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Kippa-Tag in Frankfurt im Mai 2018: Ein Mann setzt ein deutliches Zeichen für Toleranz.
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Kippa-Tag in Frankfurt im Mai 2018: Ein Mann setzt ein deutliches Zeichen für Toleranz.

Interview

Antisemitismus: „Die wirkliche Gefahr gerät aus dem Blick“

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Holocaust-Forscher Amos Goldberg über die Hintergründe der „Jerusalem-Deklaration“ und warum im Kampf gegen Antisemitismus auch die Meinungsfreiheit verteidigt werden muss.

Herr Goldberg, die Zeichen stehen an der Wand, Antisemitismus nimmt zu. Was kann da eine neue Definition bewirken?

Eines vorweg, ich spreche hier für mich, nicht für die JDA, die Jerusalem-Deklaration zum Antisemitismus. Seit ein paar Jahren spüren wir, und damit meine ich mich und befreundete Kollegen, dass der Begriff Antisemitismus, wie ihn die IHRA, die International Holocaust Remembrance Alliance, definiert, nicht nur dazu dient, antisemitische Erscheinungsformen zu bekämpfen. Er wird teils auch missbraucht, um eine freie und ehrliche Diskussion über Israel und Palästina zu verhindern. Wir fühlten, dass das sehr gefährlich ist, vor allem, weil das dem essentiellen Kampf gegen Antisemitismus schadet. Wir wollten dieser Tendenz etwas entgegensetzen.

Und welche Rolle spielt Jerusalem dabei?

Das Projekt wurde hier initiiert und sollte eigentlich als unabhängiger Workshop unter dem Dach des Jerusalemer Van Leer Instituts stattfinden. Wegen Corona lief aber das meiste über Zoom-Konferenzen.

Erzählen Sie ein wenig mehr über den Entstehungsprozess der JDA, der Jerusalem-Deklaration. Es gibt da ja eine Kerngruppe, zu der Sie gehören, und einen offenbar wachsenden Unterstützerkreis, vor allem in Europa und den USA.

Wir haben eine ganze Reihe von Online-Seminaren geführt, einige Leute stießen dazu, andere blieben weg. Es war ein langer Prozess über sieben, acht Monate des Schreibens und Umformulierens. Inzwischen haben 210 der hervorragendsten Gelehrten, die sich mit jüdischen Studien, Antisemitismus, Holocaust und verwandten Feldern befassen, die JDA unterzeichnet und viele mehr wollen es tun.

Amos Goldberg: „Antisemitismus ist eine wirkliche Gefahr“

Sie haben unterschiedliche Meinungen zu BDS (der pro-palästinensischen Kampagne „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“, Anm. d. Red.) und anderen Themen in Bezug auf Israel und Palästina. Aber wir alle sind besorgt, wie Kritik an der israelischen Besatzung und auch am Zionismus mit Antisemitismus-Verdacht belegt und abgeblockt wird. Zuallererst, weil Antisemitismus eine wirkliche Gefahr ist und keine Phantasie. Aber ihn zu benutzen, um Israel vor Kritik zu schützen, schwächt die Bekämpfung des Antisemitismus aus vielerlei Gründen.

In welcher Weise?

Es lenkt die Aufmerksamkeit für die heute stichhaltigere Bedrohung durch Antisemitismus ab, die – wie man auch in Deutschland weiß – aus der radikalen Rechten kommt. Dorther rührt auch die Gewalt. Aber wenn die IHRA-Definition sich in sieben von elf Beispielen auf Israel bezogene Themen fokussiert, signalisiert sie tatsächlich, dass darin die eigentliche antisemitische Bedrohung liegt. Faktisch gerät so die wirkliche Gefahr aus dem Blick, und wir wollen ihn wieder auf die Spur bringen.

Aber Antisemitismus entwickelt wie auch ein Virus zahlreiche Mutanten.

Ich bestreite nicht, dass es antisemitische Trends auch unter den Linken gibt, zweifellos. Aber die größere Gefahr entspringt der radikalen Rechten. Wir wissen, was in Halle passiert ist, in Pittsburgh und andernorts. Dennoch sind, zum Beispiel in den USA, Regierungsbehörden mit radikalen Gruppen ziemlich nachsichtig umgegangen. Sie wollten sich mit ihnen nicht zu sehr anlegen, zumindest bis vor kurzem, da Donald Trump mit ultrarechten, antisemitischen Gruppierungen lose oder auch eng verbandelt war.

In Europa sind noch einige Rechtspopulisten an der Macht.

Ja, wie in Ungarn. Die israelische Regierung liebt Viktor Orban, für mich ist er antisemitisch mit seiner Kampagne gegen George Soros und die Juden, die angeblich die Welt kontrollieren. Hinzu kommt, dass ein auf Israel und Palästina fokussierter Kampf gegen Antisemitismus sich von dem Kampf gegen Rassismus abkoppelt, statt Allianzen mit anderen Minderheitsgruppen zu bilden.

Sich in aufrichtiger Weise Rassismus entgegen zu stellen, sollte Antisemitismus einbeziehen, so wie auch vice versa. Warum sind zwei Begriffe überhaupt nötig, worin liegt der Unterschied?

Moderner Antisemitismus ist eine Sorte von Rassismus, aber hat seine eigene Geschichte und Besonderheiten. Man kann sie nicht verschmelzen, aber beide Begriffe haben, zumindest in der heutigen Zeit, viel gemeinsam. Politisch sollten sie zusammen bekämpft werden, jedoch in Beachtung der deutlichen Eigenmerkmale im jeweiligen Fall. Es gibt dabei einen praktischen Aspekt.

Goldberg: IHRA-Definition stellt Antisemitismus allein

Wenn die IHRA-Definition den Antisemitismus gewissermaßen alleinstellt, lässt sich schwerlich die Hand zu anderen Gruppen, wie etwa Moslems und Palästinensern, ausstrecken, um sich gemeinsam gegen Rassismus und Antisemitismus zu stellen. Wie kann man einem Araber oder einer Araberin sagen, schließ dich dem Kampf gegen Antisemitismus an? Sie werden entgegen: „Verarscht uns nicht! Denkt ihr, ich helfe euch die Besatzung zu schützen? Das passiert doch, wenn man der IHRA-Definition folgt, ihr schränkt mein Recht auf Meinungsfreiheit ein.“

Zurück zur JDA, der Jerusalem- Deklaration, ein ziemlich ausführlicher Text mit Präambel, Definition und 15 Richtlinien, zehn davon der Frage gewidmet, was in Bezug auf den Nahostkonflikt Antisemitismus ist und was nicht. Ich vermute, dieser Teil war auch der kontroverseste in Ihren Zoom-Seminaren, oder?

Das betrifft jedenfalls sehr sensible und komplexe Themen. Was die IHRA-Definition vermissen lässt, ist eine Ausführung, was nicht unter Antisemitismus fällt. Aber genau das ist wichtig. Falls man das nicht klarstellt, sind Missverständnisse und Missbrauch die Folge, selbst wenn das nicht beabsichtigt ist. Man sagt ein paar sehr generelle Dinge, aber grenzt diese Allgemeinheiten nicht ab. Ich könnte viele Beispiele nennen, wie dies munitioniert worden ist, um legitime Redefreiheit zu unterdrücken.

Zur Person und Sache

Amos Goldberg, 55, ist Holocaust-Historiker in Israel und Leiter des Instituts für Zeitgenössische Jüdische Studien an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Er gehört zum Kreis der Initiator:innen der jüngst vorgelegten „Jerusalem-Deklaration zum Antisemitismus“ (JDA), die eine Alternative, aber auch eine Ergänzung sein soll zu der 2016 von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) verabschiedeten „Arbeitsdefinition Antisemitismus“. Letztere hatten viele Staaten, auch Deutschland, als Grundlage übernommen, um der wachsenden Zahl antisemitischer Phänomene entgegenzutreten.

Kritische Stimmen wenden ein, dass die „Arbeitsdefinition“ der IHRA vor allem im Hinblick auf israelbezogenen Antisemitismus zu ungenau formuliert sei. Sie könne daher missbraucht werden, um jegliche Proteste – etwa gegen die israelische Besatzung – als unterschwellig antisemitisch hinzustellen.

Die Jerusalemer Erklärung indessen setzt sich zum Ziel, den Kampf gegen Antisemitismus durch ein Bündnis mit der antirassistischen Bewegung zu stärken sowie Meinungsfreiheit und einen offenen Diskurs zu schützen. Die JDA definiert Antisemitismus als „Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische)“. Angehängt sind 15 Leitlinien, die für mehr Trennschärfe sorgen sollen, was Antisemitismus ist und was nicht.

Unterzeichnet haben die Erklärung mehr als 200 international bekannte Personen vornehmlich aus den Studienbereichen Antisemitismus, Holocaust und Judaistik, unter anderem Aleida Assmann, Peter Beinart, Wolfgang Benz, Omri Boehm, Mischa Brumlik, Eva Illouz, Uffa Jensen, Cilly Kugelmann, Hanno Loewy, Peter Schäfer, Peter Ullrich, Moshe Zimmerman und Moshe Zuckermann. geg privat

Ja, bitte!

Hier sind zwei: Ich glaube, es war 2019, als eine Holocaust-Überlebende aus Budapest, sehr kritisch zu Israel eingestellt, zu einer Talkrunde in der Universität von Manchester eingeladen wurde. Thema: „Warum tut ihr ihnen an, was sie uns angetan haben.“

Klingt äußerst provokant…

Aber Provokation ist nicht per se antisemitisch. Sie ist eine Holocaust-Überlebende. Wer will sich anmaßen, sie eine Antisemitin zu nennen? Dennoch wurde die Veranstaltung gecancelt. Ein anderes Beispiel betrifft die Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die vor wenigen Monaten einen „Report über israelische Apartheid“ herausgegeben hat. Sofort verpasste ihr die NGO Monitor das Label antisemitisch.

Vorwurf des Antisemitismus: Wer will Israelis vorschreiben, wie sie ihre Regierung kritisieren?

In beiden Fällen bezog sich der Vorwurf des Antisemitismus auf die IHRA-Definition. Denkt jemand wirklich, die B’Tselem-Leute sind antisemitisch? Wer will Israelis vorschreiben, wie sie ihren eigenen Staat und die Regierung kritisieren? Schauen Sie auf die Website des israelischen Außenministeriums: Bis jetzt vermengt Benjamin Netanjahu jegliche antizionistische Äußerung mit Antisemitismus nach Definition der IHRA.

Es ist auffällig, wie oft die zwei kleinen Wörter „per se“ in den Richtlinien der Jerusalem Deklaration vorkommen. Ich zitiere: „Der umstrittene Vergleich Israels mit Siedlerkolonialismus oder Apartheid ist nicht per se antisemitisch“. Oder Kritik, die von manchen als „Ausdruck doppelter Standards“ betrachtet werde, sei „nicht per se antisemitisch“. Das lässt Spielraum für Interpretationen. Die Linie, was Antisemitismus ist und was nicht, scheint doch extrem dünn.

„Per se“ heißt in diesen Fällen, dass etwas nicht aus sich selbst heraus antisemitisch ist. Trotzdem kann es antisemitisch sein, etwa wenn jemand aus Hass auf Juden Israel-Bashing betreibt. Der Kontext bestimmt die Bedeutung. Aber Sie haben recht, manchmal ist das nur eine dünne Linie.

Und nicht alles passt in die Schublade einer Definition.

Wir haben darüber viel diskutiert. Definitionen sind immer limitiert. Das Leben ist viel größer, komplexer, nuancierter als das, was man auf zwei Seiten definieren kann. Aber wir mussten auf die IHRA-Definition reagieren, die mächtig Einfluss gewonnen hat – 450 Institutionen, einschließlich Staaten, Parlamenten, Stadtverwaltungen, Universitäten und Fußballclubs, haben sie adaptiert.

Bronzene Mahnung gegen rechte Gewalt: Wolfsskulptur des Künstlers Rainer Opolka nahe der Synagoge in Halle.

