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Poker war gestern, heute zockt Malte mit Pokémon-Karten.
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Poker war gestern, heute zockt Malte mit Pokémon-Karten.

Pokémon

Die weltweite Jagd nach dem Mauzi

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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  • Nina Luttmer
    Nina Luttmer
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Sammelkartenspiele sind – auch dank Corona – wieder mächtig en vogue. Früher lockte Pokémon vornehmlich Kinder, aber jetzt mischen auch geschäftstüchtige Erwachsene mit.

Der neunjährige Malte ist den Tränen nahe. Er wollte sich neue Pokémon-Karten kaufen. Aber dann: Das gleiche Bild, wie eine Woche zuvor schon! In der Filiale der Drogerie Müller in Frankfurt-Sachsenhausen sind die Regale, in denen eigentlich Pokémon-Artikel stehen sollten, leergefegt. Es sieht so aus wie während des ersten Lockdown in den Klopapier-Regalen deutscher Supermärkte. Und nicht nur bei Müller, auch in den Spielzeugabteilungen anderer Händler sind Pokémon-Artikel in den vergangenen Monaten immer wieder Mangelware.

Das „Pokémon-Fieber“ grassiert in Deutschland mindestens so intensiv wie in vielen Ländern der Welt. Und nicht nur Kinder und Jugendliche werden davon angesteckt, auch so manche Erwachsene sind nicht dagegen immun. Dabei geht es vor allem um die Pokémon-Sammelkarten – eigentlich nur einfache Pappkarten, bedruckt mit Abbildungen der kleinen Monster samt eines sie beschreibenden Textes.

Pokémon - ein Überraschungserfolg

Pokémon sind Comic-Fantasiewesen, ersonnen von dem japanischen Spiele-Multi Nintendo. 1996 brachte das Unternehmen das erste Videospiel auf den japanischen Markt. Die „Poketto Monsuta“ (zu Deutsch: Taschenmonster) wurden zu einem Überraschungserfolg und kurbelten die Verkäufe des Nintendo-Game-Boy an. 1999 erreichten die kleinen Monster dann Europa.

Und plötzlich war Pokémon hier omnipräsent: Videospiele, Sammelkarten, ein Kinofilm, eine TV-Serie, Vergnügungsparks und viele Merchandise-Artikel wie Plüschtiere, T-Shirts, Lampen... Das Monsterreich wird heute von der Pokémon Company, einem Joint Venture unter Beteiligung von Nintendo, verwaltet. Pokémon hat eine ganze Generation geprägt und spielte Nintendo Milliarden in die Kassen. Auf den Schulhöfen wurden Karten getauscht, nach Ende des Unterrichts ganze Nachmittage am Game Boy bei der virtuellen Jagd nach Glurak und Pikachu verbracht.

Pokémon-Flaute zwischen 2005 und 2010

Auf diesen ersten Boom folgten ruhigere Jahre. „Zwischen 2005 und 2010 hat Pokémon niemanden interessiert“, sagt Ben. Der Endzwanziger aus dem Rhein-Main-Gebiet sammelte schon als Kind Pokémon-Karten. Doch nach 2005 war Schluss: Die Karten landeten mit den ausrangierten Game Boys und anderen Spielsachen in Pappkartons auf den Dachböden oder im Müll. Ihre Besitzerinnen und Besitzer waren in der Pubertät, es gab wichtigeres als Taschenmonster.

Doch im Sommer 2016 erlebte Pokémon sein Comeback. Mit dem Spiel „Pokémon Go“ kamen die Monster ins Smartphone. Nutzer:innen konnten die kleinen Mangafiguren an realen Standorten jagen. An der Bushaltestelle ein Bisasam, im Park ein Mauzi.

Plötzlich sei der Markt geflutet gewesen mit Pokémon-Karten, erzählt Ben. Er begann damals, das Sammeln auch als Investment zu sehen: Eine Karte günstig kaufen, einige Jahre aufbewahren und dann nach einer Wertsteigerung mit Gewinn weiterverkaufen. Viele junge Erwachsene holten ihre alten Pokémon-Sammlungen aus dem Keller. Sie haben inzwischen meist ein eigenes Einkommen und das Kapital, auch teurere Karten zu erwerben.

Richtig befeuert wurde der Pokémon-Hype dann im vergangenen Jahr durch Influencer. Der US-amerikanische Youtuber und Social-Media-Star Logan Paul kaufte im Herbst 2020 eine originalverschweißte Kartenbox im Wert von 200 000 Dollar. Dann bot er Interessent:innen aus der ganzen Welt an, eine einzelne Packung – einen sogenannten Booster mit zehn Karten – daraus zu erwerben, welche dann im einem Livestream-Event von ihm geöffnet werden würde. Andere Influencer:innen in aller Welt kauften sich die Packungen für 11 000 US-Dollar pro Stück. Millionen Menschen sahen dabei zu, wie Logan die Booster dann öffnete – und anschließend schossen die Preise in die Höhe. Weitere Youtube-Aktive folgten mit ähnlichen Aktionen.

Ist die Karte echt?

Fälschungen erkennen: Vor allem englischsprachige Pokémon-Karten werden oft gefälscht, die Nachahmung deutscher Karten lohnt sich wegen der geringeren Reichweite kaum. Es gibt jedoch einige Möglichkeiten, Fake-Karten zu erkennen. Klar ist: Ein ungewöhnlich niedriger Preis ist ein Hinweis auf gefälschte Karten, insbesondere wenn sie aus China versandt werden. Gefälschte Karten sind zudem häufig leicht kleiner oder größer als echte Karten. In den meisten Fällen sind Fälschungen blasser und haben schlechteren Druck. Auch an der Rückseite kann man gefälschte Karten oft erkennen: Bei unechten Karten ist die Farbe eher in einem Lila-Ton gehalten oder blasser, der „Pokeball“ ist auf manchen Fälschungen umgedreht (die rote Hälfte muss oben sein).

Karten bewerten: Immer mehr Händler:innen schicken ihre Karten für eine Bewertung in die USA. Dort gibt es seit Jahrzehnten Firmen wie Professional Sports Authenticator, die Baseball- und andere Karten bewerten – inzwischen auch Pokémon-Karten. Die Firmen stellen Zertifikate aus und vergeben Noten: Ist die Karte echt? Wie viele andere dieses Typs wurden produziert? Anschließend wird die Karte in Plastik eingekapselt, um sie vor weiteren Schäden zu bewahren. Der Zustand ist bei Sammlerobjekten alles. Für einfache Sammler:innen ist dieser Prozess zu aufwendig. Es gibt aber Internetplattformen wie etwa cardmavin.com, auf denen man durch die Eingabe der auf der Karte abgedruckten Kartennummer eine schnelle Preisschätzung erhalten kann. nl/sbh

Auch die Corona-Pandemie hat den Sammeltrend befeuert. „Letztes Jahr gab es einen generellen Anstieg beim Sammeln und Tauschen von Sammelkartenspielen, weil die Leute zu Hause geblieben sind und sich überlegen mussten, was sie mit ihrer Zeit machen“, erklärt Nicole Colombo, bei Ebay zuständig für Sammelkartenspiele. Die Pokémon Company jedenfalls machte im vergangenen Jahr mit 18,6 Milliarden Yen – das sind 140 Millionen Euro – den höchsten Gewinn ihrer bisherigen Firmengeschichte; im Vergleich zu 2019 war es ein Plus von 21,2 Prozent. Inzwischen gehört die Marke zu den wertvollsten Medien-Franchises der Welt.

Mehr als 34,1 Milliarden Pokémon-Karten hat die Pokémon Company eigenen Angaben zufolge bislang weltweit verkauft. In 13 Sprachen sind die Karten erhältlich, auch in Deutsch. Die Handelsplattform Ebay verzeichnete im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben einen Anstieg der Verkäufe von Pokémon-Karten um 574 Prozent im Vergleich zu 2019. Als besonders teuren Verkauf hob Ebay die Pokémon-Karte „Shadowless Holo Charizard“ aus dem Jahr 1999 für sage und schreibe 295 300 US-Dollar hervor.

