Zustimmung für Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich

Jüngste Umfragen für die Wahl zum schottischen Parlament, die in neun Monaten ansteht, sprechen der seit 13 Jahren regierenden SNP 55 Prozent zu; weit abgeschlagen folgen die Torys mit 20 Prozent vor der einst übermächtigen Labour Party, die jetzt schon über zweistellige Umfrageergebnisse froh sein kann. Gemeinsam mit den ebenfalls zur Selbstständigkeit drängenden Grünen könnten die Nationalisten also mit einem klaren Mandat der Wähler eine erneute Volksabstimmung fordern. 2014 war diese noch klar mit 55 zu 45 Prozent zugunsten der Union ausgegangen.

Die Premierministerin von Schottland, Nicola Sturgeon, setzt sich für die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich ein.

Schottland vor der Unabhängigkeit? „Yes“ in Umfragen vorn

Wie damals bräuchte ein neuerliches Referendum auch diesmal die Zustimmung des britischen Regierungschefs. Dabei hat der Premier und selbst ernannte „Unionsminister“ mehrfach angekündigt, er werde entsprechende Anliegen aus Edinburgh in Schottland ohne Antwort zurückgehen lassen. Einer zweiten Volksabstimmung könne Johnson schon deshalb nicht zustimmen, „weil er Gefahr läuft, sie zu verlieren“, erläutert der Tory-Stratege und einstige Finanzminister George Osborne.

Dafür sprechen die jüngsten Umfragen: Seit Jahresbeginn lagen die Befürworter der schottischen Unabhängigkeit fast immer vorn, jüngst mit 54 Prozent.

Johnsons Bonbons

Die Liste neuer Mitglieder des britischen Oberhauses bringt Premierminister Boris Johnson wieder unter Beschuss. Von Vetternwirtschaft ist die Rede; er soll 36 linientreue Brexit-Anhänger für das House of Lords vorgeschlagen haben. Und wenn alle Vorschläge durchkommen, schwillt die Parlamentskammer auf 830 Mitglieder an, 200 mehr als im Unterhaus – eigentlich sollte sie kleiner werden. Die meisten Angehörigen des Oberhauses sind über 70 Jahre alt und viele von ihnen sind kaum je aktiv. John Bercow, der einst für Johnson äußerst unbequeme vormalige Unterhaussprecher schaffte es nicht auf die Liste. Viele finden das unerhört, denn in den vergangenen etwa 200 Jahren galten die Unterhaussprecher stets als gesetzt für das Oberhaus.

Ist das die Folge intensiver SNP-Eigenwerbung? Keineswegs, analysiert Nicola McEwen von der Uni Edinburgh: „Die Regierungspartei ist vollkommen auf Covid konzentriert, über die Unabhängigkeit wird nicht debattiert.“ Die Juristin Sturgeon gilt als ebenso vorsichtige wie strategische Denkerin, ihr Mann Peter Marrell ist Generalsekretär der SNP und führt diese straff. Er fühle sich an „eine oligarchische Organisation“ erinnert, scherzt ein Edinburgher Partei-Aktivist.

Schottland vor der Unabhängigkeit? Nicola Sturgeons Tartan-Mundschutz spricht Bände.

Unabhängigkeit Schottlands: Premierminister Johnson „toxisch“

Dass es sowohl an der Basis wie unter den Mandatsträgern brodelt, bewies an diesem Freitag die „Lex Cherry“. Einer neuen Direktive des Parteivorstandes zufolge müssen Unterhaus-Abgeordnete, die für das schottische Parlament kandidieren wollen, das alte Mandat mindestens zwei Monate vorher aufgeben.

Die Zeit brauche man, um dann die fällige Nachwahl zum Unterhaus zeitgleich zu organisieren. Joanna Cherry, die überaus populäre Unterhaus-Abgeordnete eines Edinburgher Wahlkreises, empörte sich daraufhin, dass die Regelung dann sie und ihr Parlamentsteam arbeitslos machen würde. Cherry gilt als Galionsfigur jener SNP-Mitglieder, die beim Ringen um die Unabhängigkeit auf größere Eile drängen; bei der Parteispitze hat sie sich damit unbeliebt gemacht.

Bisher amtiert als Abgeordnete für Edinburgh Central Ruth Davidson. Die 41-Jährige leitete die regionalen Torys acht Jahre lang und führte sie aus der Talsohle, ehe sie vergangenen Sommer überraschend hinwarf. Offiziell begründete sie ihren Rückzug mit ihrem damals knapp einjährigen Sohn; in Wirklichkeit dürfte der Chef-Brexiteer Johnson der gewichtigere Grund gewesen sein.

Der Premier gilt in Schottland vielen als „toxisch“. Was Wunder, dass Davidsons Nachfolger Jackson Carlaw jetzt nach nur fünf Monaten den Bettel auch hinschmiss – offiziell will der 61-Jährige einem jüngeren Gesicht Platz machen.

Immer mehr Schotten sind der Meinung dieses Kindes, das für die Unabhängigkeit vom Vereingten Königreich demonstriert.

Unabhängigkeit von Schottland: Geldversprechen aus dem Süden ziehen nicht

Distanz zu dem Engländer wird jeder brauchen, der in Schottland für die seit 1707 geltende Union werben will. Der Premier wollte jüngst mit einem Blitzbesuch auf den Orkney-Inseln für das einige Königreich werben und behauptete, in der Corona-Pandemie pumpe Westminster viele Milliarden in den Norden, der Brexit werde schottischen Fischern Reichtümer bringen. Geldversprechen aber hält „Times“-Kolumnist Alex Massie als Argument gegen die Unabhängigkeit für denkbar ungeeignet. Man habe den EU-Austritt mit „Souveränität und Identität“ begründet – die Schotten argumentieren aber genauso. (Von Sebastian Borger)

Rubriklistenbild: © Jane Barlow/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare