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Femizid in Mexiko: Die Verschwundene von der Straße des Terrors

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Von: Klaus Ehringfeld

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Im notorisch frauenfeindlichen und gewalttätigen Mexiko sorgt der Femizid an einer 18-Jährigen für Aufsehen.

Monterrey – Am Ende bleibt dieses Foto, aufgenommen um 4.25 Uhr am 9. April an einer der gefährlichsten Landstraßen im Norden Mexikos: Debanhi Escobar, schlank, groß und 18 Jahre alt, steht an der Fernstraße zwischen Monterrey und Nuevo Laredo in einem weißen Top, braunem Rock und braunen Turnschuhen. So als würde sie auf wen warten. Aufgenommen hat das verschwommene Bild der Chauffeur eines Fahrdienstes, nachdem er das Mädchen an jenem frühen Samstagmorgen an der Stelle abgesetzt hatte. Zuvor hatte er die junge Frau aus der Millionenstadt Monterrey bei einer Party abgeholt, um sie nach Hause zu bringen. Angekommen ist sie dort nie.

Was in den Minuten und möglicherweise Stunden nach der Aufnahme mit dem Mädchen geschah, ist ein Mysterium, das ganz Mexiko bewegt. Nur eins wissen alle: Debanhi Escobar ist tot, gestorben an Kopfverletzungen – und zuvor wurde sie offenbar missbraucht, auch wenn die beiden Autopsieergebnisse sich dazu nicht äußern. Zwölf Tage nach ihrem Verschwinden fand man sie tot im Wassertank eines nahen Motels. Trotz viermaligen Absuchens des Motels in den Tagen nach dem Verschwinden des Mädchens hatte die Polizei den Leichnam nicht gefunden. Es waren Hotelangestellte, die am 21. April Verwesungsgeruch in der Zisterne bemerkten. Nur so stießen die Behörden auf die Leiche. „Warum haben sie Debanhi erst beim fünften Suchen gefunden?“, zürnte Vater Mario Escobar. „Meine Tochter ist wegen lauter inkompetenter Leute tot.“

Inkompetenz ist in Mexiko das eine – Unwillen ist das andere. Denn ähnlich wie beim Drogengeschäft der Kartelle besteht auch bei anderen Verbrechen der begründete Verdacht, dass die Sicherheitsbehörden die Täter decken oder gar in die Taten verstrickt sind und daher Ermittlungen verschleppen oder torpedieren. Und so grausam wie der Fall Debanhi ist, so bekannt ist das Muster in Mexiko.

Femizid in Mexiko: „Die Spitze des Eisbergs“

Sechs Frauen verschwinden nach Angaben der Sicherheitsbehörden jeden Tag in dem nordamerikanischen Land. Und täglich werden zehn Frauen ermordet. Nicht immer sind die Lebensgefährten, Ehemänner oder Freunde die Täter; gerade in Mexiko werden Mädchen und Frauen auch Opfer der organisierten Kriminalität. Seit neuestem steht besonders der Bundesstaat Nuevo León im Fokus, nahe der Grenze zu den USA gelegen. Die Fernstraße, an der Debanhi verschwand, heißt im Volksmund wegen zahlreicher gewaltsamer Entführungen nur „Straße des Terrors“. Nuevo León ist Mexikos Wirtschaftszentrum, ein stark entwickelter Staat mit hohem Lebensstandard und vergleichsweise hohen Einkommen. Monterrey gilt als die reichste Stadt Mexikos. Aber in Nuevo León ist auch das organisierte Verbrechen gut vernetzt.

Die Menschen in Mexiko wollen endlich einen Rechtsstaat.
Die Menschen in Mexiko wollen endlich einen Rechtsstaat. © AFP

Und besonders dieses Jahr ist Nuevo León auch Zentrum der Gewalt gegen Frauen. Gouverneur Samuel García sagte jüngst, dass seit Jahresbeginn 327 Frauen verschwunden seien, von denen 289 lebend wieder auftauchten. 33 Mädchen und Frauen bleiben unauffindbar, fünf wurden tot aufgefunden. Die Mehrzahl der Verschwundenen sind zwischen 14 und 19 Jahren alt.

„Der Fall von Debanhi ist nur die Spitze des Eisbergs dessen, was in Nuevo León passiert“, sagt Leticia Hidalgo, Gründerin der Organisation „Fundenl“, die in dem Bundesstaat auf eigene Faust nach Tausenden Verschwundenen sucht, weil staatliche Stellen nicht wollen oder nicht können. Der Fall offenbare „Unregelmäßigkeiten und lässt Fragen aufkommen, die von der Staatsanwaltschaft nicht beantwortet werden“. Erinnerungen werden wach an die brutalen Serienmorde an Frauen in der Grenzstadt Ciudad Juárez in den 90er Jahren, für die der Begriff „Femizid“ einst ersonnen wurde. Aufgeklärt ist die überwiegende Zahl jener Morde bis heute nicht.

Femizide in Mexiko bleiben ungeklärt

Auch das Verbrechen an Debanhi wird wohl ungeklärt bleiben. Im von Gewalt gebeutelten Mexiko bleiben 95 von 100 Taten ungesühnt. Femizide machen da keine Ausnahmen.

Auch aus diesem Grund begann auch der Vater des Mädchens die Suche nach ihr noch am Morgen jenes 9. April selbst – unterstützt von vielen Bürgern und Organisationen. Denn auch bei Debanhis Verschwinden wiederholte sich ein für solche Fälle typischer Modus operandi in Mexiko: Die Polizei begeht haarsträubende Fehler, ihre Ermittler reden ohne Not von einem Unfall und schließen Mord und kriminelle Netzwerke aus. Videoaufnahmen tauchen erst nach und nach auf. Später entschuldigt sich das politische Establishment für „massives menschliches Versagen“, bei Polizei und Justiz werden ein paar Leute entlassen. Und nie weiß man, ob die Fehler begangen wurden aus Unfähigkeit, Unwillen oder ...

Das mysteriöse Verschwinden des Mädchens und sein Tod bewegen jedenfalls ganz Mexiko, überall protestieren Menschen gegen die Gewalt gegen Frauen. Demonstrierende fragen auf Transparenten: „Wie viele noch?“ Selbst Präsident Andrés Manuel López Obrador bot den Behörden von Nuevo León die Hilfe der Bundesregierung an, damit das Verbrechen so schnell wie möglich aufgeklärt werden kann. (Klaus Ehringfeld)

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