Das Auktionsportal ist nicht die einzige Plattform, auf der die Sammelkarten gehandelt werden. Längst gibt es spezialisierte Marktplätze wie cardmarket.com, den in Europa nach eigenen Angaben rund eine halbe Million Menschen nutzen, um Pokémon-, Yu-Gi-Oh!- und Magic-Karten zu handeln. Immer wieder wechseln Karten für sechsstellige Beträge den Besitzer oder die Besitzerin. Im vergangenen Dezember zahlte ein Sammler laut Medienberichten rund 369 000 Dollar für einen Glurak – der Name des auf der entsprechenden Karte abgebildeten Taschenmonsters – von 1999.

McDonald‘s köderte mit Beigabe von Pokémon-Karten

Die Fast-Food-Kette McDonald’s packte in diesem Jahr Pokémon-Karten in die für Kinder gedachten Happy Meals – was zu einem Run auf die Filialen führte und dazu, dass einzelne Personen auf einen Schlag Dutzende Happy Meals mit Burgern und Pommes kauften, nur um an die Karten zu kommen.

In deutschen Schulen – und nicht nur da – tauschen die Kinder wie verrückt ihre Karten. Auch die Eltern mischen mitunter im Hintergrund mit, schauen im Internet nach dem Wert bestimmter Karten und geben ihren Kindern Anweisungen, was sie tauschen sollten und dürfen und was nicht. Da das auf den Schulhöfen immer wieder zu Streit führt, gibt es Schulen, die den Tausch von Sammelkarten auf ihrem Gelände inzwischen verbieten. Auch, weil nicht alle Familien sich den Spaß leisten können: Für einen Booster mit zehn Karten zahlt man knappe fünf Euro. Will man Packungen älterer Pokémon-Serien haben, muss man oft das Zigfache dieses Betrags auf den Tisch legen.

Pokémon-Fälschungen in Geschäften in Griechenland

Das hat längst Fälscher auf den Plan gerufen. Sie agieren vor allem von China aus, aber auch in Griechenland etwa können gefälschte Pokémon-Karten ganz offiziell im Supermarkt gekauft werden. Betroffen sind vor allem englischsprachige Karten, da dies für die Fälscher ein besonders großer Markt ist. Oft sind die gefälschten Karten kaum von Originalen zu unterscheiden. Auch unter Dieben sind Pokémon-Artikel ein gefragtes Gut: Der Einzelhandel verwahrt die Ware daher oft hinter verschlossenen Vitrinen oder versieht sie mit Sicherheitsetiketts, die erst an der Kasse abgenommen werden.

Auf der offiziellen deutschen Pokémon-Website entschuldigte sich der Hersteller zuletzt für die leeren Regale im Handel: „Wir sind uns bewusst, dass es momentan schwierig sein kann, bestimmte Pokémon-Sammelkartenspiel-Produkte zu erwerben, da eine sehr hohe Nachfrage besteht und es globale Versandengpässe gibt, welche die Verfügbarkeit einschränken. Wir sind uns im Klaren darüber, dass dies enttäuschend für unsere Fans sein kann und versuchen alles in unserem Ermessen Stehende, um dieses Problem zu lösen.“ Die Pokémon Company verspricht, die Produktion neuer Erweiterungen des Pokémon-Spiels in Zukunft zu steigern. Produziert werden alle Karten für den europäischen Markt in den USA.

Olaf Scholz setzt lieber auf Schlümpfe satt Pokémon

Für Pokémon-begeisterte Kinder wie den neunjährigen Malte aus Frankfurt sieht die Spielwaren-Welt derzeit etwas rosiger aus: Pokémon-Karten sind momentan wieder etwas leichter in den Geschäften zu finden als noch vor einigen Wochen.

Dass Pokémon ein Kinderliebling ist, musste zuletzt übrigens auch SPD-Bundeskanzlerkandidat Olaf Scholz erfahren. Im Interview mit zwei Kinderreportern für „LateNightBerlin“ auf ProSieben wollte der elfjährige Romeo von ihm wissen: „Wärst Du lieber ein Schlumpf oder ein Pokémon?“ Scholz wirkte etwas irritiert ob der Frage, entschied sich dann aber eindeutig für den Schlumpf – und dürfte damit für die allermeisten Kinder und Jugendliche ziemlich aus der Zeit gefallen gewirkt haben.

Ein Haufen noch originalverschweißter Pokémonkarten auf Japanisch von 1998 – die wahrscheinlich teuersten der Welt.

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