Jerusalemer Erklärug: Definition von Antisemitismus dient Bildung und Erziehung

Wir verstanden, dass es jetzt darauf ankommt, eine andere Definition zu erstellen, die zwischen politischem, auch provokativem Diskurs und antisemitischem Diskurs unterscheidet. Eine Definition ist nicht unumstößlich wie die Zehn Gebote. Wir verstehen die unsrige als Einladung zur Diskussion, was antisemitisch ist und was nicht. Sie kann nicht alle Probleme lösen, und sie braucht und verträgt Kritik. Unsere Definition ist kein rechtliches Dokument, sondern dient eher der Bildung und Erziehung.

Macht es nicht auch einen Unterschied, wer über Antisemitismus diskutiert? Muss es nicht eine Linie geben, ob in Israel darüber debattiert wird oder im Rest der Welt, in der Juden und Jüdinnen eine Minderheit sind? Besonders Deutschland sollte da doch vorsichtiger sein.

Natürlich, Israel ist sehr verschieden von der Diaspora, und Deutschland ist zweifellos ein Spezialfall. Ich stimme Ihnen zu, dass die Deutschen sehr vorsichtig angesichts ihrer Vorurteile, des versteckten Antisemitismus auch im Mainstream sein müssen. Zweifelsfrei ist ihre Geschichte eine Last, und das aus triftigem Grund. Nichtsdestotrotz, gerade deswegen sollte man präzise sein.

„Ihr müsst mutig genug sein, euch entschieden gegen Antisemitismus einzusetzen“

Ich sage meinen deutschen Freunden: Macht es euch nicht zu leicht, indem ihr die Vorgaben der israelischen Regierung und ihrer Anhängerschaft im „Kampf gegen Antisemitismus“ übernehmt. Ihr müsst mutig genug sein, euch entschieden gegen Antisemitismus einzusetzen, aber ebenso für eine legitime politische Debatte. Zum Erbe aus Nazi-Deutschland gehört eben auch, dass Menschenrechte und Meinungsfreiheit heilig sein sollten.

Was hat Sie gerade als Israeli bei dem JDA-Projekt motiviert?

Neben den genannten Gründen gibt es eine dritte für mich signifikante Sache, nämlich in der Lage zu sein, offen über Fragen, die Israel und Palästina berühren, zu diskutieren – besonders jetzt, da die Zwei-Staaten-Lösung – wie viele glauben – tot ist. Was aber dann? Wir müssen nach neuen Wegen suchen, hier in Frieden zu leben. Und nein, es ist nicht antisemitisch, über einen egalitären, bi-nationalen Staat nachzudenken.

Wer behauptet denn, eine solche Debatte sei antisemitisch?

Die IHRA-Definition besagt, das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung zu bestreiten, sei antisemitisch. Wenn nun jemand beispielsweise eine bi-nationale Lösung vorschlägt, wird das dargestellt, als ob er oder sie Israels Existenzrecht leugnet. Dabei erkennen die Befürworter eines Ein-Staat-Modells gar nicht das israelische Existenzrecht ab. Aber die IHRA-Definition wird so oft benutzt, um genau diese Diskussionen zu blockieren.

Ein Grund, warum die Deutschen so wie die internationale Gemeinschaft sich an die Zwei-Staaten-Lösung klammern?

Natürlich können auch die Deutschen Vorschläge machen. Aber jene, wie etwa die Antideutschen, die mit ihrer eigenen Familiengeschichte oder Identitätskrise zu tun haben, sollten uns nicht sagen, dass Diskussionen über andere Optionen antisemitisch seien. Wir, die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen der Jerusalem Deklaration, sind nicht einer Meinung, wie eine Lösung aussehen könnte. Aber uns eint die Meinung, dass eine freie Diskussion über alle Modelle, ob zwei Staaten, ein Staat, eine Konföderation oder was auch immer, nicht antisemitisch ist. Interview: Inge Günther

Die Links zur Jerusalem Deklaration zum Antisemitismus:

Die Jerusalem Deklaration in der Originalfassung auf englisch.

Die Jerusalem Deklaration in deutscher Sprache.

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