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Ankunft in Deutschland: Türkische Arbeiter landen am 27. November 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf.
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Ankunft in Deutschland: Türkische Arbeiter landen am 27. November 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf.

Gastarbeiter

Die verrückten Pioniere

  • VonJagoda Marinic
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Jagoda Marinic erzählt von der schweigenden Generation – den ihrer Eltern, die als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen und deren Leistung bis heute nicht richtig gewürdigt werden.

Gastarbeiter sind die Menschen meiner Kindheit. Gastarbeiter haben mir, wenn sie von der Nachtschicht kamen, ein Frühstück auf den Tisch gestellt für den Morgen. Meine Gastarbeiter gingen zur Arbeit, noch bevor ich zur Schule musste, sie riefen in den Pausen aus der Telefonzelle an, um zu fragen, ob das Abendessen gut war. Manche Gastarbeiter arbeiteten in Wechselschicht, manche Ehepaare sahen sich ein ganzes Arbeitsleben lang die Woche über nicht.

Die Gastarbeiterwochenenden mit gegenseitigen Besuchen waren laut, reich an Alkohol und Diskussionen über Deutschland und ja, Party eben. Sie sprechen bis heute so etwas wie ihr legendäres Pidgin-Deutsch, wenn sie über sich als Gastarbeiter sprechen, rollen sie das R. Meine Gastarbeiter waren Jugos, in meiner Straße lebten Italiener, Griechen, Türken. Ich liebte es, wenn sie selbstbewusst sagten: „Mi smo Gastarbajteri“. Immerhin hieß das, sie waren da, man musste ihnen einen Namen geben.

Wir Jugo-Kinder der Gastarbeiter wurden von Jugos schnell „Schwabos“ genannt, wir waren irgendwie schon deutsch. Deutsche wiederum nannten uns Kanakenkinder. Wir Kanakenkinder, wenn schon nicht Deutsche, spielten gerne untereinander, die Elternsprache trat zurück, Deutsch war unsere gemeinsame Sprache. Wenn die Eltern von einem von uns Besitzer einer Eisdiele waren, waren das für uns schon Bürgerliche: Arbeiten ohne Stechuhr, mit Lebensmitteln statt Fabriken. Ich beneidete meine italienischen Freunde manchmal, wenn sie bei ihren Eltern im Laden spielen konnten, während wir immer wieder allein in den Wohnungen eingeschlossen saßen, damit wir draußen keinen Unfug trieben, solange unsere Eltern die Schichten wechselten oder Einkaufen gingen.

Sobald die Eltern heimkamen, ging es auf die Straßen. Eine Straßenkindheit, in der Hierarchien erkämpft wurden, Mutproben nicht pädagogisch sinnvoll waren und die Erwachsenen so gut wie keine Rolle spielten, man mischt sich müde nicht ständig in die Kindheit der eigenen Kinder ein.

„Schwabos“ und Kanakenkinder

Die Jugo-Gastarbeiter in town waren meine Großfamilie. Alle hießen sie Tanten und Onkels, manche hatten ihre Kinder im Heimatland zurückgelassen und schenkten uns die Zärtlichkeit, die sie ihren Kindern nicht geben konnten. Ich verstand das damals nicht, dass mit diesem zärtlichen Blick mancher Freundinnen meiner Mutter eigentlich die abwesende Tochter gemeint war, dass sie mein Gesicht hielten und mich liebevoll ansahen, weil sie dachten: So alt ungefähr ist meine Kleine jetzt auch.

Wie viele Mütter und Väter ohne Kinder in meiner Kindheit, wie viele Kinder, die später erst über den Familiennachzug nach Deutschland kamen, aber ihren Eltern diese Jahre in Abwesenheit schwer verzeihen konnten, Kinder, die als Erwachsene bitterer über den Verlust ihrer Großeltern weinten als über den ihrer Eltern.

Die Frauen flochten mir französische Zöpfe und maßen an mir die Kleider ab, die sie für ihre Töchter in der Heimat nähten. Die Männer brachten mir Schach und Kartenspiele bei, fläzten auf unseren Sofas, ich durfte auf ihnen herumspringen als Mädchen, ich durfte von allen belehrt werden, meine Eltern durften selten unwidersprochen maßregeln, alle mischten sich ein, stritten miteinander, lachten, versöhnten sich. Nichts ist schöner als viele Eltern.

Das Wort Gastarbeiter begann weh zu tun, als wir, ihre Kinder, größer wurden. Als deutlich wurde, wir würden sie von dieser Einsamkeit nicht erlösen, weil wir Gastarbeiterkinder von der Art, wie unsere Eltern leben, lieben und feiern so weit entfernt sind wie die meisten anderen Deutschen auch. Manche von uns Kindern fingen an, die erste Generation zu belehren, damit wir uns für sie nicht schämen mussten. Wir, die Generation, die ernten durfte, während die erste gesät hatte. Viele wünschen sich, man würde diese Geschichte nur optimistisch erzählen, nur von den Erfolgen her, doch diese Geschichten sind immer beides, hoffnungsvoll und verlustreich.

Wann feiern wir diese Menschen?

Je mehr meine Generation mit Teilen der Mehrheitsgesellschaft die Anwerbeabkommen feiert, desto mehr schmerzt mich die Abwesenheit derer, die gefeiert werden müssten. Es ist Zeit, die eingewanderten Menschen zu ehren und ihnen Licht und Anerkennung zu geben. Das zu gestalten, ist schwieriger als mit uns deutschen Kindern. Nur wenige Kinder von Einwanderern schaffen es, die Hybridität zu leben: die Einflüsse unserer Eltern und das, was wir hier gelernt haben oder an weiteren Orten.

Die Körper der Männer und Frauen, auf denen ich als Kinder herumgeturnt bin, sind größtenteils nicht mehr da. Sie sind zu jung, um nicht mehr da zu sein, ich fühle mich zu jung, um ohne sie zu sein, aber so verstehe ich endlich ihre Einsamkeit, denn mit jedem und jeder, der und die ging, ging eine Welt an Tiefe und Einzigartigkeit, an Humor und Eigensinn.

Ich habe im Studium die Statistiken gelesen, die zeigen, wie sehr die Fabrikarbeit die Körper der Arbeiter verschleißt, doch seit diese Statistiken zu meinen Menschen werden, brennen sich die Zahlen in mir ein. Ich schäme mich längst nicht mehr für diese heute alten Menschen. Ich schäme mich für einen Diskurs über Vielfalt und Identität, in dem sie weiterhin keine Rolle spielen, weil sie weder hip noch telegen sind oder in den sozialen Medien Followerschaften aufbauen. Nur an so einem – willkürlichen – Jubiläum blitzen sie kurz auf.

Wenn wir über Minderheiten in Deutschland reden, spricht heute kaum mehr jemand über die Millionen Menschen von damals und heute, die heute, wie damals, schweigen. Dabei wäre noch Zeit, diese Menschen zu Lebzeiten zu würdigen. Sie etwa nachträglich einzubürgern, als Zeichen dafür, dass sie dazugehören, eben nicht Gäste sind.

Ich möchte dieser Generation so oft es geht die Ehre erweisen, von ihr zu erzählen. Daher bitte ich darum, dass man mich fragt: „Woher kommst du?“ Dann kann ich von diesen verrückten, liebevollen Pionieren erzählen. Denn meine Geschichte hier beginnt mit ihnen, mit ihrem Mut, ihrer Stärke und allem, was ich dadurch bekommen habe. Danke.

Jagoda Marinic ist Autorin von „Restaurant Dalmatia“ (Hoffmann und Campe), seit Mai 2021 ist sie zudem Gastgeberin des Podcasts „Freiheit Deluxe“ des Hessischen Rundfunks.

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